Klassik
Jagd nach Klicks und Spenden: Schweizer Orchester übertrumpfen sich zurzeit mit gestreamten Konzerten

Selbst das träge Tonhalle-Orchester Zürich ist erwacht, hat vor kurzem ein Konzert gestreamt. Andere Orchester zeigen sich wöchentlich ihrem Publikum und bereiten sich streamend für die Zeit nach Corona vor.

Christian Berzins
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Das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Paavo Järvi am 14. Januar 2021 in der leeren Tonhalle Maag.

Das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Paavo Järvi am 14. Januar 2021 in der leeren Tonhalle Maag.

Alberto Venzago

Wer sich von der Schweizer Streaming-Szene einen Überblick verschaffen will, kann zurzeit leicht die Orientierung verlieren. Wie der «Landbote» aus Winterthur zum Beispiel, der tatsächlich übersah, dass das eigene Stadtorchester seit Oktober so fleissig Konzerte streamt wie niemand sonst in der Schweiz. Statt das «Musikkollegium» zu erwähnen, hob die Journalistin des Kopfblatts «Tages-Anzeiger» Basel und Zürich hervor. Dabei war das Tonhalle-Orchester höchstens durch eine monatelange Schweigezeit aufgefallen, ehe man sich zum Streamen eines Konzertes bemüssigte.

Aber okay, mittlerweile gibt es kein Halten mehr, wir sind mitten in der zweiten Welle: die Streaming-Zahlen steigen. Was der Scala und der Mozartwoche Salzburg recht ist, ist auch der Zuger Sinfonietta billig. Und dem Orchestra della Svizzera italiana, der Camerata Bern, dem Sinfonieorchester Biel/Solothurn, dem Sinfonieorchester St. Gallen, Geneva Camerata, Camerata Basilea und anderen, die dieser Tage auf unserem Bildschirm präsent sind. Das Basler Sinfonieorchester hatte gar Mirga Gražinytė-Tyla zu Gast, jene Dirigentin, um die sich alle reissen.

Doch Vorsicht: Wer den Computer aufklappt und meint, dass eine Musikshow à la Wiener Neujahrskonzert unseren Feierabend aufhellt, irrt. Und zu hoffen, dass unser Computer plötzlich grandiose High-Fidelity-Töne von sich gibt, ist auch zu hoch gegriffen.

Streams geben einen Einblick in ein Konzert, eine Ahnung: Da geschehen Fehler, hier sieht vieles handgestrickt aus. Wurde etwa der Fagott-Einsatz in Takt 182 verpasst? In der Tat, der Kameramann hatte leider kein Regiebuch. Und jede zusätzliche Kamera kostet.

Die Einnahmen sind für die meisten Orchester gering. Ein Beispiel: Für ein Konzert des Argovia Philharmonic mussten die Nutzer unlängst 25 Franken hinblättern. 550 Geräte waren zugeschaltet, macht einen Saldo 13750 Franken – so die vermeintliche erfolgreiche Bilanz des Streams.

Keiner zu klein, um ein Streamer zu sein: Die ZugerSinfonietta am 12. Dezember 2020.

Keiner zu klein, um ein Streamer zu sein: Die Zuger
Sinfonietta am 12. Dezember 2020.

Stefan Kaiser / Luzerner Zeitung

Bei genauerem Hinsehen muss man hingegen sagen: dream on. Denn Abonnenten und Sponsoren erhielten einen Gratiszugang, Mitglieder setzten ihre für die Saison erhaltenen Gutscheine ein. Ohne die Spendebereitschaft der Orchesterfreunde hätte das Argovia Philharmonic keine Einkünfte im tiefen fünfstelligen Bereich erzielt. Die sind aber beachtlich, nimmt es doch mit einem «normal» ausverkauften Konzert nicht mehr als 15000 Franken ein.

25 Franken für die Aargauer, 9.90 Euro für die Berliner

Dennoch: 25 Franken ist viel, wenn man bedenkt, dass etwa die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker pro Monat 14.90 Euro kostet, 9.90 Euro für sieben Tage. Auch die Tonhalle-Gesellschaft verlangt «nur» 9.90 Euro fürs Konzert, selbst wenn man dort nüchtern sagt: «Kultur hat einen Wert.» Beim Musikkollegium bezahlt man, so viel man will. Wieder andere senden gleich ganz gratis.

Hätte man das Konzert also nicht besser als Benefizkonzert deklariert und auf die Kollekte der Zuschauer setzen sollen? Adrian Zinniker, Klarinettist beim Argovia Philharmonic, widerspricht und sagt, dass die Berliner Philharmoniker ein Millionenpublikum aus aller Welt hätten und mit der Digital Concert Hall auch mit diesen gemässigten Preisen grosse Einnahmen generieren würden. «Wir richten uns mit dem Livestream-Angebot direkt an unser treues Publikum.» Zudem kam der Effekt der Kollekte indirekt zu Zug: Viele Ticketkäufer machten von der Ticketoption mit Spendenanteil Gebrauch und zahlten zum Teil das Vierfache des Preises.

Aber machen wir uns nichts vor: Die rund 12 000 Franken eines Argovia Philharmonic reichen längst nicht aus, um die Kosten für die Übertragung und die dahinter stehenden Menschen zu decken. Das kostet je nach Orchester schnell 50 000 Franken. Eventuell hilft dem Argovia Philharmonic der Kanton Aargau weiter, denn ein neues Unterstützungsgefäss wurde geschaffen: die sogenannten Transformationsprojekte.

Wenn nicht der Kanton hilft, da vielleicht schon zu viele Diskussionen laufen um Kurzarbeit, Ausfallentschädigungen und so weiter, können Mäzene oder Sponsoren helfen: Das Luzerner Sinfonieorchester streamte am 2. Dezember ein Konzert mit den Stars Martha Argerich und Charles Dutoit mit freundlicher Unterstützung von Aline Forel-Destezet, Mäzenin in Verbier, Gstaad und Genf. Das Tonhalle-Orchester streamte dank dem Zustupf der Elisabeth-Weber-Stiftung und zusätzlich der Hans-Imholz-Stiftung, die den Tschaikowsky-Zyklus insgesamt unterstützt. 1498 Streamer waren beim Konzert von Chefdirigent Paavo Järvi «an den Geräten», mehr als erwartet. Auch hier waren viele treue Freundinnen und Freunde des Orchesters dabei.

Als Stars wie Martha Argerich und Charles Dutoit für ein Streaming gewonnen werden konnten, half dem Luzerner Sinfonieorchester im Dezember 2020 eine Mäzenin.

Als Stars wie Martha Argerich und Charles Dutoit für ein Streaming gewonnen werden konnten, half dem Luzerner Sinfonieorchester im Dezember 2020 eine Mäzenin.

lso

Mit wie vielen Zuschauern unsere Orchester längerfristig rechnen können, zeigt das Musikkollegium Winterthur, das seit Oktober (fast) alle geplanten Konzerte streamt. Von Beginn weg ging es aufwärts. Aufgrund der hohen Nachfrage erweiterte man bereits im November das Angebot auch für Nicht-Abonnenten. Den Preis konnten sie selbst wählen. Mittlerweile verzeichnet man regelmässig Zuschauer aus über zehn Ländern. Direkt nach der Schweiz mit dem grössten Viewer-Anteil folgen Japan und Südkorea, wo man letztes Jahr auf Tournee war.

Erstaunlich: 90 Prozent der Zuhörer, die ein Live­stream-Monatspaket buchen, erneuern es im Folgemonat. Unterschiede bei den Wochentagen oder Zeiten konnte Intendant Dominik Deuber nicht feststellen. Der Konzert-Rekordwert liegt bei 1300 Views, im Schnitt erzielt man um die 700 pro Konzert.

Erstaunlich: Winterthur spielt nicht locker-flockige Programme, passend zum Champagner. Diese Woche stand etwa die Uraufführung eines Bratschenkonzertes des Schweizer Komponisten David Philip Hefti an. Und noch erstaunlicher: Bis auf ein paar wenige Personen aus dem Kartenverkauf hat man keine Kurzarbeitsentschädigung angemeldet. Der Betrieb läuft «normal». Ausfallentschädigung angemeldet wurde einzig für weggefallene Ticketeinnahmen und Gagen von Kooperationsprojekten.

Winterthur zeigt: Nur gross sein nützt nichts. Quantität kann bei Finanzierungsfragen sogar für Schwierigkeiten und streamerische Zurückhaltung wie etwa beim Tonhalle-Orchester sorgen. Erfreulich, wie dagegen die Kleinen hohe Zahlen erreichen können: Die Basel Sinfonietta brachte es letzten Sonntag auf 1200 Views, obwohl man ausschliesslich neue, moderne, klassische Musik spielte. Daniela Martin, Geschäftsführerin der Basel Sinfonietta, sagt, dass das Alleinstellungsmerkmal der Sinfonietta als weitherum einziges Sinfonieorchester, das sich ganz auf zeitgenössische Musik spezialisiert hat, gerade beim Streaming zum Tragen kommt. Es soll so bleiben: «In der digitalen Präsentation sehen wir auch über die aktuelle Situation hinaus ein sehr grosses Potenzial für unsere internationale Wahrnehmung.»

Wie lange dauert die Loyalität den lokalen Orchestern gegenüber?

Sind Winterthur und Basel demnach Vorbilder, denen es nachzueifern gilt? Ob der aktuelle Streaming-Boom bei regionalen Orchestern noch lange und ungebremst dauert, darf bezweifelt werden. Die Loyalität wird zusammen mit den Spenden sinken, die Nachfrage nach Qualität steigen.

In Italien beispielsweise nützt Streaming nichts gegen Kritik. Der Dirigent Lorenzo Viotti wurde nach einem Konzert an der Mailänder Scala im lesenswerten Blog «lavocedelloggione» im Detail zerzaust. Damit tritt auch die Frage nach dem Preis in den Vordergrund. Orchester müssen eine Balance zwischen Sparen und Grosszügigsein finden: Das schlechte Gewissen drückt, denn Orchester sind zurzeit dank Kurzarbeit bezahlt, um zu schweigen.

Den zurückhaltenden Orchestern ist zu raten, sich jetzt für das digitale Leben im 21. Jahrhundert zu wappnen. Das Luzerner Sinfonieorchester wird im März wieder streamen. Auch die Grossen aus Basel und Zürich haben Pläne. In der Zwischenzeit spielen und streamen andere munter drauflos.

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