Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

SCHWEIZ–LIBANON: Die transformierende Kraft der Natur

Die Luzerner Künstlerin Gabriela Brugger nimmt als einzige Schweizerin an der ersten Kunstbiennale im Libanon teil. Ihre Installation reflektiert Zerstörung und Wachstum. Beide sind in diesem kriegsgebeutelten Land allgegenwärtig.
Julia Stephan
Gabriela Brugger (55) hält eine ihrer Zeitkapseln in der Hand. (Bild: Corinne Glanzmann (Malters, 9. August 2017))

Gabriela Brugger (55) hält eine ihrer Zeitkapseln in der Hand. (Bild: Corinne Glanzmann (Malters, 9. August 2017))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Es war in den 1960er-Jahren, als der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer (1907–2012), geistiger Vater der Hauptstadt Brasilia, in der damals wirtschaftlich flo­rierenden libanesischen Stadt Tripoli ein monumentales Messe­gelände konzipierte. Als Mitte der 1970er im Libanon der Bürgerkrieg ausbrach und das gesellschaftliche Leben über Jahrzehnte lahmlegte, wurde das heute unter dem Namen Rachid Karami International Fair bekannte Areal zum Niemandsland. Die Natur eroberte die monumentale Kulturleistung Schritt für Schritt zurück, bevor sie sich überhaupt hätte in Szene setzen können. Der syrischen Armee diente sie zeitweise als Militärbasis.

Beim Anblick von Niemeyers opulenten und erstaunlich gut erhaltenen Ruinen sei der Luzerner Künstlerin Gabriela Brugger erst bewusst geworden, wie eng ihre Kunst, welche die transformierende Kraft der Natur sich zunutze macht, mit der Situation im Libanon zu tun habe. Deshalb sagte Brugger auch bereitwillig Ja, als man sie anfragte, an der ersten Biennale für zeitgenössische Kunst im Libanon als einzige Schweizerin teilzunehmen.

Regelmässig im Libanon zu Gast

Brugger und ihr Partner, der Filmemacher und Journalist Oliver Affolter, besuchen den Libanon seit 2013 in hoher Kadenz. Die beiden haben sich in das Land, das vor der Bürgerkriegszeit wegen seiner wirtschaftlichen Stabilität und neutralen Haltung als «Schweiz des Orients» bezeichnet wurde und in dem man von den schneebedeckten 3000er-Berggipfeln zum Meer die ganze Bandbreite der Natur erleben kann, regelrecht verliebt. In Malters, wo das Paar lebt, flattert am Haus, das auf einem bewaldeten Grundstück steht, die libanesische Flagge mit ihrem charakteristischen Zedernbaum.

Der Verwesungsprozess, das Werden und Vergehen, das Häuten und Transformieren hat Brugger schon früh interessiert. Den stattlichen Feigenbaum in einer Gartenecke hat Brugger als Kind mit ihrem Vater, einem passionierten Mineraliensammler, einst von einem ehemaligen Anwesen Mussolinis aus Sardinien mitgenommen – der dürre Baum wuchs tapfer zwischen den Platten eines Balkons. Im Garten leben Brugger und Affolter Tür an Tür neben einem Igelbau, und unter den Bäumen hängen und stehen Bruggers mit Erde und ­Samen gefüllte Gips- und Betonkapseln, bei deren Transformation die Natur, namentlich die Insekten, fleissig assistieren.

Brugger folgt für ihre Installation «Time Capsules», die sie soeben auf dem Gelände einer ehemaligen Zementfabrik zwischen Beirut und Tripoli aufgebaut hat, dem Vorbild des brasilianischen Landschaftsgärtners Roberto Burle Marx (1909–1994), der Niemeyers Messe­gelände in Tripoli einst mitgestaltete. Der Pflanzensammler und Maler verglich die Gestaltung eines Landschaftsgartens jeweils mit dem Malen eines Bildes. Für seine Anlagen verwendete er nur einheimische Pflanzen.

Bruggers wie runde Textilbeutel aussehende, an Fäden in der Luft schwebende 40 Betonkapseln sind im Grunde Kokons für Pflanzen. Sie bergen Samen und Erde aus dem breiten botanischen Angebot des Libanon, die Brugger mit einheimischer Hilfe gesammelt hat. Bemalt mit Acrylfarbe und implantiert mit Tierfellen und transparenten textilen Stoffen hängen sie als anorganische und zugleich doch organische hybride Mischfiguren harmonisch in der Landschaft.

Zerstörung und Wachstum laufen parallel ab

Sie haben einiges zu sagen zum Thema der Biennale, das sich auf Deutsch mit «Brüche in der Repräsentation des Realen» übersetzen lässt. Denn die Wurzeln schlagenden Gewächse im Innern sprengen nach und nach die Betonhülle, die sie umgibt. Zerstörung und Wachstum laufen hier, wie im Libanon seit Jahrzehnten, parallel ab. Politisch instabil, floriert das Land, in dem bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge auf engstem Raum mit der Bevölkerung leben, immerhin kulturell. Festivals schiessen aus dem Boden wie Pilze. Die Street Art wird hier angstfrei auf zerschossenen Mauern zelebriert. Die Weltoffenheit, für die der Libanon in den 1950er- und 1960er-Jahren so berühmt war, sei wieder zu spüren, so Brugger.

Von der Korsage zur Kapsel

Die studierte Textildesignerin, die in den 1980er- und 1990er-Jahren für renommierte deutschsprachige Theater- und Opernhäuser Kostüme entwickelte, liebt die Transformation. Zu Beginn ihrer Künstlerkarriere hatte sie vor allem mit Schnürmieder von sich reden gemacht – auch an einer der ersten Fumetto-Ausgaben war sie mit einer Korsage mit dabei. Im Grunde ist der Weg von der Korsage zur Kapsel gar nicht so weit, wie es scheint, auch wenn dazwischen Jahre als Dokumentarfilmerin, Innenausstatterin und Designerin liegen. Brugger schnürt, wenn nicht Frauenkörper, so doch immer noch Organisches zusammen. Auch bleibt die Verwendung von Textilien ein Kontinuum, auch in ihrer Malerei.

Wegen des trockenen libanesischen Sommers werden Bruggers Zeitkapseln übrigens etwas mehr Zuwendung brauchen als in der Schweiz, wo die Künstlerin ihre Objekte jeweils dem Lauf der Natur überlässt. Bis die Biennale am 16. September eröffnet wird, kümmert sich ein libanesischer Kollege um die Bewässerung ihrer Installation. «Ich erhalte regelmässig Fotos, die Sache sieht ziemlich spektakulär aus.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.