«Seaspiracy»
«Eindeutig Propaganda»: Neue Netflix-Doku schockiert mit Bildern und Fakten zum Fischfang

«Seaspiracy» zeigt den zerstörerischen Einfluss des industriellen Fischfangs auf die Ökosysteme unserer Meere. Dabei setzt der Film aber auf militante Rhetorik und einseitige Wahrheiten.

Gülpinar Günes
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Polizeisirenen. Maschinengewehre. Leichen im Meer. Dramatisch-epische Musik. Und dann das beruhigende Rauschen des tiefblauen Meeres. Die ersten zwei Minuten der neuen Netflix-Doku «Seaspiracy» von Regisseur Ali Tabrizi sind eine audiovisuelle Achterbahnfahrt. Sie stimmen aber bereits auf den Rest des Filmes ein. Während rund eineinhalb Stunden deckt der Zuschauer gemeinsam mit dem jungen und sympathischen Protagonisten Ali die mafiösen Machenschaften hinter der Fischindustrie und deren Einfluss auf das Artensterben in den Meeren auf. Während aber Ali langsam zu realisieren beginnt, dass er die Meere nur mit dem Verzicht auf Fisch retten kann, sollte sich der Zuschauer fragen: Ist das wirklich die einzige Lösung?

Vorherige Filme bereits in Kritik

«Seaspiracy» ist die dritte Netflix-Doku des Filmproduzenten Kip Andersen. Er machte sich zuvor mit den Filmen «Cowspiracy» und «What the Health» einen Namen. In beiden Dokus werden der Fleisch- und der Lebensmittelindustrie verschwörungsartige Machenschaften vorgeworfen und der Veganismus als alleinige Lösung für mehr Klima- und Umweltschutz propagiert. «What the Health» beispielsweise geriet dabei in die Kritik der Medien, weil er die gesundheitlichen Folgen von hohem Zuckerkonsum herunterspielte und stattdessen alleine tierische Proteine als schädlich in den Fokus rückte.

Ähnlich geht nun auch «Seaspiracy» vor. Der Protagonist Ali, gespielt vom Regisseur, nimmt den Zuschauer mit auf eine scheinbar eigene Recherche in die Tiefen des Fisch- und Walfangs. Dabei wirkt der Film wie der Stream eines Youtubers, der seine Followers anspricht – alles sehr intim. Im Zentrum stehen Themen wie Überfischung, Zerstörung des Ökosystems in den Meeren sowie die Plastikverschmutzung durch die Fischerei. Dabei behauptet der Film, dass die Überfischung der alleinige Treiber des Artensterbens in den Meeren ist. Damit reduziert er die Komplexität des Ökosystems auf ein Fazit: Wer die Meere retten will, verzichtet auf Fisch – einen nachhaltigen Konsum gibt es nicht.

Die Rhetorik von militanten Umweltschutzfilmen

Prof. Dr. Margrit Tröhler

Prof. Dr. Margrit Tröhler

zvg

«Der Film ist eindeutig Propaganda», sagt Margrit Tröhler, Professorin für Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Sie hat sich den Film auf Anfrage der Redaktion ebenfalls angesehen. Die Rhetorik sei dieselbe wie bei militanten Umweltschutzfilmen. «Sie arbeiten mit zugespitzten Aussagen und Bildern, die ein dystopisches Weltbild kreieren», so Tröhler. Immer wieder werden dem Zuschauer Bilder von verwesenden Fischen und Walen gezeigt, blutgetränkte Küsten und Menschen mit Waffen. Dazwischen werden sehr schnell erschreckende Zahlen und Schlagzeilen eingeblendet und Zusammenhänge geschaffen, die in diesem Augenblick logisch erscheinen. Tröhler:

«Die schnelle Abfolge von Bild, Ton und Text überfordert den Zuschauer. Dabei entgleitet uns die Kontrolle und wir müssen annehmen, dass das alles stimmt.»

Der Film schaffe damit eine Komplexität, die unser tägliches Wissen übersteigt. Und mit der einfachen Antwort am Ende gibt er uns eine simple Perspektive, wie wir das ändern können.

Dass der Film militant anmutet, kommt nicht von ungefähr. Interviewt werden nebst Wissenschaftlern und Journalisten auch sehr viele Mitglieder der Sea Shepherd Conservation Society (SSCS): eine global tätige militante Organisation von Meeresaktivisten. Sie entstand in den 70er Jahren, als ihr Gründer Paul Watson Greenpeace verliess, weil sie ihm zu harmlos war. Ihr Ziel ist es, illegale Fischjagd auf der Welt zu stoppen, eigentlich sympathisch. Dabei schreckt die Organisation aber auch vor Gewalt nicht zurück, wie der Film zeigt. Darin wirkt die Zusammenarbeit zwischen der Organisation und den Filmemachern eher zufällig. Im Abspann und auf Social Media wird aber deutlich, dass das nicht stimmt: Den Sea Shepherds wird ein spezieller Dank ausgesprochen und auf der Website des Films ist der Shop direkt mit dem Shop der Organisation verbunden. Die Frau von Regisseur Tabrizi, die ebenfalls eine Rolle im Film einnimmt, posierte auf seinem Instagramprofil auch schon als Kapitän eines-Sea Shepherd-Bootes:

Wie schafft es der Film, dass der Zuschauer mit diesen Gruppen sympathisiert? Mit dem Protagonisten Ali. «Er ist ganz klar die Identifikationsfigur im Film», so Tröhler. Mit seinem modischen Erscheinungsbild entspricht er dem heutigen Zeitgeist und der Zielgruppe des Films. Er wird als unser Kollege inszeniert, dem wir bei seiner Enthüllungsrecherche über die Schulter schauen dürfen und mit dem wir uns identifizieren können. Wir folgen ihm auf seiner Heldenreise gegen die Bösen der Fischindustrie. Auf seinem Weg zur Wahrheit gerät die Figur oft in Schwierigkeiten, muss Hürden wie Filmverbote, Interviewabsagen und Enttäuschungen überwinden. Wir sympathisieren. Tröhler:

«Auf emotionaler Ebene arbeitet der Film sehr stark mit der Hauptfigur. Durch die die Enthüllungsrhetorik des Films entsteht dann der Eindruck von Transparenz – sie impliziert einen tiefen Einblick in das Thema.»

Die Schlussfolgerung des Films ist zu «einfach»

Dr. Matthias Egger

Dr. Matthias Egger

zvg

Ob die uns derart emotional präsentierten Infos stimmen, kann die Filmwissenschaftlerin nicht beurteilen. Dafür aber Matthias Egger. Er ist Umweltwissenschaftler und leitender Wissenschaftler bei The Ocean Cleanup, einer niederländischen Non-Profit-Organisation, welche sich der Säuberung der Meere und Flüsse von Plastik verschrieben hat. Egger, der selbst vegetarisch lebt, untersuchte in seinen Studien an der ETH Zürich und der Universität Utrecht in Holland unter anderem die Auswirkung des Klimawandels auf das Leben im Meer und findet die präsentierte Schlussfolgerung des Films, dass ein Verzicht auf Fischkonsum alle Probleme zu lösen vermag, zu einfach. Egger:

«Die Überfischung ist ein zentraler, jedoch nicht der einzige Faktor, worunter marine Ökosysteme leiden.»

Er nennt die Klimaerwärmung als Stichwort, die im Film heruntergespielt wird. Weitere wichtige Faktoren seien aber auch die Übersäuerung der Meere durch CO2, die vor allem Schalentiere, Korallen und gewisse Planktonarten gefährde, sowie Dünger, der ins Meer fliesst. Dieser führe zu Sauerstoffarmut in gewissen Regionen der Weltmeere. «Wenn zusätzlich zu diesen Gefahren noch die Biodiversität durch die Überfischung dezimiert wird, dann verringert das die Widerstandsfähigkeit mariner Ökosysteme gegenüber den anderen vom Menschen verursachten Problemen.» Darum sei die Schlussfolgerung des Films nicht falsch, aber sie zeige die Komplexität aktueller Probleme nur bedingt auf. So sind beispielsweise gewisse Weltregionen auf Fische als Proteinquelle angewiesen. «Wir in der westlichen Welt können ohne Weiteres auf Fisch verzichten.»

Eine vereinfachte Darstellung komplexer Zusammenhänge

Ähnlich verhalte es sich auch mit den Studien. Die präsentierten erschreckenden Zahlen der Fisch- und Plastikbestände im Meer seien gut recherchiert und in der Branche bekannt. Aber zeitweise seien die Zusammenhänge komplexer als im Film gezeigt wird. Beispielsweise wird eine Studie aus dem Jahr 2006 genannt, wonach die Meere bis 2048 leergefischt sein werden. «Das ist aber nur eine Schlussfolgerung der Studie», so Egger. Die andere besage, dass sich marine Ökosysteme relativ gut erholen können, wenn diese in Ruhe gelassen werden. «Es gibt lokale Beispiele, wo man es geschafft hat, nachhaltig zu fischen.» Beispielsweise indem man nur die «überschüssige» Fischpopulation gefischt hat.

Abgesehen von dieser vereinfachten Darstellung der gegenwärtigen Herausforderungen mariner Ökosysteme findet Matthias Egger den Film gelungen. «Ich war recht beeindruckt», sagt der 34-jährige St. Galler beim Videogespräch von seinem zu Hause in Holland aus. Weiter:

«Er zeigt die Realität des Fischfangs.»

Dem Protagonisten sei es gelungen, komplexe Zusammenhänge hinter dem Fischfang und dem Fischkonsum aufzuzeigen. Im Gegensatz zum Film aber denkt Egger, dass man basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und mit Hilfe einer gedrosselten Nachfrage auch nachhaltig Fisch konsumieren könnte.

«Seaspiracy» erfüllt die Mission, die er angetreten hat: In einem packend inszenierten Enthüllungsfilm bringt er ein Stück der Wahrheit über die Fischindustrie ans Licht. Er lässt jedoch wichtiges Wissen aus, weshalb der Zuschauer orientierungslos in diesem Meer an Informationen zurückgelassen wird. Das ist sehr schade angesichts der Reichweite des Films auf Netflix. Denn nur mit einem Verständnis für die Komplexität unseres Konsums können wir unsere Umwelt schonen. Darum ist die neue Doku doch mit gebotener Vorsicht zu geniessen und als Anstoss zum Nachdenken zu verstehen.