SEEBURG: Neues Leben für alte Zeiten

Wie kann man Traditionen erneuern und doch bewahren? Ein Piazzolla-Abend mit Isabelle van Keulen zeigte es in Musik und Bildern.

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Quartett mit dem starken Solisten-Duo Christian Berger (Bandoneon, Mitte) und Isabelle van Keulen (Violine). (Bild: Boris Bürgisser)

Quartett mit dem starken Solisten-Duo Christian Berger (Bandoneon, Mitte) und Isabelle van Keulen (Violine). (Bild: Boris Bürgisser)

Urs Mattenberger

Kann man Traditionen so erneuern, dass das Alte darin weiterlebt? Wie heikel das ist, zeigte kürzlich ein Ausruf an der Entertainment Gala des World Band Festivals. An dieser hatte Robin Marc Schwyzerörgeli-Grooves mit verqueren Rhythmen derart rabiat zugespitzt, dass ein Konzertbesucher fand, solch neue Schweizer Volksmusik habe mit der traditionellen rein gar nichts mehr zu tun.

Ein Modell für solche Prozesse der musikalischen Erneuerung präsentierte am Dienstag der Auftritt des Isabelle van Keulen Ensemble in der Reihe der «Seeburg»-Konzerte: Mit Musik von ­Astor Piazzolla, der einst den Tango mit Einflüssen aus Jazz und Klassik so revolutionierte, dass Traditionalisten sich empörten, mit Tango habe das rein gar nichts mehr zu tun. Aus der historischen Distanz aber weiss man: Piazzollas Innovationen, die aus urbaner Tanz- endgültig Kunstmusik machten, waren von Vorläufern wie Osvaldo Pugliese vorgespurt. Und die im Tango Nuevo wichtige Kombination von geraden und ungeraden Rhythmen ist ein Grundprinzip südamerikanischer Folklore, die längst in den Tango eingeflossen waren. Gut möglich also, dass Neue Schweizer Volksmusik bald einmal so selbstverständlich wirkt, wie Piazzollas Musik heute Klassikerstatus erlangt hat.

Crossover war gestern

Die Entdeckung des Abends war, wie stringent dieses Thema im Panorama-Saal der «Seeburg» in der musikalischen Interpretation wie in den dazu projizierten Fotografien von Tomasz Trzebiatowski umgesetzt wurde. Weniger überraschend war das im Fall des Spiels des Quartetts um die bekannte Geigerin, die an der Musikhochschule Luzern unterrichtet. Van Keulen setzt sich, unter anderem mit dem vorzüglichen Bandoneonisten Christian Gerber, seit fünf Jahren mit Piazzollas Musik auseinander. Und bewies an diesem Abend, dass die Adaption dieser Musik durch klassische Musiker inzwischen weit über den Status von modisch-adretten Crossover-Kopien hinausgelangt ist.

Nach einer zaghaften Aufwärmphase fand das Ensemble zunehmend zu jenem nervösen Biss, mit dem Piazzolla die Hektik einer modernen Grossstadt in den Tango hineinholte. Im Verlauf des Abends steigerte sich das – ohne Verstärkung – zu vielschichtig brodelnden, orchestralen Sounds, ohne dass die lyrischen Qualitäten verloren gingen.

Diese waren überhaupt das Herzstück dieses Ensemble-Spiels. Christian Berger fand zu einem ganz eigenen Ton, wenn er die Bandoneonlinien in dunkler Lage magisch in die Länge zog oder Harmonien und Nebenmelodien fast unhörbar dem Spiel der Kollegen beimischte. Und Isabelle van Keulen brachte nicht nur mit tangotypischen Spezialeffekten etwas Dreck mit ein, sondern spielte mit expressiv gesteigertem Sehnsuchtston in hoher Lage ihre Qualitäten als klassische Geigerin aus. Selbst bekannte Piazzolla-Klassiker wie Oblivion, Le Grand Tango oder Michelangelo 70 wirkten im eng verzahnten Zusammenspiel (Klavier: Ulrike Payer, Kontrabass: Rüdiger Ludwig) so authentisch, dass sich Stilfragen (Tango? Kammermusik?) erübrigten.

Imaginäre Welten

Da fügten sich Trzebiatowskis Bilder nahtlos ein. Der Pianist – und Leiter der «Seeburg»-Konzerte – wählte als Kontrapunkt ruhige Stillleben. Die Schwarz-Weiss-Fotografien von abstrakt stilisierten Alltagsgegenständen beschworen nicht nur die Melancholie und die «alten Zeiten», von denen in vielen Tango-Texten die Rede ist. Die unbenutzte Teekanne, die Uhr, die aus der Dunkelheit herausleuchtet, die fleckige Wand, auf der man eine Weltkarte für Reisen ins Nirgendwo imaginieren konnte: Es war, als würden sie existenzielle Chiffren aus traditioneller Tango-Poesie – das Unkraut am Wegrand, Mondsplitter in Strassenpfützen – in eine moderne Bildsprache übersetzen. Ähnlich, wie Piazzolla es mit seiner Musik tat. Stürmischer, ja johlender Applaus.

Hinweis

Aktuelle CD: Le Grand Tango (Challenge Classic)

Nächstes «Seeburg»-Konzert mit Bildern: Schuberts Winterreise arrangiert für Stimme (Julian Prégardien) und zwei Gitarren, 19. Februar 2016.