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SEELISBERG: Die Thesen des Humanisten Isaac

Aus der «Dringlichkeitskonferenz gegen Antisemitismus» anno 1947 gingen zehn bahnbrechende Thesen hervor. Deren geistiger Urheber geriet im deutschen Sprachraum fast in Vergessenheit – das soll sich ändern.
Dave Schläpfer, Universität Luzern
Er kämpfte gegen den Antisemitismus: Der französische Jude Jules Isaac (1877—1963) gilt als geistiger Urheber der Thesen von Seelisberg.

Er kämpfte gegen den Antisemitismus: Der französische Jude Jules Isaac (1877—1963) gilt als geistiger Urheber der Thesen von Seelisberg.

Dave Schläpfer, Universität Luzern

redaktion@luzernerzeitung.ch

Man kann ihn auf einem Gruppenbild mit den rund 65 Teilnehmenden der Seelisberg-Konferenz nur schwer ausmachen: ­Jules Isaac steht ganz links in einer hinteren Reihe und wird durch das Gesicht eines Vordermanns halb verdeckt. «Dass er sich als Person nicht in den Mittelpunkt drängen wollte, wozu es allerdings durchaus Berechtigung gegeben hätte, ist typisch für Isaac», sagt Verena Lenzen, Professorin für Judaistik und Theologie sowie Leiterin des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) an der Universität Luzern.

Besagte Fotografie ist eines der wenigen Bildzeugnisse der Konferenz, die vom 30. Juli bis 5. August 1947 im Hotel Kulm in Seelisberg UR durchgeführt wurde. Die Zusammenkunft, an der prominente Vertreterinnen und Vertreter jüdischer und christlichere Organisationen aus 19 Ländern teilnahmen, war ein «Gründungsereignis jüdisch-christlicher Verständigung im 20. Jahrhundert», auf das die Schweiz stolz sein könne, wie Lenzen ausführt: «Sie legte die Basis für die Konzilserklärung ‹Nostra Aetate› 1965 der katholischen Kirche, die einen grundlegenden Wandel der Sicht auf das Judentum markierte.»

Durchbruch bei Papstaudienz

Sowohl was die Konferenz als auch die Wegbereitung für die kirchliche Erklärung anbelangt, nahm der Franzose Jules Isaac (1877–1963) eine zentrale Rolle ein. «So war er der eigentliche Urheber der zehn Thesen von Seelisberg. In diesen wurde beispielsweise – geradezu revolutionär zu jener Zeit – auf die jüdische Abstammung von Jesus und Maria aufmerksam gemacht», so Verena Lenzen. «Auch ist es massgeblich seinem weiteren Engagement und der Privataudienz bei Papst Johannes XXIII. 1960 zu verdanken, dass es fünf Jahre später mit ‹Nostra Aetate› zur geradezu kopernikanischen Wende im Verhältnis der Kirche zum Judentum kommen konnte. Aufgrund seiner Verdienste um die jüdisch-christliche Verständigung ist es erstaunlich, dass Jules Isaac zumindest im deutschen Sprachraum fast völlig in Vergessenheit geraten ist.» Das möchte Verena Lenzen mit einer Biografie über den jüdischen Historiker und Pazifisten, die sie zurzeit verfasst, ändern.

«Das reinste Forscherglück»

«Es handelt sich bei Jules Isaac um ein Jahrhundertleben, das von revolutionären Ereignissen, Entdeckungen und Krisen, die auf tragische Weise auf die eigene Biografie einwirkten, geprägt war», fasst die Professorin, die seit 2001 an der Universität Luzern forscht und lehrt, zusammen. Sie ist kürzlich von einem längeren Forschungsaufenthalt im südfranzösischen Aix-en-Provence zurückgekommen, wo der Nachlass des dort verstorbenen Isaac archiviert ist. «Es war das reinste Forscherglück», bilanziert Lenzen. Nicht nur sei enorm viel Material erhalten, auch habe man ihr auf sehr unbürokratische Weise Zugang zu den wissenschaftlich noch kaum aufgearbeiteten Dokumenten gewährt. «Eine solche Arbeitsweise wäre bald nicht mehr möglich gewesen, da der gesamte Nachlass nach Paris an die Bibliothèque nationale geht.»

Geboren im nordfranzösischen Rennes, wächst Jules Isaac in einem bürgerlich-nationalen, jüdisch-assimilierten Milieu auf. Als er 14 Jahre alt ist, versterben innerhalb einer Woche beide Eltern; Isaac besucht fortan als Internatsschüler ein Elitegymnasium bei Paris, das einer Militärkaserne gleicht. Trost findet er beim fünf Jahre älteren Charles Péguy, dessen Ideale ihn ein Leben lang begleiten. Der Freund, inzwischen Schriftsteller geworden, fällt im Ersten Weltkrieg; auch Isaac, der mittlerweile als Geschichtslehrer arbeitet, wird schwer verwundet. Diese Erfahrungen schlagen sich in den dar­auffolgenden vier Jahrzehnten in seiner Tätigkeit als Redaktor für Schulbücher für den Geschichtsunterricht nieder, in denen er die nationalistisch geprägte Färbung revidiert und eine Perspektive von zwei Standpunkten aus einführt.

Das zweite grosse Trauma im Leben Jules Isaacs ereignet sich 1943, als seine Familie deportiert wird. Frau und Tochter werden ­ in Auschwitz ermordet. Er entkommt – dass er sich nicht selbst ausliefert, ist einem letzten Schreiben seiner Frau aus dem Lager Drancy zu verdanken, die ihn bittet, «das Werk zu vollenden, das die Welt erwartet». Entsprechend sieht Isaac seine Mission künftig in der Bekämpfung des Antisemitismus; den Grundstein dafür und für die zehn Thesen von Seelisberg legt er mit dem während seiner Flucht geschriebenen Buch «Jésus et Israël».

Ungebändigte Leidenschaft für die Wahrheit

«Beim Recherchieren im Archiv und bei der Lektüre der zahlreichen traurig machenden Zeitzeugnisse habe ich mich oft gefragt, wie ein Mensch, der so ­viele Katastrophen durchmachen musste, dennoch so viel Optimismus schöpfen und tatsächlich auf eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Christen- und Judentum hoffen konnte», sagt Verena Lenzen. Die Antwort sei wohl in seiner ungebändigten Leidenschaft für die Wahrheit und dem rigorosen Einstehen dafür zu suchen. Übrigens: Bei Isaac handelte es sich um die einzige Person, die auf der Teilnehmerliste der Seelisberger Konferenz keine Religionszugehörigkeit angab. Dies, da er sich zu keiner institutionellen Glaubensgemeinschaft bekennen wollte. Lenzen: «Jules Isaac war ein Humanist ohne religiöse Etikettierung.»


Hinweis

Am 19./20. Oktober 2017 findet an der Universität Luzern die wissenschaftliche Tagung «70 Jahre Konferenz von Seelisberg (1947)» statt. Am ersten, öffentlichen und kostenlos besuchbaren Teil vom 19. Oktober stehen verschiedene Vorträge auf dem Programm. Details unter www.unilu.ch/ijcf oder auch www.unilu.ch/agenda

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