SEETALER POESIESOMMER: «Wenn die Urner lospoltern»

Mundart-Literatur ist vielfältig, zäh und geht doch immer mit der Zeit. Dank Spoken-Word-Autoren liest auch ein neues Publikum Mundart.

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Sechs Wochen dauert er, der Seetaler Poesiesommer. Der Luzerner Poet Pedro Raas liest am längsten Literaturfestival der Schweiz – in Mundart und Hochdeutsch. (Bild: pd)

Sechs Wochen dauert er, der Seetaler Poesiesommer. Der Luzerner Poet Pedro Raas liest am längsten Literaturfestival der Schweiz – in Mundart und Hochdeutsch. (Bild: pd)

«I verzöue nid zum Plousch, i ver­zöue zum nochecho. Wenn i nid chönnt verzöue, de würdi das himutruurige Läbe sowieso nid tschegge», sagt der Goalie. Wer Pedro Lenz schon einmal auf der Bühne erlebt hat, spürt den Berner Autor ganz stark in diesen Zeilen; hört ihn, seine Stimme, seine Intonation und Phrasierung. Sein erster Mundart-Roman «Der Goalie bin ig» (2010) hat für ein lautes Aufhorchen in der Schweizer Literaturszene gesorgt, ja wurde gar für den Schweizer Buchpreis nominiert. Von seiner literarischen Qualität zeugt auch, dass das Werk bereits ins Italienische und ins Hochdeutsche übersetzt wurde.

Kein neues Phänomen

Mundartliteratur ist kein neues Phänomen. Insbesondere in der Deutschschweiz hat sich im 19. Jahrhundert eine breite und reiche Dialektliteratur herausgebildet, ­deren Anliegen oft konservativer Natur waren: die Bewahrung gefährdeter lokal- und regionalsprachlicher sowie nationaler Identität gegen die schriftsprachliche Kultur. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert etablierte sich eine erzählende Dialektprosa. Als eigenständige Gattung erschien der Dialektroman. Mit dem Aufkommen des Radios in den 1920er-Jahren entwickelte sich das Dialekthörspiel und später das dialektale Fernsehspiel.

Schweizer Mundarttag

Während die Diskussion um die Unterrichtssprache im Kindergarten – Mundart oder Hochdeutsch – die Gemüter auf der einen wie der anderen Seite echauffiert(e), steht am Literaturfest «tales» (7. Juli bis 11. August) die Freude an der Sprache in ihrer ganzen Vielfalt im Vordergrund. Seit zwölf Jahren gibt es innerhalb des Seetaler Poesiesommers den Schweizer Mundarttag. «Er bietet ein Panorama der dialektalen Vielfalt der Schweiz», sagt der Leiter Ulrich Suter und bringt gleich ein «Müsterli» ein: «Mängisch muess ech i d’Stöui // damet Säb luut werd / wo amigs nüd seid» aus dem geplanten Mundart-Gedichtband «Öbrigens ...» des Luzerners Pedro Raas. Er wird am Seetaler Poesiesommer lesen (Freitag, 2. August, 19.00, Beinwil am See).

«Das Publikum hat grossen Spass daran, Autoren und Erzählern in ihrer angestammten Mundart zuzuhören. Unvergesslich bleiben mir Episoden aus der Guriner Mundart (Bosco/Gurin, Vallemaggia, Tessin) oder wenn die Urner lospoltern», erzählt der umtriebige Luzerner Kulturschaffende aus seinem Erfahrungsschatz. «Ich erinnere mich auch an eine Lesung mit dem Obwaldner Lyriker Karl Imfeld. Man hörte eine Stecknadel fallen, als er seine verschmitzten Gedichte vortrug.»

Spoken Word

Vorgetragene Literatur ist auch – und wenn man nichts versteht «nur» – ein Klang- und Hörerlebnis. Mit Literatur als Performance, sogenannten Spoken-Word-Veranstaltungen und Poetry Slams, sind Pedro Lenz und viele andere – Guy Krneta, Beat Sterchi, Simon Chen oder Renato Kaiser – einem breiteren Publikum bekannt geworden. «Wenn man vom Hier und Jetzt schreibt, ist man gut beraten, die Eigenheiten einzusetzen, welche die Mundart bietet», sagt Beat Sterchi von der Autorengruppe «Bern ist überall», der neben Arno Camenisch oder Guy Krneta auch Pedro Lenz angehört.

Ihre Geschichten sind aus dem Leben gegriffen und unmittelbar. Dialekt ist direkt. Der Nachbar, von dem möglicherweise erzählt wird, hört sich eben nur echt an, wenn er wie ein «Bärner Chnebugrend» tönt. Pedro Lenz: «Wenn ich Milieuschilderungen auf Hochdeutsch schreiben möchte, weiss ich nicht wie – weil ich die Leute einfach nicht reden höre.» Man könnte auch sagen, die Nähe zu ihren Figuren stellt sich dann ein, wenn sie sie im Kopf reden hören. Wir denken nun mal in unserem jeweiligen Dialekt; er ist unsere Muttersprache. Aber es gibt auch Grenzen des Schreibens in Mundart. Es eignet sich nicht für jede Textform.

Nahe am Alltagsleben

Pedro Lenz’ «Der Goalie bin ig» wurde bisher 21 000-mal verkauft. Das ist aussergewöhnlich für ein Mundart-Buch. «Dank Spoken-Word-Autoren und ihren Büchern liest auch ein anderes, neues Publikum Mundart», sagt Matthias Burki vom Luzerner Verlag «Der gesunde Menschenversand», der den Roman in seiner «Spoken-Script»-Reihe verlegt. Dabei handelt es sich um geschriebenes Wort, das ursprünglich nur für die Performance gedacht war. Der «Goalie» ist eine Ausnahme.

Ihre Art der oralen Literatur knüpft auch an die Bewegung der «modern mundart» an, ausgehend von den Berner Lyrikern Kurt Marti und Ernst Eggimann. In den 1960er- bis 1980er-Jahren schloss sich die Mundartkultur der Protestbewegung der 68er-Generation an und wurde so Teil der geistigen und politischen Aufbruchstimmung. Die Texte gegen Ende des 20. Jahrhunderts zeichnen sich durch eine kritische Haltung gegenüber der modernen Welt aus, auch wenn sie gerne nahe am Alltagsleben bleiben, wie beim Berner Troubadour Mani Matter. Die gesungene Mundart lebt im Mundart-Rock und Mundart-Rap weiter.

Matthias Burki wie auch Ulrich Suter bemühen sich darum, dass qualitativ hochstehende Texte von (Deutsch-)Schweizer Autoren – ob nun in Schriftsprache oder Mundart – ein Publikum finden. Mit «Literarische Innerschweiz» hat Ulrich Suter bereits ein umfassendes Nachschlagewerk für unsere Region geschaffen. Die Wahrnehmung und Rezeption von Mundartliteratur sei oft auf einen sehr regionalen Radius beschränkt, stellt Suter fest und erklärt sein nächstes Ziel: «Woran ich vermehrt arbeiten möchte, ist, dass Mundartgedichte auch in andere Sprachen übersetzt werden. Damit die Qualität dieser Mikroliteraturen auch in den Weltsprachen ‹greifbar› wird.»

Auftakt in Schweden

Während dieser Text entstand, machte sich Ulrich Suter auf die Reise nach Schweden. Der Auftakt zum «längsten Literaturfestival der Schweiz» fand nämlich gestern in Järvsö (Hälsingland) statt. Morgen Donnerstag liest Suter im Rahmen eines schweizerisch-schwedischen Poesiesommer-Abends in Stockholm – übrigens auch etwas vom verstorbenen Luzerner Mundartautor Peter Halter (Hochdorf/Luzern). Suter mit sichtlicher Freude: «Nebst der Schweizer Botschafterin bekommen so auch Delegationen aus Chile, El Salvador, Kolumbien, Italien oder Serbien ein Ohr voll Schweizer Mundart mit.» Und ihm fällt noch ein «Müsterli» ein, welches Ihnen nicht vorenthalten sein soll: «Über d’Nasä n uis gsee, isch faschd was e Wälträis», schrieb der Obwaldner Mundartautor Julian Dillier (1922–2001).Regina Grüter

 

Hinweis: «Literarische Innerschweiz – Regionen, Porträts mit Leseproben, Literatenverzeichnis» (2011), Ulrich Suter (AKS-Publikation); Der gesunde Menschenversand, , info@menschenversand.ch

7. Juli bis 11. August: tales. Seetaler Poesiesommer,

 

Panorama der dialektalen Vielfalt der Schweiz

Der Schweizer Mundarttag bietet ein Panorama der dialektalen Vielfalt der Schweiz. Es wirken mit: Toni Schaller (Sursee LU), Heinz Häsler (Gsteigwiler BE), Angelia Maria Schwaller (Ueberstorf FR), Karl Hensler (Einsiedeln SZ) stellt den Dichter Meinrad Lienert (1865–1933) vor, Moderation: Mundartspezialist Christian Schmid.red

Sonntag, 21. Juli, 14.00 bis 17.00, Schloss Heidegg