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Lucerne Festival: Selbst Schönberg ist hier ein Musikant

Die Berliner Philharmoniker behaupten ihren Sonderplatz zur Halbzeit des Lucerne Festivals. Auch unter Chefdirigent Kirill Petrenko.
Urs Mattenberger
Die Solistin Patricia Kopatchinskaja (Violine) und die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Kirill Petrenko. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Die Solistin Patricia Kopatchinskaja (Violine) und die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Kirill Petrenko. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Beethovens neunte Sinfonie, aufgeführt von den Berliner Philharmonikern vor dem Brandenburger Tor zur Feier des Mauerfalls vor 30 Jahren: Das Konzert, mit dem Kirill Petrenko am 23. August offiziell sein Amt als Chefdirigent des Orchesters antrat, war an Superlativen kaum zu überbieten. Und stellte das Tourneegastspiel des Orchesters am Mittwoch und Donnerstag am Lucerne Festival in den medialen Schatten.

Aus Luzerner Sicht ist das mehrfach bemerkenswert. Es zeigt, wie schwer es für ein Orchesterfestival ist, eine Medienpräsenz zu bekommen, für die andernorts solch spektakuläre Premieren sorgen. Zweitens umgaben die Auftritte der Berliner in Luzern noch unter Simon Rattle die Aura des Besonderen. Und drittens stellt sich die Frage, wie das Spitzenorchester diese Sonderrolle in Luzern neben dem Lucerne Festival Orchestra behauptet: Dieses verhilft Luzern zu eigenen Orchesterpremieren und gewann unter Claudio Abbado den Ruf als Ausnahmeorchester schlechthin.

Kristallklar funkelnde Sternenzelte

Dass die Berliner in Zukunft auch unter Kirill Petrenko einen solchen für sich reklamieren dürften, kündigte hinreissend Beethovens Neunte am Mittwoch im Konzertsaal des KKL an. Beethovens Freudenfeier fegte kämpferisch durch den Saal, angepeitscht von raschen Tempi und bissig dank einem messerscharfen, mitunter analytisch klar sezierten Klang, der sanfte Bläsersoli und das berückende Vokalquartett ebenso zur Geltung brachte wie fauchende Tuttiakzente. Frappant war, wie stark der etwas spitzbübisch wirkende Petrenko an die von Rattle eingeführte historische Aufführungspraxis anknüpfte, diesen Ansatz aber ins Monumentale steigerte.

Eine Schlüsselrolle spielte dabei der exzellente Rundfunkchor Berlin, der schwungvoll-voluminös auftrumpfte und kristallklar funkelnde Sternenzelte aufschlug. Punkto stilistischer Vielseitigkeit sind die Berliner damit einen Schritt weiter als das Lucerne Festival Orchestra. Dieses hat zwar unter Bernard Haitink einmal eine Haydn-Sinfonie mit barocker Klangrede hingezaubert, aber Mozart (im Vorjahr) oder Beethoven (in diesem Sommer) wirkten im Vergleich zum frischen Wind in der Neunten aus Berlin behäbig-romantisierend.

Ständig auf dem Sprung: Patricia Kopatchinskaja

Noch zukunftsträchtiger war im Berliner Gastspiel die zweite Programmschiene mit Werken der Zweiten Wiener Schule. Das Klischee von der spröden Modernität von Schönberg und seinen Schülern widerlegte Petrenko vor der Beethoven-Sinfonie mit einer warm und seidig schimmernden Wiedergabe von Alban Bergs Lulu-Suite, aus der der Todesakkord mit der Schrecksekunde eines Urknalls furchterregend herausbrach.

Noch einen Schritt weiter ging am Mittwoch Schönbergs Violinkonzert. Schlüsselfigur war hier allerdings die Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Sie verkörperte schon mit ihrem vom roten Kleid kaschierten Barfussauftritt einen in der Klassik erfrischend neuen Typus des spontanen Performers. Mit sprunghafter Erregung und schmeichelnder Verführungskunst machte sie alle Zwölfton- und Geigentechnik vergessen. Und liess, eingespannt zwischen die klangscharfen Interventionen des Orchesters, auf Schritt und Tritt aus kleinsten Motiven expressive Gesten aufflammen und augenzwinkernde Musikantik hervorzüngeln: So haben wir Schönberg noch nie gehört.

Zukunftsperspektiven für das Festival-Orchester

So setzten die Berliner auch mit der Solistin ein Zeichen für die Zukunft. Aber sie relativierten selbst mit traumhaften Soli in der grossartig gespielten fünften Sinfonie von Tschaikowsky nicht die Orchesterqualitäten, die das Festival-Orchestra sensationell mit Tschaikowsky sowie mit Mahler und Schostakowitsch bewiesen hatte.

Dass eine mutigere Programmprofilierung, wie sie die Berliner vorführten, auch beim Festival-Orchester angedacht ist, zeigt das Konzert von Chefdirigent Riccardo Chailly mit dem Orchester der Festival-Alumni (Sonntag, 8. September). In Umbruchstationen der Moderne von Schönberg bis Wolfgang Rihm wirken hier Solisten des Festival-Orchesters mit: Eine Zukunftsperspektive für eine Zusammenarbeit, die der Residenz des Festival-Orchesters nochmals ein ganz anderes Gewicht geben kann. Wie nötig solche Weiterentwicklungen sind – auch das hat das Gastspiel der Berliner gezeigt.

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