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Luzerner Künstlerin Daria Blum:
Selbstironie im Badekleid

Die Luzernerin Daria Blum lebt in London und reist seit vier Jahren als «Eurobitch2000» durch die Welt. Ein Blick hinter die Kulissen zeichnet jedoch ein anderes Bild als das der scheinbar schamlosen Künstlerin.
Jana Avanzini
Kunst auch als Selbsttherapie: Daria Blum bei ihrer Performance im Kunstraum an der Neustadtstrasse in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 16. März 2019)

Kunst auch als Selbsttherapie: Daria Blum bei ihrer Performance im Kunstraum an der Neustadtstrasse in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 16. März 2019)

«Die machen echt gute Sachen, diese beiden jungen Rebellen», kommentiert draussen auf der Strasse einer. Eine erste Runde durch die Ausstellung mit selbstironischen Videoinstallationen und Gartenkresse zeigt, was er mit «Rebellen» wohl gemeint hat.

Es geht um Daria und Julian Blum, Künstler und Geschwister aus Luzern. 2017 hat Julian Blum, drei Jahre jünger als seine Schwester, den Kunstraum an der Neustadtstrasse 24a eröffnet. Nun bespielen sie ihn gemeinsam. In den über neunzigjährigen Werkstätten- und Lagerräumen der SBB betrieb die Ballerina und Schriftstellerin Genia Snihurowycz Blum, die Mutter der beiden jungen Künstler, 25 Jahre lang eine Tanzschule. Hier haben beide Ballett getanzt, Daria Blum ­sogar eine Weile unterrichtet.

Hasserfülltes Liebeslied

Die Performance beginnt am Samstag um 20.03 Uhr mit einem von zahllosen Umzügen und einem hasserfüllten Liebeslied, vorgetragen in fast rotziger Gleichgültigkeit. Eine halbe Stunde später: Daria Blum liegt auf dem Boden des heruntergekommenen Industriehauses. Sie trägt ein leichtes, weiss und pink geblümtes Kleidchen, räkelt sich, haucht ins Mikrofon. Auf dem Screen an der Wand ihr Gesicht in Nahaufnahme. Sie heult. Die Performance ist zu Ende, das Haus voller Menschen. Die Besucher füllen die Räume mittlerweile bis hinunter auf die Treppe.

Als Daria Blum zwischen den applaudierenden und johlenden Zuschauern verschwindet, tätschelt ihre Mutter sie im Vorbeigehen liebevoll. Sie hat die Performance mit dem Handy auf­genommen und wird es auch danach kaum aus der Hand legen. Ein Foto von der ganzen Familie will sie endlich mal wieder kriegen. Von Mutter, Vater, Tochter und Sohn; selten seien sie alle vier zusammen. Das letzte Mal war wohl zu Weihnachten. Da sei auch die Idee für diese Ausstellung entstanden. Eine gemeinsame Ausstellung in den Räumen, in denen die beiden über die Jahre viele ihrer Ideen und Arbeiten entwickelt haben. Dafür ist Julian Blum von seinem Studium aus Berlin angereist, seine Schwester aus London. Sie habe Luzern erst durch den Abstand wirklich schätzen gelernt. Langfristig zurückzukommen, sei in den nächsten Jahren aber keine Option.

Nach fünf Jahren gerade erst in London angekommen

Mit 19 Jahren zog Daria Blum für ihr Kunststudium nach Paris, dann nach Berlin, arbeitete nachts als Hostel-Rezeptionistin, machte einen Abstecher nach Den Haag. Seit fast fünf Jahren lebt sie nun in London. Nach fünf Jahren solle man weiterziehen, habe ihr kürzlich jemand gesagt. Doch Blum denkt nicht daran. Sie sei gerade erst angekommen. Sie fühle sich zu Hause in der Stadt und ihrer Wohnung im Künstlerviertel Hackney Wick. Das Atelier in Elephant & Castle teilt sie sich mit ehemaligen Studienkollegen. Dort arbeitet sie an ihren Videos und Songs, an ihren Texten und Tänzen und erledigt Aufträge als Photoshop-Retuscherin. In der Freizeit treibt sie sich im Londoner Kulturkuchen herum, um Neues zu entdecken, aber auch, um sich zu zeigen. Eine kleine Szene sei es, meint sie. Und Kontakte sind darin ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Ihre Kunst sei zu grossen Teilen Selbsttherapie, sagt Blum. Dafür, irgendwie einen Umgang mit der Welt zu finden. Sie sei privat sehr schüchtern und zurückhaltend. «Früher habe ich kaum jemandem in die Augen gesehen.» Die Videos und Performances jedoch strotzen vor Selbstvertrauen und Nonchalance. Sie schwankt zwischen Eleganz und Trash, Zerbrechlichkeit und grober Erotik. Sie zeigt die Tragik und Komik unserer ständigen Selbstinszenierung auf. «Ich gehe mit meiner Kunst dorthin, wo es weh tut. Ich kenne meine Ängste und will mich ihnen stellen.» Das wolle sie dem Zuschauer vermitteln.

Am Tag danach findet sie alles schrecklich

Jedes Mal nach einer Performance, am Tag danach, breche sie mental zusammen, erzählt sie. Dann frage sie sich, was sie da eigentlich tue, finde alles schrecklich. Sie sei in ihrer Kunst lange nicht so sicher, wie sie sein möchte. Doch genau um diesen Masochismus gehe es ihr auch. Ein Grund, weshalb sie sich für die Kunst entschieden hat. Obwohl sie als Kind eigentlich Busfahrerin werden wollte. Busfahrerin, Kassiererin oder Britney Spears. Das passt wie die Faust aufs Auge.

Klar ist für Daria Blum, dass sie sich nun künftig noch mehr auf die Musik, den Gesang und die Bewegung konzentrieren will, weniger auf das Wort. Zeigen statt sagen. In den nächsten ­Monaten wird sie das in London, Rom und Riga tun. Und sich auf die Suche nach neuen Charakteren machen. Rund vier Jahre war Daria Blum immer wieder als «Eurobitch2000» unterwegs. «Ich habe eine sehr komplizierte Beziehung zu ihr», sagt Blum. «Sie ist, wie ich nicht sein könnte. Lauter, krasser, trashiger.»

Doch allmählich sei sie auch durchschaubar geworden. Das Trashige und der 1990er-Jahre-Sound jedoch werden Blum weiter begleiten, auch wenn sich «Eurobitch2000» verabschiedet. «Ich liebe diese Musik ganz ehrlich. Und auch die Badekleider.» Das mit dem Kuh-Muster habe sie ihrer Mutter aus dem Schrank gestohlen. Diese startet gerade noch einen letzten Versuch, hält ihr Handy hoch und winkt die Tochter für das Familienfoto zu sich. Die Männer stehen schon bereit.

Neustadtstrasse 24a, Luzern: Ausstellung bis 30 März. Zweite Performance 30. März, 19 Uhr.

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