SEQUELS: Die filmische Wiederkehr

Diese Woche ist der sechste «Alien»-Film gestartet, nächste Woche folgt dann der fünfte Aufguss von «Pirates of the Caribbean». Was macht Sequels erfolgreich – und was unterscheidet sie von TV-Serien?

Regina Grüter/Andreas Stock
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In den letzten 14 Jahren hat Johnny Depp die Rolle des Captain Jack Sparrow in den «Pirates»-Filmen fünfmal verkörpert – ohne eine charakterliche Entwicklung. (Bilder: PD)

In den letzten 14 Jahren hat Johnny Depp die Rolle des Captain Jack Sparrow in den «Pirates»-Filmen fünfmal verkörpert – ohne eine charakterliche Entwicklung. (Bilder: PD)

Regina Grüter/Andreas Stock

Seit Jahren gibt es eine neue Frühjahrsmüdigkeit. Sie betrifft mehrheitlich Filmkritiker und anspruchsvollere Filmfreunde. Und sie befällt einen mit Blick auf grosse Hollywood-Produktionen – die Sequels werden immer mehr. Das US-Mainstreamkino scheint auch dieses Jahr vor allem aus Kopien und Recycling zu ­bestehen. Die Liste ist lang und unvollständig: «Alien», «Pirates of the Caribbean», «Transformers», «Cars», «The Mummy», «Spider-Man», «Planet of the Apes» ... Doch, was steckt hinter der filmischen Wiederkehr?

Was ist ein Sequel, was ein Reboot oder ein Spin-off?

Ein Sequel setzt die Handlung eines Vorgängerfilms fort, wobei es inhaltlich nicht zwingend daran anschliesst. Eine Fortsetzung muss aber Bezug auf Ereignisse oder Figuren aus dem Vorgängerfilm enthalten. Ein Prequel wie «Alien: Covenant» dreht sich um Ereignisse, die chronologisch vor dem Film handeln, der die Reihe eröffnete. Der Begriff «Reboot» wird für Remakes verwendet, die bestehende Kinoreihen (Franchise) bis auf die Grundidee komplett neu lancieren. Beispiel «Star Trek» (ab 2009) – davon gibt bereits zwei Sequels. Das Spin-off wurde mit Comic-Verfilmungen im Kino etabliert. Nebenfiguren werden in unabhängigen Storys zu Hauptfiguren. Im Falle von «Wolferine» aus den «X-Men»-Filmen wurde daraus mit Hugh Jackman gar eine eigene Reihe.

Warum liebt das Publikum Fortsetzungen sehr, Filmkritiker hingegen eher weniger?

Der Kritiker hat, wenn er einen Film von Berufs wegen schaut, einen anderen Anspruch, als wenn er mit dem Kind in den neuen «Pirates Of The Caribbean» geht. Wie das Publikum lieben Kritiker nicht nur anspruchsvolle Filmkunst, sondern auch einfach gute Unterhaltung. Und das ist es, was eine Filmreihe bestenfalls bieten kann. Man trifft gerne ein paar Jahre später wieder auf alte Bekannte, es muss nicht immer etwas Neues sein. Filmreihen sind Teil der Unterhaltungsindustrie, die vor jedem neuen Teil mit Superlativen um sich wirft. Als gemeiner Zuschauer hat man das Privileg, sich seine Reihe(n) auszusuchen, richten sie sich doch an (eine) bestimmte Zielgruppe(n). Und das Publikum merkt sehr wohl auch, wenn eine Reihe zu Ende ist. Hier also ein Wort an die «Bourne»-Macher – trotz Rückkehr von Matt Damon in der Hauptrolle: Lasst es gut sein.

Was ist erfolgreich – welche Sequels waren zuletzt ein Flop?

Das Motiv für ein Sequel ist simpel: An der Kinokasse war ein Film (von dem zuerst oft keine Fortsetzung geplant wird) ein Erfolg. Und was dem Publikum einmal gefallen hat, dürfte es aus kommerzieller Sicht unter identischen Voraussetzungen ein weiteres Mal ins Kino bringen. Der achte Teil von «Fast and Furious» ist zwar nicht der erfolgreichste, er spielte dennoch weltweit bereits über eine Milliarde Dollar ein. Weil es mehr Sequels gibt, häufen sich auch jene, die aus unterschiedlichen Gründen floppen. 2016 blieben etliche Filme unter den Erwartungen der ­Macher. Unter ihnen «Independence Day», «Ghostbusters», «Bridget Jones’ Baby» oder «Zoolander 2». Das Kinopublikum ist also durchaus wählerisch.

Funktionieren Sequels gleich wie TV-Serien oder gibt es Unterschiede?

Serien können die besseren Geschichten erzählen oder die Geschichten besser, weil in jeder Hinsicht komplexer darstellen – das macht sie auch für Autorenfilmer interessant. Hier spielt der Faktor Zeit: kurzfristige versus nachhaltige Unterhaltung und stärkere Identifikation mit differenzierter gezeichneten Figuren. Wie aber Geschichten in Sequels weitergedreht werden, ist völlig unterschiedlich und hängt auch von Cast und Crew ab; davon, ob jemand eine Vision hat oder ­allein der Box Office über eine Fortsetzung entscheidet. Serien-Staffeln können schneller produziert werden, zwischen den Teilen einer Filmreihe liegen meist Jahre und die Produktion ist um einiges aufwendiger. Die Filme sind in sich abgeschlossen, sie müssen auch als Einzelwerk funktionieren. Die Serie baut auf, erstreckt sich meist über mehrere Staffeln – was durchaus auch absurde Formen annehmen kann, wenn eben nicht mehr die Story im Vordergrund steht.

Was unterscheidet ­Sequels von literarischen Vorlagen wie «Harry Potter» oder «Twilight»?

Literaturverfilmungen, als Filmreihe konzipiert, haben den Vorteil, dass sie ein konkretes Ende haben. «Der Herr der Ringe» oder «Die Tribute von Panem» gehören also nicht hierher. Aber auch dort finden die Produzenten Mittel, die Kinokassen etwas länger klingeln zu lassen: Indem sie aus dem letzten Teil zwei machen («Harry Potter», «Die Tribute von Panem») oder das Prequel auch verfilmen («Hobbit»-Trilogie). Das Sequel, von dem hier die Rede ist, beruht auf einem Kassenschlager, dessen Erfolgsrezept man in weiteren Teilen variiert.

Wie wichtig sind die Darstellerinnen und Darsteller?

Die Schauspieler sind das ein und alles. Johnny Depp in der Rolle von Captain Jack Sparrow oder Matt Damon als Jason Bourne sind zwei Beispiele dafür. Das Dilemma für viele Schauspieler in derart ikonischen Rollen: Das Geld stimmt zwar, nicht aber die künstlerische Herausforderung. Was die charakterliche Entwicklung angeht, bleibt der schlitzohrige Jack Sparrow gegenüber einem Jason Bourne auf der Strecke, der sich im Laufe der Reihe ernsthaft mit seiner Persönlichkeit und ethischen Fragen auseinandersetzen muss. Hinsichtlich der einzigartigen Vermarktung der «Pirates Of The Caribbean»- Reihe durch die Disney-Maschinerie ist Johnny Depp ohnehin ein besonders tragischer Fall – er wollte doch eigentlich Rockmusiker werden und nicht Piratenkapitän. Jerry Bruckheimer und Disney wissen: Ohne Johnny Depp ist «Pirates» am Ende.

Wie wichtig ist der Regisseur?

Ein Regisseur kann einem Franchise seinen persönlichen Stempel aufdrücken, aber er wird längst nicht so entscheidend für den Erfolg sein, wie die beliebten Schauspieler. «Hellboy» ist dafür ein schönes Beispiel. Er entspricht unverkennbar dem Stil des Mexikaners Guillermo del Toro. Nun wird es nach zwei Filmen ein Reboot des Comics mit neuem Regisseur und neuen Darstellern geben. Der Brite Christopher Nolan hatte mit seinem Reboot der «Batman»-Reihe einen künstlerisch und inhaltlich neuen, stilbildenden Batman etabliert, als zuvor Joel Schumacher am Comic-Stoff gescheitert war. Aber wer bei «Fast and Furious» Regie führt, machte eigentlich keinen grossen Unterschied.