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SERIE: «Da ging ein neuer Horizont auf»

Vor 50 Jahren veränderte die «68er»-Bewegung unsere Gesellschaft. Der Soziologe Ueli Mäder war damals dabei und hat ein Buch darüber geschrieben. Er erzählt, was damals passierte und bis heute nachwirkt.
Arno Renggli
Die Musik war ein wichtiger Treiber und ein Ventil der 68er-Bewegung: Am Monsterkonzert 1968 im Hallenstadion Jimi Hendrix (Bild) ging einiges an Mobiliar zu bruch. (Bild: Keystone)

Die Musik war ein wichtiger Treiber und ein Ventil der 68er-Bewegung: Am Monsterkonzert 1968 im Hallenstadion Jimi Hendrix (Bild) ging einiges an Mobiliar zu bruch. (Bild: Keystone)

Interview: Arno Renggli

Ueli Mäder, sind Sie denn tatsächlich selber ein «68er»?

Das bin ich. 1968 war ich 17 und trug lange Haare. Auch als aktiver Handballer. Manchmal, wenn ich gefoult wurde, applaudierte das Publikum. Ich führte harte politische Diskussionen mit meinem Vater und provozierte ihn gerne. Als es in Paris losging mit den Studentenunruhen, reiste ich per Autostopp hin. Das alles hat mich damals enorm fasziniert.

1968 steht für Entwicklungen, die schon früher eingesetzt haben. Warum kommtgerade diesem Jahr eine derart symbolische Bedeutung zu?

Tatsächlich hatte die Bewegung einen längeren Vorlauf und erste Höhepunkte schon 1967. Indes gab es 1968 eine Häufung von ­Ereignissen wie der niedergeschlagene Prager Frühling, Studentenunruhen in Paris, die Ermordung von Martin Luther King oder Olympia in Mexico mit der Black-Power-Aktion auf dem Podest des 200-Meter-Laufs. Der Begriff «68er» kam im grossen Stil aber erst 10 Jahre später auf.

Gibt es aus internationaler Sicht noch andere zentrale gesellschaftspolitische Hintergründe? Vietnam etwa?

Der Vietnamkrieg, seine Eskalation und im Gegenzug die Friedensbewegung gehören zentral dazu. Auch die Bürgerrechts­bewegung in den USA. Oder der Raumfahrtwettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion. Dann gibt es verschiedene landesspezifische Ereignisse, in Deutschland etwa die Erschiessung des Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demo durch die Polizei.

Inwieweit war das alles in der Schweiz bereits präsent? Griff die Bewegung hier nicht erst mit jahrelanger Verspätung?

Der Eindruck trügt: Die Schweiz hat bereits 1968 mitgezogen, wenn man etwa an die Globuskrawalle oder die Gründung der entwicklungspolitischen Erklärung von Bern denkt. Es gab im ganzen Land viele Aktivitäten, auch regionale – nicht nur in den urbanen Zentren, wie man meinen könnte. ­

Es gibt eine Auffassung, wonach «68» vor allem kulturell etwas gebracht habe, aber nicht primär politisch.

Man kann das so sehen, wenn man «kulturell» umfassend versteht. Tatsächlich spielten Popmusik, Literatur oder Theater eine grosse Rolle. Beatles-Songs wie «Revolution» oder «Hey Jude» hörten wir uns nächtelang an. Autoren wie ein Peter Bichsel waren ernorm wichtig. Aber dahinter steckte ein antiautoritärer Antrieb gegen streng hierarchische Strukturen etwa in der Familie oder Schule. Es ging um eine Kultur der Offenheit, des Diskutierens. Das machte sich bis in die Politik bemerkbar. Es gab schon konkrete Fortschritte punkto Bildung, Gesundheit oder Soziales. ­

Wie brachten sich die Frauen in die 68er-Bewegung ein?

Für viele Frauen gab es eine Art Befreiung aus einseitiger Abhängigkeit, wozu ganz konkrete Dinge wie die Pille beitrugen. Sie wurden eigenständiger wahrgenommen, auch die Stimmrechtbewegung erhielt neuen Schub. Jedoch gab es gerade auch in 68er-Kreisen eine Machokultur, welche Frauen als Anhängsel ­betrachtete, also im Streben nach Freiheit alte Strukturen reproduzierte. Und mit ­Sicherheit gefiel auch nicht allen Frauen die «Sex & Hopp»-Liberalität, die damals einige Leute zum Ideal machten.

War nicht gerade auch die sexuelle Befreiung wieder mit Zwängen verbunden, mit einem Gruppendruck, promiskuitiv sein zu müssen?

Da gab es grosse Unterschiede, sogar in neuen Lebensformen wie WG-Kommunen. In einigen bestanden relativ klassische Verhältnisse. Bei anderen gab es tatsächlich diese Kultivierung der freien Liebe. Der Druck bestand für einige darin, dass sie auch in der Hinsicht dazugehören wollten. Natürlich führte dies öfter zu Überforderung und neuer Entfremdung zwischen den Leuten.­

Hand aufs Herz: War ein zentraler Antrieb der 68er nicht auch einfach der Spass? An der Musik, den Partys, den Drogen, dem «Über-die-Stränge»-Schlagen?

Hedonistisches spielt mit. Wobei es schon ein unbeschreibliches Gefühl war, alles kritisch zu hinterfragen. Da ging ein neuer ­Horizont auf. Aber Musik, Partys und öffentliches Aufbegehren gehörten auch dazu.­

Ich frage auch, weil man heutigen Jugendlichen ja oft vorwirft, nicht mehr so engagiert zu sein, und ihnen die 68er-Generation vorhält.

Dieser Vorwurf ist unberechtigt. Klar, wir hatten damals starke Überzeugungen, wir meinten, die ganze Welt aus den Angeln hieven und erklären zu können. Das war auch anmassend, zumal wir uns oft in pingelige Abgrenzungsdiskussionen verstrickten. Mir gefällt an heutigen Jugendlichen, dass sie in einer pluralistischen Gesellschaft mit Widersprüchen besser umgehen können, Dinge weniger schwarz/weiss und dafür differenzierter sehen. Wir verpassten damals durch eine brüskierende Art viele Chancen, mehr Leute mit an Bord zu nehmen.­

Hat die Erinnerung der damals Beteiligten vielleicht auch etwas Verklärendes?

In fast allen Gesprächen, die ich für mein Buch geführt habe, ist die Erinnerung an 1968 sehr stark präsent. Die Prägung scheint lebenslang zu wirken. Aber es gibt auch einen Kampf um die Definitionshoheit zwischen Überhöhung und harscher Kritik. Beides wird der Bewegung nicht gerecht.­

Und 50 Jahre danach? Was ist von «1968» geblieben?

Das Bewusstsein, dass Veränderungen möglich sind, dass man aus kritischer Distanz mehr wahrnehmen kann. Man begann, neu anzuschauen. Neue Widerstandsformen wurden ausprobiert. Herrschaftliche Strukturen wurden aufgebrochen, was nicht nur ein urdemokratisches Verständnis gestärkt, sondern auch die Beziehungen zwischen den Menschen verbessert hat. Es gab Fortschritte in der Sozialpolitik, in der Geschlechterfrage oder in der Gesundheitspolitik, wenn man beispielsweise an die Psychiatrie denkt, wo vieles zuvor repressiv war. Heute ist so manches selbstverständlich, was sich damals erst verändern musste. ­

Und bei Ihnen selber?

Geblieben ist die Freude am ­Lebendigen und am Diskutieren. Sicher auch eine kritische Grundhaltung etwa gegen Autoritäres und eine gewisse Widerständigkeit. Und nicht zuletzt auch die Vorliebe für ein einfaches Leben.

Hinweis

Ueli Mäder, 1951 geboren, ist ­Soziologe und lehrte u. a. von 2001 bis 2016 an der Uni Basel. Im Mai erscheint sein neues Buch «68 – Was bleibt?» im Rotpunktverlag.

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