Saisonauftakt am Luzerner Theater: Shakespeare getanzt mit Livemusik

Für «Wie es euch gefällt» arbeitet die britische Choreografin Caroline Finn mit den Musikern Fredy Studer und Joana Aderi zusammen.

Pirmin Bossart
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Grooves und Songs zu den Liebeswirren: das Tanzensemble des Luzerner Theaters mit Fredy Studer am Schlagzeug (rechts).

Grooves und Songs zu den Liebeswirren: das Tanzensemble des Luzerner Theaters mit Fredy Studer am Schlagzeug (rechts).

Probenbild: Ingo Höhn

Mit dem Shakespeare-Stück «Wie es euch gefällt» («As You Like It») wird die neue Saison am Luzerner Theater eröffnet. Genauer mit der choreografischen Neukreation «Tanz 34: Wie es euch gefällt» nach der bekannten Komödie. Mit von der Partie ist der 72-jährige Luzerner Schlagzeuger Fredy Studer. «Das ist eine grosse Kiste», sagt er über sein jüngstes Projekt, an dem er zusammen mit der Sängerin und Keyboarderin Joana Aderi beteiligt ist. Die beiden erarbeiten die Musik für den theatralischen Tanzabend und spielen live auf der Bühne. Choreografiert wird das Stück mit dem Tanzensemble des Luzerner Theaters von der Britin Caroline Finn.

Studer und Aderi ­ zu gleichen Teilen involviert

«Spätestens, nachdem ich Fredy Studers Solowerk ‹Now’s The Time› gehört hatte, wollte ich unbedingt etwas mit ihm als musikalischem Protagonisten machen», sagt Kathleen McNurney, künstlerische Leiterin von «Tanz Luzerner Theater». Sie hatte auch die Idee, Shakespeares Stück «Wie es euch gefällt» für ein Tanzensemble zu inszenieren. «Das Stück wird nicht oft im Tanz gemacht, was mich gereizt hat.» Die ehemalige Tänzerin, Ballettmeisterin und nun künstlerische Leiterin hat regelmässig neue Talente ans Theater in Luzern geholt. Für «Tanz 34» dachte sie sofort an Caroline Finn, die britische Choreografin, die seit kurzem in der Schweiz lebt. «Sie hat das Feeling und das Know-how, mit diesem Stück und der Livemusik einen spannenden Tanzabend zu inszenieren.»

Fredy Studer ist als profunder Schlagzeuger von Formationen wie OM, Koch-Schütz-Studer und Phall Fatale bekannt. In seiner über 50-jährigen Karriere hat er wiederholt auch in szenischen Kontexten gearbeitet, vor allem mit freien Ensembles oder Spoken-Word-Protagonisten. Studer holte die Musikerin Joana Aderi an Bord. Aderi ist eine perfekte musikalische Partnerin, die nicht nur singt, Elektronik einsetzt und Keyboard spielt, sondern auch Ideen einbringt und komponiert. Sie war Mitglied von Phall Fatale und ist seit längerer Zeit als Solistin (Eiko), mit ihrer Band Sissy Fox oder mit Ghost Town unterwegs. «Joana und ich setzen das musikalische Vorhaben gemeinsam um», sagt Studer über die Zusammenarbeit. «Wir sind zu gleichen Teilen involviert. Ich habe das Projekt angestossen, aber die Musik ist von uns beiden.»

Joana und ich setzen das musikalische Vorhaben gemeinsam um. Wir sind zu gleichen Teilen involviert. Ich habe das Projekt angestossen, aber die Musik ist von uns beiden.

Für die Choreografin Caroline Finn war von Anfang an klar, dass sie die Musik nicht einfach als Begleitmedium wollte. «Studer und Aderi sind wie die Tänzerinnen und Tänzer gleichwertig in das Stück eingebunden. Sie sind Teil des Produktionsteams, das die Handlung als eine Art Reality-TV-Show auf der Bühne inszeniert.» Neben kleinen Interaktionen zwischen Musikern und einzelnen Figuren werden stellenweise auch die Tänzerinnen und Tänzer in den musikalischen Prozess miteinbezogen, indem sie mit Stöcken Rhythmen schlagen oder atmosphärisch ihre Stimmen einsetzen.

Passend zu Shakespeare, wird die Bühne in ein Globe-Theater verwandelt. Die Besucherinnen und Besucher sitzen rund um den grossen, ovalen Bühnenraum und werden zu Voyeuren des Spektakels, das die Figuren bieten. Choreografin Caroline Finn konzentriert sich für ihre Adaption der Shakespeare-Komödie auf den Wald als zentrale Szenerie des Stücks. «Wie es euch gefällt» ist ein Verwirrspiel über die Gefühlszustände des Verliebens. Die Protagonistinnen und Protagonisten treffen im Wald aufeinander, es gibt Verwechslungen, Liebesfreuden und – in der Retrospektive – auch mal einen blutrünstigen Kampf.

Sie probten im Sedel, und Choreografin kam zu Besuch

Finn gestaltete die Choreografie als eine Mischung aus Storytelling und Abstraktion. «Das Publikum soll auf der narrativen Ebene genug Teile des Puzzles mitbekommen und der Handlung folgen, aber sich das Gesamtbild trotzdem selber erschaffen können.» Es ist eine Gratwanderung, die herausfordert und die Tanzenden in einem gewissen Sinne auch zu agierenden Spielerinnen und Spielern macht.

Als das Tanzensemble Ende Juli mit den Proben begann, hatten die beiden Musiker ihr grundlegendes Material schon beisammen. Nach einem ersten Treffen im Oktober 2019 begannen Studer und Aderi, für die Hauptcharaktere musikalische Motive zu erarbeiten. Neben atmosphärischen Soundscapes kreierten sie verschiedene Grooves, songähnliche Stücke und eigentliche Songs, die von Joana Aderi auch gesungen werden – mit eigenen Texten oder mit Material von Shakespeare.

«Manchmal probten wir zusammen im Sedel, nahmen ein paar Ideen auf und schickten sie Caroline, die dann grünes Licht gab oder gewisse Anpassungen wünschte», sagt Aderi zu den ersten Monaten des Kreierens. Zweimal war die Choreografin an den Proben im Sedel dabei, um die Musik in ihrer direkten Wirkung zu spüren. «Das war sehr wichtig für mich», sagt Finn. «Es ist etwas anderes, nur Files zu hören oder zu erleben, wie etwas live klingt.»

Am Schluss dieses Prozesses hatten Studer und Aderi 35 kürzere und längere Musikstücke aufgenommen, die Finn auf Wunsch des Duos zu einer Art Storyboard auflistete, um den möglichen Verlauf des Stücks anzudeuten. Sie habe das vorher noch nie so explizit gemacht, meint sie mit einem Lächeln. «Aber am Ende war das ganze Ensemble sehr froh darum, weil dieser Ablauf zu einer Arbeitsvorlage wurde.»

Band-Feeling ­ entwickeln

Natürlich wurde diese Vorlage im Verlauf des Probeprozesses wiederholt verändert und umgestellt. «Vieles wird erst klar, wenn man die Szenen konkret probt, das Tempo und die besonderen Akzente spürt», sagt Finn. Ohnehin galt es, in einer vergleichsweise sehr kurzen Probezeit das ganze Stück prozessartig von ersten vagen Ideen bis zu schlüssigen Gesamtbildern mit einem teilweise erneuerten Tanzensemble zu entwickeln. «Innerhalb des eng gesteckten Zeitrahmens alle Teile des Mosaiks möglichst kollektiv zusammenbringen zu können, war wohl meine grösste Herausforderung bei diesem Projekt.»

Doch die Chemie zwischen Tänzern, Musikern und Produzentinnen stimmte, der Spirit blieb intakt und inspirierte. Vielleicht half, was Fredy Studer schon früh mal in die Runde geworfen hatte. «Es ist wichtig, ein gutes Team zu sein. Aber noch besser wäre es, wenn wir eine Art Band-Feeling entwickeln könnten.»

«Tanz 34: Wie es euch gefällt»: 3. September 2020 Premiere am Luzerner Theater; Aufführungen bis 4. Oktober 2020. www.luzernertheater.ch/tanz34wieeseuchgefaellt.