SHOWBIZ: «Man ist sehr, sehr viel allein»

Als Mitglied der Klassik-Pop-Gruppe Il Divo führt der gebürtige Willisauer Urs Bühler (43) das Jetset-Leben eines Superstars. Doch manchmal packt den schönen Tenor auch das Heimweh.

Interview Annette Wirthlin
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«Musik war bei den Bühlers immer allgegenwärtig», sagt Urs Bühler über den Ursprung seiner Musikalität. (Bilder PD)

«Musik war bei den Bühlers immer allgegenwärtig», sagt Urs Bühler über den Ursprung seiner Musikalität. (Bilder PD)

 

Urs Bühler, ich musste die Vorwahl 00381 wählen, um Sie zu erreichen. Wo halten Sie sich gerade auf?

Urs Bühler: Im «Hyatt Regency» in Belgrad. Wir waren jetzt mit unserer Tournee gerade zehn Tage im tiefsten Russland – in Städten, wo ich vorher noch nie war. Das war sehr interessant, aber jetzt kommen wir langsam wieder Richtung Westen. Heute Abend haben wir Konzert.

Gut, zu hören, dass Sie nach all den Jahren noch Schweizerdeutsch sprechen.

Bühler: (lacht) Ich muss schon hin und wieder etwas nach Worten suchen. Und manchmal mache ich Direktübersetzungen aus dem Englischen oder Holländischen – ich habe ja auch acht Jahre in Holland gelebt –, die auf Deutsch überhaupt keinen Sinn machen. Meine Schwestern lachen mich dann immer aus.

Was tut ein Popstar den lieben langen Tag in einer fremden Stadt vor einem Konzert?

Bühler: Das kommt jeweils darauf an, wie spät es am Vorabend geworden ist. Oft verbringe ich den grössten Teil meiner spärlichen Freizeit entweder schlafend oder im Fitnessstudio. Wenn ich mal ausnahmsweise einen ganzen Tag freihabe, schaue ich mir gerne die Stadt an, geh gut aus zum Essen oder miete mir ein Motorrad und fahre den ganzen Tag durch die Gegend. Das ist für mich das beste Mittel, um total abzuschalten und aus der Tourroutine auszubrechen. Aber heute gilt es, noch ein paar Interviewtermine wahrzunehmen.

Sie touren mit der aktuellen Show «A Musical Affair» durch die ganze Welt und entführen das Publikum dabei in die schillernde Welt der Broadway-Musicals. Welchen Bezug haben Sie selber zu Musicals?

Bühler: Bisher sang ich in meiner Karriere nur einmal in einem Musical, und zwar «Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat» von Andrew Lloyd Webber. Das war in Brugg und ist bald 25 Jahre her. Meine allerersten Bezugspunkte zu Musicals waren aber die Musicalfilme «Chitty Chitty Bang Bang», «The Wizard of Oz» und «Mary Poppins», die ich als Kind im Fernsehen sah. Die finde ich bis heute riesig schön. Trotzdem sind Musicalsongs nicht auf der Playlist meines iPods zu finden. Wenn ich privat Musik höre, ist es Hardrock, Heavy Metal – oder halt Oper. Musical ist für mich irgendwie zu wenig aufregend.

Sind Heavy Metal und Oper nicht zwei komplette Gegensätze?

Bühler: Ich sehe starke Kongruenzen zwischen den beiden Stilen. Heavy Metal kann nicht nur laut und zugegebenermassen nervig werden, sondern von einem musikalischen Standpunkt aus auch sehr virtuos und komplex. Als ich in Amsterdam an der Oper sang, habe ich festgestellt, dass das, was da teilweise bei den Streichern abgeht, wenn es dramatisch wird, einem Heavy-Metal-Riff eigentlich recht nahe käme, wenn man es mit einer verzerrten Gitarre spielen würde.

Wie hätten Sie reagiert, wenn Ihnen vor 20 Jahren eine Wahrsagerin gesagt hätte, dass Sie heute in Hotelzimmern aller Welt Anrufe von Journalisten entgegennehmen – und übrigens manchmal auch noch mitten in der Nacht von aufsässigen weiblichen Fans?

Bühler: Als Teenager wollte ich natürlich ein berühmter Rocksänger werden. Als ich dann Schulmusik und klassischen Gesang studierte, hatte ich schon auch die Ambition, es so weit wie möglich zu bringen. Aber so intensiv, wie wir jetzt mit Il Divo in der Welt herumreisen, das hätte ich mir wirklich niemals erträumt.

Wenn sich die Songs, die man macht, hervorragend verkaufen, wird man urplötzlich zum internationalen Star. Fühlt man sich dann auch innen drin automatisch so?

Bühler: Ich denke, man muss schon aus einem gewissen Holz geschnitzt sein, um das machen zu können. Es gäbe viele sehr talentierte Musiker, die so eine Karriere im Rampenlicht nicht durchstehen würden. Es ist schon ein extremes, ganz anderes Leben, als wenn man fünf Tage im Büro arbeitet. Natürlich ist es luxuriös, man fliegt Businessclass, steigt in schönen Hotels ab, aber man wird für den kleinsten Fauxpas in der Presse zerrissen, und man ist sehr, sehr viel allein. Man hat vielleicht eine Beziehung oder sogar Kinder, aber man sieht sich fast nie und kann einfach immer wieder nicht dabei sein, wenn Geburtstagspartys und erste Schultage gefeiert werden.

Ihre Freundin lebt in Los Angeles, Ihre fünfjährige Tochter in London. Ist das nicht unheimlich stressig?

Bühler: Ja, das ist allerdings sehr, sehr schwierig. Manchmal überlege ich mir schon, ob ich mich nicht lieber irgendwo niederlassen und ein ganz normales Leben führen will. Verliebt zu sein und immer wieder für drei Monate weggehen zu müssen und nur noch über das Internettelefon reden zu können, das ist hart. Und es besteht die Gefahr, dass man auseinanderdriftet. Dasselbe mit meiner Tochter: Ich habe sie nicht einmal wie andere geschiedene Väter einmal alle zwei Wochen bei mir. Aber man muss halt die kurzen Zeiten, die man miteinander hat, so gut wie möglich geniessen.

Haben Sie Ihrer Tochter auch schon die Schweiz zeigen können?

Bühler: Ja, ich war mit ihr in der Schweiz, als sie kaum ein Jahr alt war. Und letztes Jahr habe ich sie für ein paar Tage zu meiner Familie in die Sommerferien mitgenommen. Wir hatten viel Spass alle zusammen.

Wann waren Sie zuletzt zu Hause? Und was heisst in Ihrem Fall überhaupt «zu Hause»?

Bühler: Ich war kurz vor der Tournee für eine Woche zu Hause in Andorra, wo ich ein schönes Haus habe, um dort zum Rechten zu schauen und wieder mal die Rechnungen zu bezahlen. Ab November hoffe ich dass, dass ich mal etwa zwei Monate Ferien machen kann – einfach auf dem Balkon an der Sonne sitzen und in den Pyrenäen Ski fahren gehen.

Was ist aus dem Haus in Frankreich geworden, das Sie selber umbauen wollen?

Bühler: In habe in einer wunderschönen Gegend ein altes Landgut gekauft. Schon seit sieben Jahren bin ich es theoretisch am Renovieren, aber leider bin ich nicht oft dort und komme kaum dazu. Es war eigentlich immer mein Plan, mich irgendwann dort zumindest Teilzeit zur Ruhe zu setzen. Ich liebe das Ruhige, Frische, Gesunde an diesem abgelegenen Ort.

Kennen Sie das Gefühl von Heimweh?

Bühler: Oh ja. Zwar fühle ich mich grundsätzlich zu Hause, sobald ich in einem Hotelzimmer ankomme, meinen Koffer auspacke und meine Toilettenartikel im Bad ausbreite. Aber das gleiche «Zuhause» wie in Andorra, wo ich schon sieben Jahre wohne, ist es natürlich nicht. Und schon gar nicht wie das «Zuhause» in Willisau, wo ich aufgewachsen bin und meine Mutter und meine Schwestern immer noch wohnen. Ein Gefühl wie dort habe ich sonst nirgends auf der Welt.

Was vermissen Sie am meisten aus der Schweiz?

Bühler: Meine Familie und die alten Freunde stehen eindeutig an erster Stelle. Manchmal vergesse ich fast, dass dort ja noch ein grosser Teil meines Lebens liegt. Wenn ich dann jeweils in der Schweiz bin, würde ich am liebsten dort bleiben, aber leider geht das im Moment nicht. Was ich auch vermisse, ist die Schweizer Natur – und wie wunderbar dort alles geregelt ist. Vor allem Letzteres weiss ich mit zunehmendem Alter mehr zu schätzen.

Früher war das nicht so?

Bühler: Früher regte ich mich auf, dass vieles so engstirnig war. Wenn man in Luzern falsch parkierte, sass bestimmt einer am Fenster und wartete nur darauf, die Polizei anrufen zu können. Aber die Kehrseite ist eben, dass alles gut organisiert ist, dass man im Restaurant qualitativ hoch stehendes Essen bekommt und sehr zuvorkommend behandelt wird.

Was hat eigentlich in der Kindheit Ihre Leidenschaft für die Musik geweckt?

Bühler: Meine Eltern haben beide immer gesungen. Von der ersten Klasse an lernte ich Geige, denn die Eltern wollten einfach, dass wir alle ein Instrument lernen. Musik war bei den Bühlers immer allgegenwärtig.

Als 17-Jähriger waren Sie Frontman einer Hardrockband in Luzern. Hätte Ihr Weg auch in jene Richtung weitergehen können?

Bühler: Ich glaube, schon. Mir hätte es damals sehr Spass gemacht. Aber im Grunde war meine Stimme noch nie geeignet für Hardrock. Ich hatte immer schon einen glasklaren Tenor, der sogar unter klassischen Sängern heraussticht. Von daher hätte eine Karriere als Rocksänger wahrscheinlich nie richtig geklappt.

Sie sind ja auch ein grosser Harley-Fan. Leben da sozusagen zwei Seelen in Ihnen: der Rocker und der geschniegelte Schmusesänger, der Wilde und der Angepasste?

Bühler: (lacht) «Angepasst» ... ich weiss nicht so recht. Das Wilde liegt mir auf jeden Fall – seit ich in der Jugend mit den Willisauer Töfflibuben im Luzerner Hinterland herumkurvte. Und klar, singen wir mit Il Divo fein und sanft, aber wir haben doch unsere Finale, wo wir geben, was wir haben. Das ist dann doch wieder mehr ein Hardrockgefühl.

Wie erklären Sie sich das Geheimnis hinter dem Erfolg von Il Divo?

Bühler: Das werden wir immer wieder gefragt. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass wir vier – Sebastien, David, Carlos und ich – einfach grundverschiedene Typen sind, und zwar auf jeder Ebene. Wir kommen aus vier verschiedenen Ländern, haben grundverschiedene Persönlichkeiten und auch Stimmen. Da ist für jedermann etwas drin.

Können Sie rabiat werden, wenn jemand Ihren Musikstil als Kitsch bezeichnet?

Bühler: Uh nein, das ist mir so was von egal. Hauptsache, mir gefällts – und all denjenigen, die an unsere Konzerte kommen.

Ihre Musik setzt sehr stark auf Emotionen. Sind Sie selber auch so emotional?

Bühler: Ja, ich bin ein sehr emotionaler Typ. Was ich auf der Bühne rauslasse, ist nur ein Bruchteil von meiner Emotionalität. Man muss sich auf der Bühne blossstellen können, um dem Publikum Emotionen zu geben, aber man darf sich auch nicht ganz und gar exponieren, sonst wird es peinlich. Das habe ich schon im klassischen Gesangsstudium gelernt. Man muss sich emotional in die Bühnenrolle hineingeben – ganz egal, ob ich als «Tamino» oder als Urs Bühler auf der Bühne stehe –, aber man darf sich darin nicht verlieren.

Sind Sie – abseits der Bühne – nah am Wasser gebaut?

Bühler: Das ist fast ein bisschen lächerlich: Ich weine, wenn ich mir Filme anschaue. Und zwar nicht, wenn etwas traurig ist, sondern wenn sich schlussendlich alles zum Guten wendet. Das letzte Mal, dass mir das passiert ist, war auf einem Flug nach Amerika während des Walt-Disney-Trickfilms «Frozen» ... Sorry!

Il Divo, Ihr Gruppenname, bedeutet so viel wie «männliche Diva». Von Sängern, ja Tenören im Speziellen, sagt man, sie seien «Divas», also eitel bis zum Gehtnichtmehr. Trifft das auch auf Sie zu?

Bühler: Ich weiss nicht, ob eitel das richtige Wort ist. Aber ich denke, das gehört gewissermassen dazu. Il Divo ist ein Gesamtpaket, es geht nicht nur um die Stimme allein. Das Aussehen und das Benehmen gegenüber den Fans gehören auch dazu. Es war schon immer unser Ziel, in jeder Hinsicht ein «classy image» abzugeben. Das sind wir der Musik schuldig. Unser allererstes Fotoshooting versuchten wir in Jeans und T-Shirt zu machen und merkten, dass das einfach nicht passte. Seither gehört der Armani-Anzug zu uns.

Welcher von Ihnen steht bei den weiblichen Fans am höchsten im Kurs?

Bühler: Ich glaube nicht, dass da einer heraussticht. Jeder von uns spricht andere weibliche Fans an.

Gibt es keine Konkurrenzkämpfe?

Bühler: Am Anfang war das schon ein bisschen so. Wir waren alle Solisten, und jeder wollte natürlich im Rampenlicht stehen. Aber unterdessen sind wir aus den Hahnenkämpfen rausgewachsen. In den Konzerten sowieso: Da haben wir einen Sound-Engineer, der die Lautstärken reguliert, da kann ich so laut singen, wie ich will, wenn ich nicht die Lead­stimme habe, dreht er mich runter. Es wäre blödsinnig, sich selber zu profilieren und dabei die ganze Harmonie über Bord zu werfen.

Am 6. Oktober treten Sie im Hallenstadion auf. Ist so ein Heimspiel etwas Besonderes für Sie als einzigen Schweizer im Quartett?

Bühler: Das macht tatsächlich einen grossen Unterschied. Zürich ist für mich «unique». Hier kann ich mit dem Publikum Schweizerdeutsch reden. Und vom Schweizer Publikum fühle ich mich auch immer unglaublich warm willkommen geheissen. Zudem kommen immer viele bekannte Gesichter. Es gibt viele Künstler, die mögen es nicht, wenn jemand aus dem Publikum sie persönlich kennt. Ich liebe es aber, wenn meine engsten Freunde und meine Familienangehörigen in der ersten Reihe sitzen und ich zu ihnen singen kann. Auch wenn wir 120 Konzerte im Jahr machen: Das Hallenstadion wird für mich immer unübertroffen sein.