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Sibylle Berg und die Endzeit der Menschheit

Autorin Sibylle Berg legt mit «GRM Brainfuck» einen grossartigen dystopischen Roman vor, voller ­Dunkelheit, Tristesse und Gewalt. Die Helden sind vier wütende Kinder, die ihre mobilen Geräte begraben.
Ulrich Steinmetzger
Gnadenlos und forsch: Die Wahlschweizerin Sibylle Berg hinterfragt die Digitalisierung. (Bild: Jens Kalaene/DPA (Berlin, 3. Mai 2018))

Gnadenlos und forsch: Die Wahlschweizerin Sibylle Berg hinterfragt die Digitalisierung. (Bild: Jens Kalaene/DPA (Berlin, 3. Mai 2018))

«Es war nicht gut gewesen. Für die Gehirne der Menschen», fasst Sibylle Berg am Ende des ersten Drittels ihres gross angelegten und grossartigen neuen Romans die Ereignisse zusammen. «Die wunderbare Digitalisierung. Wie verändert sich das Hirn im Offline-Modus, wenn das Dasein zunehmend virtuell stattfindet, die Musik in Clouds und Streaming-Diensten, die Filme, die Bücher, die Freunde, die Shops, das Sozialleben aus einer Benutzeroberfläche bestehen, die vielleicht nicht real ist.»

Der richtige Widerstand draussen in der wirklichen Welt erstirbt, weil er zu mühsam ist und zu unattraktiv. Wichtig sind höchstens noch Hass und Gewalt, weil sie ein Online-Gefühl erzeugen und weil man sowieso im Virtuellen zu Hause ist. Alles andere ist viel zu langsam und deswegen langweilig.

Das Netz hat um das Jahr 2050 ganze Arbeit geleistet. Es hat verblödet, verhetzt, manipuliert und frustriert.

«Die Wirklichkeit nur etwas zugespitzt»

Solchen Mechanismen widmet sich die 65-jährige Sibylle Berg ausführlich, gnadenlos und forsch. Sie betont ausdrücklich, dass es sich dabei nicht um eine Dystopie handelt, wie sie aktuell recht gern geschrieben werden, sondern dass sie unsere Welt abbildet und dabei nur ein bisschen zuspitzt und weiterdenkt.

Tatsächlich: Was sie da aneinanderreiht an Unglaublichem, ist irgendwie real. Nur hat man es in so drastischer Zusammenschau noch nicht gelesen. Hinterher weiss man mehr über die Mechanismen und ist alles andere als beruhigt. Und man weiss auch, dass man kurz nach der Buchmesse den Roman gelesen hat, der eigentlich konkurrenzlos den Preis der Buchmesse verdient hätte. Das ist Literatur, die zur Sache geht und tiefere Schichten freilegt, weil sie weiter blickt und noch Visionen hat, die sie seismografisch ausmalen kann.

Natürlich wird sie dabei auf über 600 Seiten auch mal redundant und übersteigt die Figurenhorizonte. Aber diese Autorin hat ihren Sound, einen Sog, der einen hineinzieht in die zumeist dunkelschwarzen Ereignisse.

Jugendliche machen einen kalten Handy-Entzug

Zu lesen ist die Geschichte von Don, Hannah, Karen und Peter, vier Zwölfjährigen im britischen Rochdale, einem Kaff nahe Manchester. Hier gibt es trostlose ­Reihenhäuser und keine Bäume. Wir sind in England, weil dort die europäischen Verirrungen am stärksten zum Tragen kommen.

Die vier Jugendlichen haben multinationale Wurzeln, sind farbig, asiatisch oder polnisch und Kinder so oder so versagender Eltern, wobei die Väter meistens ganz fehlen. Stattdessen haben sie die Musik. Grime bedient sie Clip für Clip mit wütenden und gefährlichen Rollenbildern, in denen sie sich finden und die meistens explizit mit Formen von Liebe zu tun haben, nach der sie sich sehnen. Das schürt die Lust auf London.

Dort finden sie in einem Randbezirk, wo die Gentrifizierung noch nicht zugelangt hat, einen Ort zum Leben, an dem sie eng beieinander sein können. Wie in einem kalten Entzug begraben sie ihre mobilen Geräte und erstellen an diesem Wendepunkt eine Liste derjenigen, denen sie aus diversen Gründen Rache geschworen haben.

Nach dem Brexit haben die Programmierer übernommen

Hier wollen die Vier bei lauter Musik ihre Jugend verschwenden und Wahlverwandte sein. Von hier aus möchten sie andere Wege ins ­Leben finden als die mit den durch Dauerreize irreversibel ­geschädigten Hirnen. Hier suchen sie zurück in eine Romantik des 1.0-Lebens ohne Apps, ­Verschwörungsseiten, Bitcoins, Fussball, Nazi-Pages, Pornos, Falschmeldungen und Kommentaren zu allem, die den Rest so ­lethargisch gemacht haben.

Nach dem Brexit haben die Programmierer komplett übernommen, ohne sich für den einzelnen Menschen zu interessieren. Es geht nur noch um Detailverfeinerungen, längst ist die Überwachung total. Vor den Fenstern kreuzen die Drohnen, die Läden funktionieren mit ­Gesichtserkennung, überall entscheidet eine Software, und Menschen können nur noch die Arbeit machen, für die sich Roboter zu schade sind. Bei guter Führung gibt es nützliche Sozialpunkte, und jeder starrt in ein winziges Display der Teile, die Sibylle Berg in insistierender Regelmässigkeit «Endgeräte» nennt.

Nachdem in Amerika schon einmal ein Reality-Star Präsident war, haben die Briten nun erstmals einen kompletten Avatar gewählt. Damit die Leute ruhig bleiben, gibt es ein Grundeinkommen für alle. Einstundenverträge sind der Gipfel der Beschäftigungspolitik, und die Kohlekraftwerke arbeiten wieder. Da hinein hetzt Frau Berg ihre Figuren, die sie alle mit einem Steckbrief ausstattet, auch wenn sie das nur bedingt individualisiert. Gegen die Wut der Unwissenden setzt sie die Hoffnung der Kinder aus ihrem Zwischenreich. Immerhin.

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 640 S., Fr. 37.–

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