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Kino: Eine Kampfansage gegen die Unterdrückung der weiblichen Lust

Der Film «#Female Pleasure» der Winterthurer Regisseurin Barbara Miller erzählt, wie der weibliche Körper auf der ganzen Welt systematisch unterdrückt, verschleiert oder gar verstümmelt wird. Und wie fünf Frauen ganz verschieden dagegen ankämpfen.
Katja Fischer De Santi/Interview: Geri Krebs
Eine der Protagonistinnen des Films: Die Somalierin Leyla Hussein, die unter permanentem Polizeischutz leben muss. (Bild: Filmcoopi)

Eine der Protagonistinnen des Films: Die Somalierin Leyla Hussein, die unter permanentem Polizeischutz leben muss. (Bild: Filmcoopi)

Da ist die ehemalige Nonne Doris Wagner, die im Kloster vergewaltigt wurde – nachdem ihr zuvor jegliche Körperlichkeit und Weiblichkeit abgesprochen worden war. Da ist Deborah Feldman, die in einer orthodox-jüdischen Sekte in New York aufgewachsen ist, mit der Vorstellung, ihr Körper sei derart sündhaft, dass «nicht einmal die Decke» ihn sehen solle – etwa beim Umziehen. Sie wurde mit 17 Jahren zwangsverheiratet, sexuell missbraucht, bekam ein Kind und beschloss, mit diesem die zutiefst frauenverachtende Gemeinschaft zu verlassen. Da ist die japanische Künstlerin Rokudenashiko, die mit Vulva-Kunst die konservative japanische Gesellschaft herausfordert und dafür wegen Obszönität angeklagt wird. Völlig akzeptiert sind im Land gleichzeitig Shinto-Rituale, bei denen alle an Penislollis lutschen und ein riesiger Phallus in einer Prozession umhergetragen wird.

Diese drei Frauen und zwei weitere Kämpferinnen porträtiert die Winterthurer Filmemacherin Barbara Miller in «Female Pleasure». Lustvoll geht es darin nie zu. Der Film zeigt anhand der fünf Frauen, wie in allen Teilen der Welt und meist im Namen der Tradition das weibliche Geschlecht verstümmelt, tabuisiert, kriminalisiert, missbraucht und kontrolliert wird. (kaf)

Barbara Miller, ist Ihr Film ein Angriff auf die Weltreligionen, welche alle die weibliche Sexualität unterdrücken?

Ich kann dazu eine meiner Protagonistinnen zitieren, die aus Somalia stammende Leyla Hussein. Sie sagt im Film: ‹Die uns unterdrücken, praktizieren das Patriarchat als universelle Religion.› Ich finde, sie bringt damit das Wesentliche auf den Punkt: Verachtung, Geringschätzung und totale Kontrolle von Frauen und ihren Körpern ist keine Besonderheit einer bestimmten Religion.

Von Ihren Protagonistinnen ist ja die muslimische Somalierin Leyla Hussein, der als Kind die Genitalen verstümmelt wurden, die mit der krassesten Geschichte. Nun wird im Film betont, diese Verstümmelung sei eigentlich keine islamische Tradition. War das eine Vorsichtsmassnahme aus Angst vor radikalen Islamisten?

Die konkreten Drohungen gegen Leyla Hussein durch radikale Islamisten sind eine Realität. Sie ist von den fünf Frauen die einzige, die unter permanentem Polizeischutz leben muss. Aber Sie haben recht: Es gab meinerseits hier durchaus Bedenken. Ich hatte ursprünglich eine ägyptische Künstlerin als Protagonistin im Film angedacht. Doch diese unglaublich mutige Frau machte so provokative Aussagen und Performances direkt gegen ihre Religionsgemeinschaft, dass mir klar wurde: Wenn ich sie in den Film integrieren werde, dann muss nicht nur ich, sondern müssen auch alle Protagonistinnen für den Rest des Lebens unter Polizeischutz leben.

Der Film hat im Titel das Wort Lust, ist aber eigentlich eher eine Kampfansage gegen Unterdrückung von Lust.

Natürlich war der Titel ein bewusster Entscheid. Ich wollte das Recht auf eine selbstbestimmte weibliche Sexualität ins Zentrum stellen. Wir Frauen haben doch genau so ein Recht darauf, sexuelle Lust zu geniessen wie die Männer. Das ist ja etwas, das in den vergangenen paar Jahrzehnten in unserer westlichen Kultur glücklicherweise vermehrt ins Bewusstsein von Männern und Frauen vorgedrungen ist – im grössten Teil der Welt ist das allerdings leider nicht der Fall.

Dass es bisweilen mit diesem Bewusstsein auch in der westlichen Welt nicht weit her ist, hat die Me-too-Bewegung gezeigt. Wie weit waren Sie mit der Arbeit am Film, als im Oktober 2017 die Debatte begann?

Ich hatte gerade mit den Arbeiten am Schnitt begonnen, es war alles abgedreht. Man kann also nicht behaupten, dass ich da auf einen fahrenden Zug aufgesprungen wäre und MeToo meinen Film noch beeinflusst hätte. Ich denke auch, dass «#Female Pleasure» nur teilweise etwas mit der Debatte zu tun hat, nämlich dort, wo es um die Frage geht, wie Frauen – und auch Männer – mit Übergriffen und überhaupt mit negativen Aspekten von Sexualität umgehen sollen. Nämlich sich vom Gefühl der Mitschuld und der Scham befreien und die Erlebnisse öffentlich zu machen und die Täter so zur Rechenschaft zu ziehen.

Um konkrete schwere Übergriffe geht es in Ihrem Film aber bei einer der Protagonistinnen, bei der ehemaligen Nonne Doris Wagner aus Deutschland. Sie wurde von einem Priester vergewaltigt. Sie machte den Fall öffentlich, ging damit bis zum Papst, doch dieser reagierte nicht. Was halten Sie davon?

Dieser Papst hat einen hervorragenden Ruf. Er sei ein Reformer, der gerne so vieles ändern würde, wenn nur die Strukturen in der Katholischen Kirche anders wären, heisst es gerne. Ich halte das, ehrlich gesagt, für Ausflüchte, denn ich bin überzeugt, er könnte viel mehr machen und verändern, wenn er denn nur wollte. Auch hat Doris Wagner, weil mein Film nun in den Kinos anläuft, nochmals einen Brief an den Papst geschickt, als eine Einladung zum Dialog. Vor einer Woche hat sie endlich Antwort bekommen. Sie ist sehr knapp: ‹Danke für Ihr Schreiben. Der Papst hat von dem Schreiben Kenntnis genommen. Und: Beten Sie für den Papst!› Das sagt doch alles.

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