Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

#MeToo in der Operette:
Thurgauerin führt in Vaduz Regie

Mit Astrid Keller inszeniert bei der Operette Vaduz erstmals eine Frau. Mit dem Stück «Bettelstudent» von Karl Millöcker, das mit einem Übergriff auf eine Gräfin beginnt, habe das nichts zu tun, sagt die Thurgauer Theaterfrau.
Martin Preisser
Der Thurgauer Schauspielerin und Regisseurin Astrid Keller (hier vor dem Bühnenbild der aktuellen Vaduzer Operette «Der Bettelstudent») ist das Problem, dass Männer auch im Theaterbetrieb Frauen gegenüber deutlich Grenzen überschreiten, immer wieder begegnet. (Bild: Mareycke Frehner)

Der Thurgauer Schauspielerin und Regisseurin Astrid Keller (hier vor dem Bühnenbild der aktuellen Vaduzer Operette «Der Bettelstudent») ist das Problem, dass Männer auch im Theaterbetrieb Frauen gegenüber deutlich Grenzen überschreiten, immer wieder begegnet. (Bild: Mareycke Frehner)

Ein dubioses Essen mit einem Agenten, der ihr einst eine Rolle neben dem berühmten Klaus Maria Brandauer in Aussicht stellte, hat sie lieber abgelehnt. Und sie erinnert sich an einen älteren sehr bekannten Schauspieler, der ihr gar eine Wohnung einrichten und ihr einreden wollte: «Mädchen, in unserem Beruf läuft alles übers Bett.» Astrid Keller hat nie daran geglaubt, und sie hat für sich recht behalten.

Jetzt inszeniert sie mit dem «Bettelstudent» von Karl Mil­löcker eine Operette, die heftig mit einer #MeToo-Geschichte beginnt. Der sächsische Gouverneur von Krakau bedrängt die schöne polnische Gräfin Laura Novalska, die sich gegen seinen Übergriff mit einem Schlag ins Gesicht zur Wehr setzt. «Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst», sagt Oberst Ollendorf. 1882 wurde die Operette, die 1704 spielt und von Unterdrückung und Freiheitsliebe erzählt, komponiert. «Nur beim Schulterküssen dürfte es nicht geblieben sein», sagt Astrid Keller.

«Das Stück würde auch ohne Musik funktionieren»

«Es ist erstaunlich, dass damals schon das Thema der sexuellen Belästigung Eingang in eine Operette fand und sich die Frau emanzipatorisch wehrt», sagt die Thurgauer Schauspielerin und Regisseurin, die von dem Stoff sofort begeistert war. «Das ist ein wunderbares Libretto, das sogar ohne Musik als reine Komödie sehr gut funktionieren würde.»

Erstmals inszeniert bei der Operettenbühne Vaduz eine Frau. Mit dem Thema hat das allerdings nichts zu tun. Die Verantwortlichen haben Astrid Keller 2017 als Regisseurin von Ödön von Horvaths «Kasimir und Karoline» beim See-Burgtheater in Kreuzlingen erlebt und waren überzeugt. Ihr Mann Leopold Huber, der ebenfalls schon in Vaduz inszeniert hat, ist dieses Jahr wieder in Sirnach mit dem «Ball im Savoy» ausgelastet, steuert aber zum «Bettelstudent» das Bühnenbild bei.

Dass beide Partner fast zeitgleich eine Operette inszenieren, hat für Astrid Keller auch etwas Prak­tisches. «Natürlich sitzen wir manchmal bei einem Glas Wein am Abend zusammen und tauschen uns aus.» Ins Regieführen ist sie fast ein wenig hineingerutscht, sie hat es nie angestrebt. Heute hat sie grossen Spass daran. Es begann 1991 bei der Bühni Wyfelde. Viermal hat sie inzwischen bei der Zentrumbühne Bottighofen inszeniert und dort viel Erfahrung bei der Arbeit mit Laien gesammelt. Jetzt in Vaduz hat Astrid Keller dreieinhalb Wochen weniger Probenzeit als ihr Mann bei der Operette Sirnach.

«Ich arbeite streng, lasse nicht locker»

«Ich arbeite streng, lasse nicht locker und bringe da auch meine Haltung als Mutter und ­Familienfrau mit klaren Ansagen ein», erzählt sie und gibt offen zu: «Ich selbst als Schauspielerin hätte mich als Regisseurin vielleicht gar nicht so gern.» Den «Bettelstudent» lese sie natürlich auch aus weiblicher Sicht. Sie wolle die Operette so gestalten, dass die Situationen wirklich ernst genommen werden. Das heisst auch: Operette muss nicht künstlich überparodiert werden. «Und bei den Sängern reicht nur schön singen nicht. Ich muss verstehen, warum jemand genau das singt, was er singt. So wie auch jeder Gang und jede Bewegung auf der Bühne einen klaren, überlegten Impuls haben müssen. Dafür muss ich mich als Regisseurin ­zuerst genau in die Figuren hineinversetzen. Sie müssen völlig glaubwürdig rüberkommen.»

Oberst Ollendorf, der Zurückgewiesene, will sich an Gräfin Laura rächen. Ihr, die standesgemäss heiraten will, jubelt er einen unechten Grafen unter, eben den Bettelstudenten Simon, und lässt die Täuschung dann bei Lauras Hochzeit auffliegen. Aus einer arroganten Adligen wird im Laufe des Stücks aber eine aufgeschlossene Frau, die sich für die Liebe entscheidet. Johann Strauss hat das Libretto nicht gereizt, Karl Millöcker dagegen hat das grosse Potenzial der Geschichte erfasst. Er hat sich neben Franz von Suppé und Strauss mit der unsterblichen Musik des «Bettelstudent» in die grosse Trias der Komponisten der Goldenen Wiener Operetten-Ära eingereiht.

Hinweis
Premiere: Fr, 25.1., 19.30 Uhr, Vaduzer Saal, Vaduz; weitere acht Aufführungen bis 17. 2.; operette.li

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.