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Porträts von achtzig Menschen: Sie alle erzählen ihr prägendstes Erlebnis

Achtzig Menschen von nah und fern berichten in einem Bildband, was ihr Leben nachhaltig verändert hat. Co-Autorin und Co-Fotografin ist die Luzernerin Sandra Bühler. Und auch unter den Porträtierten hat es vier aus der Zentralschweiz.
Arno Renggli
Die Zugerin Katharina verbrachte Jahre in den Fängen eines Sektenführers. (Bild aus dem Buch)

Die Zugerin Katharina verbrachte Jahre in den Fängen eines Sektenführers. (Bild aus dem Buch)

Es sind Schwarz-Weiss-Bilder von eindrücklicher Intensität, unmittelbar wirken die vom Leben gezeichneten Gesichter. 80 Menschen haben Sandra Schmid (28) und Sandra Bühler (30) befragt und fotografiert. 80 Menschen, zum Teil aus der Schweiz, viele aber auch aus fernen Orten in den USA, Südafrika, Asien, Lateinamerika. Und die Ausgangslage war immer: Welche Ereignisse, welche Erlebnisse haben ihr Leben am nachhaltigsten geprägt?

Vier Zentralschweizer sind darunter: Der Luzerner Karl (84) erzählt von traumatischen Erfahrungen als Heim- und Verdingkind (siehe leicht gekürzten Text unten). Die Zugerin Katharina (35) berichtet von Jahren des Psychoterrors in einer Sekte. Die Nidwaldnerin Anita (54) schildert, wie sie 2004 in Thailand den Tsunami überlebte. Und die Luzernerin Sothy (49) wurde als Kind in Kambodscha von den Schergen des Diktators Pol Pot drangsaliert.

Krasse Situationen und Schicksalsschläge

Ebenso eindrücklich sind andere Schicksale. Die ­Bolivianerin Felicia etwa wurde als 16-Jährige zwangsverheiratet, verliess ihren gewalttätigen Mann und musste sich als stigmatisierte Alleinerziehende aus dem Elend kämpfen. Javet aus Panama schaffte dank dem Glauben den Ausstieg aus einer Strassengang. Die Zürcherin Sandy rebellierte als kleines Mädchen und wurde Piercerin. Noch weiter punkto Veränderung des Körpers ging Shy aus Los Angeles und erlebte soziale Ausgrenzung.

Viele der Porträtierten wurden in krasse Situationen hineingeboren oder erlitten Schicksalsschläge. Fast alle indes erlebten eine Wende zum Guten. Klar wird: So unterschiedlich Menschen sind, so ähnlich sind ihre Gefühle, Ängste und Träume.

Sandra Schmid/Sandra Bühler: Menschen wie du & ich. Stämpfli Verlag, 168 S., Fr. 59.–. www.menschenwieduundich.ch


Sandra Bühler tritt am Freitag. 21. September, in der Tele-1-Sendung «Persönlich» auf (18.20 Uhr, Stundentakt).

Der Luzerner Karl wurde als Heim- und Verdingkind misshandelt. (Bild aus dem Buch)

Der Luzerner Karl wurde als Heim- und Verdingkind misshandelt. (Bild aus dem Buch)

Karl (84), Luzern, ehemaliges Heim- und Verdingkind

«Ich war ein Verdingbub. Unbedeutend, inexistent, ein Niemand. Während der Kriegsjahre hatte das Volk Angst und die Regierung andere Sorgen. Sie schauten alle weg.
Ich kam Ende 1933 zur Welt. Unehelich, als Kind einer Putzfrau. Mein Vater liess uns sitzen, der Lohn meiner Mutter reichte nicht aus, um mich zu behalten. Sie wurde als Hure betitelt. Ich habe es selber gehört, im Flur der Vormundschaftsbehörde.
Die ersten sieben Jahre verbrachte ich im Kinderheim, bis mich ein kinderloses Bauernpaar abholte. Sie wollten mich nicht aus Liebe, sondern als Arbeitskraft. Ich musste schuften bis zum Umfallen, kassierte Schläge, die ich Jahre danach noch spürte.

Zwei Jahre später holte mich die Vormundschaft wieder. Diese Leute waren Amtspersonen, Studierte, Lehrer. Sie waren hinterhältig, gemein und unmenschlich. So kam ich in die Erziehungsanstalt Sonnenberg in Kriens. Abgeschottet von der Aussenwelt. Wir waren identitätslos; Zöglinge nannte man uns. Wir wurden geschlagen, gequält und mussten hungern. Einmal im Monat gab es einen Cervelat und einige Butterrollen. Doch diese beanspruchten die älteren Kinder für sich. Wollten wir Jüngeren Prügel vermeiden, mussten wir alles abgeben. Manchmal gab es für den Hund einen Eimer mit in Kaffee aufgeweichtem Brot. Wir fischten einige Stücke heraus. Ein Festessen! In den Nächten schlichen wir aus den Zimmern, um Brot zu stehlen. Die älteren Zöglinge hätten uns mit Lederriemen gezüchtigt, wenn wir nicht gehorcht hätten.

Wir lebten in ständiger Angst und Verzweiflung, viele Kinder waren Bettnässer. «Ihr verdammten Saucheiben müsst mal austrocknen!», riefen die Erzieher. So zwangen sie uns, zwei Stunden mit der uringetränkten Matratze in den Hof zu stehen. Auch der Direktor verspottete uns. Ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert. Ich versuchte zu fliehen und lief von Luzern bis ins Toggenburg, wo mich Polizisten stoppten. In der Anstalt wurde ich verprügelt und für zehn Tage eingesperrt. Ich hatte nichts. Ausser weissen Streifen an den Hosen, damit jeder wusste, woher ich kam.

Pfarrer wollte ihm
die Hose herunterreissen

1944 schrieb ein Reporter über den Sonnenberg. Der Direktor trat zurück. Ich war elf Jahre alt. Es folgten weitere Kinderheime und Bauernhöfe in unterschiedlichen Kantonen. Zu all dem hinzu kam noch der Firmunterricht. Der Pfarrer versuchte eines Tages, meine Hose runterzureissen. Ich konnte fliehen. Später erfuhr ich, dass er alle Pfadi-Jungs missbraucht hatte. Doch es wurde unter den Teppich gekehrt.

Als Volljähriger wurde ich aus der Vormundschaft entlassen. Mit der Warnung, dass die Strafanstalt Tessenberg nicht weit weg wäre, wenn ich mich nicht benehmen würde. Ich ging nach Engelberg und fand einen Job. Schritt für Schritt musste ich mich im Erwachsenenleben zurechtfinden. Meine Mutter besuchte ich ein einziges Mal. Unangemeldet. Sie hatte Besuch und schickte mich fort. Später hatte ich sporadisch Kontakt. Das Lesen hat mir das Tor zur Welt geöffnet, war meine grosse Liebe. Dann lernte ich meine Frau kennen: ein wunderbarer Mensch. Sie zeigte mir, was es heisst, zu leben und glücklich zu sein, ein Zuhause zu haben und sich geborgen zu fühlen. Geborgenheit, ein Gefühl, das mir zuvor fremd war. Heute ist sie für mich das höchste Gut.»

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