Pop
Mit künstlicher Intelligenz zum Musikerfolg: Der Schweizer Musikvertrieb iGroove als Hellseher

Der Schweizer digitale Musikvertrieb iGroove hat eine Software mit hellseherischen Fähigkeiten entwickelt. Rapper Bushido und Kollegah sowie Lo & Leduc rühmen die hohe Trefferquote.

Georg Rudiger
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Auch Lo&Leduc arbeiten mit iGroove zusammen.

Auch Lo&Leduc arbeiten mit iGroove zusammen.

Peter Klaunzer/ Keystone (Bern, 10. Juli 2019)

Wo stehe ich in einem halben Jahr? Wieviel Geld werde ich mit welchem Song verdienen? Und was sind meine bereits veröffentlichten Songs wert? Der Blick in die Zukunft ist für alle Musikerinnen und Musiker wichtig. Im unsicheren Business, das in der Coronapandemie jede Planbarkeit verloren hat, hilft Orientierung. Nun hat der 2013 gegründete Schweizer Musikvertrieb iGroove die auf Künstlicher Intelligenz basierende Software Muse entwickelt, die erstaunliche Hellseherqualitäten offenbart. Seit einem Jahr ist das Programm im Einsatz – die Trefferquote liegt bei 95 Prozent. Dass jüngst der deutsche Rapper Bushido zu iGroove gestossen ist, passt zur Erfolgsgeschichte der auf 25 Angestellte angewachsenen Firma. 3000 Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit iGroove inzwischen zusammen, darunter auch der Rapper Kollegah, der Österreicher Chakuza und Schweizer Mundartkünstler wie Lo & Leduc und Baze. Umsatzeinbussen gab es in der Coronapandemie bislang keine.

Zuerst war das Ziel, die Vorschüsse besser zu kalkulieren

Eigentlich entwickelte das innovative Unternehmen die Software, um genauere Zahlen für die Berechnung ihrer Vorschüsse zu erhalten. Rund 150 Kredite wurden bisher an Künstler ausgegeben, damit sie die aufwändige Musikproduktion bezahlen können. In den meisten Fällen wurde das Geld schon wieder zurückbezahlt, weil die Vorhersagen genau zugetroffen haben. «Am Anfang haben wir noch vorsichtiger kalkuliert. Aber je mehr Berechnungen die KI gemacht hat, desto genauer wurden die Zahlen. So konnten wir immer mehr ins Risiko gehen. Mittlerweile können wir mit Angeboten von Major Labels mithalten», sagt Moris Marchionna, einer der drei Gründer des in Pfäffikon ansässigen Unternehmens.

Für die Analyse muss der Künstler eine gewisse Grösse haben

Seit kurzem stellt iGroove die Software jedem seiner Künstlerinnen und Künstler über eine App zur Verfügung, weil in der Coronapandemie die Sehnsucht nach Planbarkeit gross sei. Für eine einmalige Analyse kann Muse grundsätzlich jeder kostenlos nutzen. «Der Künstler muss aber eine gewisse Grösse und Historie haben, damit uns genügend Daten für eine aussagekräftige Berechnung vorliegen. Einen neuen Künstler, der erst ein paar Singles veröffentlicht hat, kann man noch nicht analysieren. Diese Analyse kann der Künstler auch nutzen, um bei einem anderen Label einen Vorschuss zu bekommen. Oder er kann ein bereits bestehendes Angebot damit überprüfen», sagt Moris Marchionna.

Streamingzahlen und Zielgruppen entscheiden

Aber wie funktioniert die Software genau? Da möchten die Macher nicht zu viel verraten. Auf jeden Fall werden die Streamingzahlen eines Künstlers detailliert analysiert: in welchen Ländern erzielt er wieviel Abrufe, welche Songs sind in Playlists zu finden, welche Zielgruppe erreicht er, mit welchen anderen Künstlern arbeitet er zusammen. Aus dieser sogenannten Historie eines Künstlers wird ein genauer Blick in die Zukunft konstruiert. Die Vorhersagen stimmen laut Betreiber selbst bei Songs, die noch gar nicht geschrieben sind.

«Wir sind eher wie eine Bank für die Künstler»

Einer der drei Gründer und CEO von iGroove: Der St.Galler Dennis Hausammann.

Einer der drei Gründer und CEO von iGroove: Der St.Galler Dennis Hausammann.

Urs Bucher

Innovation spielte bei iGroove schon von Anfang an eine wichtige Rolle: «Wir wollten etwas Neues machen, was es so in der Musikindustrie noch nicht gab. Deshalb entwickelten wir eine Plattform, auf der Künstler ihre Musik hochladen und die Fans sie dort ohne Zwischenhändler kaufen konnten. Die Künstler wollten aber trotzdem bei Spotify oder Itunes sein. So haben wir aus dem Shop einen vollwertigen Vertrieb gemacht», erklärt Moris Marchionna, zusammen mit CEO Dennis Hausammann und Géraldine Allemann Gründer der Firma. Nur 8 Prozent der digitalen Einnahmen sollten bei iGroove bleiben, 92 Prozent beim Künstler: ein Geschäftsmodell, das in den ersten Jahren noch nicht funktionierte. «Deshalb haben wir neben dem Vertrieb nach und nach andere Dienstleistungen angeboten wie Promotion. Wir möchten nicht an der Musik der Künstler Geld verdienen, sondern an unserer Arbeit», so Marchionna.

Eine Marktlücke im Musikmarkt

Udo Dahmen, Künstlerischer Direktor und Geschäftsführer Fachbereich Populäre Musik an der Popakademie

Udo Dahmen, Künstlerischer Direktor und Geschäftsführer Fachbereich Populäre Musik an der Popakademie

dpa / Keystone

Für Udo Dahmen, Leiter der renommierten deutschen Popakademie Mannheim, ist iGroove eine «interessante Plattform, die zukünftig an Bedeutung gewinnen könnte. Die zusätzlichen Marketing-Tools sind ebenfalls interessante Instrumente für Künstlerinnen und Künstler. Auch von Labels werden diese genutzt.» Heiko Freund, Leiter des Schwerpunkts Pop an der Zürcher Hochschule der Künste, beurteilt den Service vor Ort als echte Marktlücke. Einige seiner Studierenden arbeiten erfolgreich mit iGroove zusammen. «Der Vorteil bei einem Aggregator wie iGroove ist, dass man als independent artist auf den internationalen Plattformen präsent ist.»

Ein guter Rap-Song kann genauso erfolgreich sein wie «Schni-Schna-Schnappi»

Dennis Hausammann und Moris Marchionna sind selbst Musiker im Hip-Hop-Bereich. Ihre Kompetenz und ihr Stilempfinden spielt aber für die Beurteilung der Musik ihrer Künstlerinnen und Künstler keine Rolle. «Ein Song muss natürlich qualitativ hochwertig und professionell aufgenommen und gemischt sein. Geschmacklich sind wir offen. Das Urteil liegt bei den Hörern. Ein guter Rap-Song kann genauso erfolgreich sein wie ‹Schni-Schna-Schnappi›.» Nur gewaltverherrlichende oder rassistische Songs lehnen die Macher ab. Es sei zwar die Aufgabe eines Labels, einen Künstler aufzubauen und Zeit und Geld zu investieren, um später davon profitieren zu können. «Das ist aber nicht unser Metier», so Marchionna. «Wir analysieren, was war und was kommen wird. Wir sind eher wie eine Bank für den Künstler. Das Geld, das der Künstler nach unseren Berechnungen verdienen wird, können wir ihm auch jetzt schon zur Verfügung stellen.»