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Interview

«Sie litt unter Zerrissenheit»

Christian Petzold hat das 1944 erschienene Buch «Transit» von Anna Seghers verfilmt, die vor den Nazis geflüchtet ist. «Transit» ist einer der wichtigsten Romane der deutschen Emigrantenliteratur.
Gery Krebs
Georg Seidel (Franz Rogowski) kann im letzten Moment seiner Verhaftung entgehen und lernt auf der Flucht im Film "Transit" Marie Weidel (Paula Beer) kennen. (Bild: Christian Schulz)

Georg Seidel (Franz Rogowski) kann im letzten Moment seiner Verhaftung entgehen und lernt auf der Flucht im Film "Transit" Marie Weidel (Paula Beer) kennen. (Bild: Christian Schulz)

Im Buch «Transit» verarbeitet Anna Seghers (1900-1983) in der Figur des Ich-Erzählers Georg Seidler (im Film gespielt von Franz Rogowski) ihre eigene Geschichte, als sie 1941 in Marseille auf der Flucht vor den Nazis auf eine Schiffspassage nach Mexiko wartete. Christian Petzolds Faszination für den Stoff liegt bereits im Wort Transit. Als Begriff des Übergangs steht es für ihn als Antithese zu Identität, Heimat oder Nation.

Christian Petzold, Regisseur von «Transit».

Christian Petzold, Regisseur von «Transit».

Christian Petzold, Anna Seghers war nicht nur eine grössten und modernsten deutschen Literatinnen der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, sondern sie war ab 1952 auch 26 Jahre lang Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR, eine Funktionärin einer Diktatur. Wie passt das zusammen?

Das ist nur zu verstehen, wenn man sich klarmacht, wie sehr sie die Nazis hasste. 1947, nach ihrer Rückkehr aus dem mexikanischen Exil, lebte sie in West Berlin. Erst 1950 siedelte sie in die DDR über, weil sie es nicht mehr aushielt, wie in Westdeutschland reihenweise die selben Fressen aus der Nazi-Zeit wieder in politische Ämter kamen. Natürlich war es ein grosser historischer Fehler, dass sie, diese unfassbar grosse Schriftstellerin, in die DDR ging. Man merkt ihren späten Erzählungen aus den 1970er Jahren auch an, wie sie unter einer Zerrissenheit litt. Die Sprache wehrt sich in diesen Erzählungen gegen die Verhältnisse, in denen die Autorin, lebt. Und die Funktionärin eines Apparats ist, der Sprache vernichtet.

Wie kam es dazu, das Sie das Geschehen vom Marseille des Jahres 1941 in eine unbestimmte Gegenwart verlegten?

Nun, ich nenne es «Boarding Zone» – es gibt zwar keine Handys, aber sonst spielt es in unserer heutigen Zeit. Ich hatte ursprünglich, noch mit Harun Farocki (der erst mein Lehrer an der Filmschule und dann Co-Autor all meiner Filme war), ein Treatment für eine Verfilmung des Romans begonnen. Allerdings war ich schon damals nicht ganz glücklich, nach «Phoenix» erneut einen historischen Stoff zu verfilmen. Dann starb Harun im Juli 2014 und ich legte das Projekt weg, widmete mich ganz meinem ersten «Polizeiruf 110», den ich parallel zu «Transit» begonnen hatte. Als ich damit fertig war, nahm ich «Transit» dann doch wieder in die Hand.

Wollten Sie den Roman damals aber immer noch «historisch» verfilmen?

Ja, eigentlich schon, aber kurz danach löste sich diese Idee buchstäblich in Luft auf.

Wie denn das??

Ich reiste mit meinem 14 jährigen Sohn in den Urlaub in die USA, im Mietwagen fuhren wir durch die Wüste Nevadas, auf dem Rücksitz lag mein metallener Laptop, darauf 50 Seiten Drehbuch. Im Hotel stellte ich fest, dass die Festplatte in der Hitze buchstäblich verbrannt war und mit ihr das Drehbuch. Ich hatte kein Backup, ich war befreit.

War es wirklich eine Befreiung?

Ja, doch – tolle Western spielen in dieser Wüste, und jetzt hatte sie mir ein schlechtes Drehbuch verbrannt, von dem ich eigentlich wusste, dass man es allenfalls mit Ben Kingsley in der Hauptrolle hätte verfilmen können. (lacht) Ich begrub das Drehbuch also ein zweites Mal, machte mich an meinen zweiten Polizeiruf 110 – und während ich daran schrieb, erinnerte ich mich an Robert Altmann’s «The Long Goodbye», in dem er Detective Philip Marlowe ins L.A. der Gegenwart holte. Gleichzeitig aber ist Marlowe ein Mann von 1940, ist gekleidet wie damals – und ist dennoch keine Retrogestalt. Das also war für mich die Ausgangsidee, um alles neu zu schreiben.

An der Premiere von «Transit» an der diesjährigen Berlinale äusserten Sie sich dann aber so, dass man meinen könnte, sie verglichen die Situation der Flüchtlinge von heute mit der von 1941.

Das stimmt nicht. Ich sagte damals, dass, aufgrund der Erfahrungen von Leuten wie Anna Seghers während der Nazi-Zeit, die BRD in ihr Grundgesetz das Recht auf Asyl geschrieben habe. Und dieses Recht werde seit der deutschen Wiedervereinigung sukzessive ausgehöhlt und dagegen würde ich mich wehren. Aber ich weiss, gewisse Medien stürzten sich auf diese Aussagen und gaben sie arg verkürzt wieder. Deshalb möchte ich hier nochmals betonen: Wer die Zeit von damals mit der von heute vergleicht, verhöhnt die Opfer der Shoah. Die heutigen Flüchtlingsheime und Abschiebezentren sind keine Vernichtungslager.

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