Sie machens auf die freche Art:
Das ist die neue Generation von Schweizer Sängerinnen

Selbstbewusst, unangepasst und abenteuerlustig! Sängerinnen wie Elina Duni, Marena Whitcher, Andrina Bollinger, Lucia Cadotsch und Yumi Ito haben sich vom amerikanischen Jazz emanzipiert.

Stefan Künzli
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Es ist eine geballte Ladung. Gleich im Wochentakt stellen im November Sängerinnen wie Elina Duni, Yumi Ito, Lucia Cadotsch sowie Marena Witcher und Andrina Bollinger ihre neuen musikalischen Werke vor. Abenteuerliche, kompromisslose und eigenwillige Musik einer neuen Generation der Unangepassten und Aufmüpfigen. Eine Generation von Musikerinnen zwischen 29 und 39 Jahren, erstklassig musikalisch ausgebildet, die ihren Weg ohne kommerzielle Ab- und Rücksichten verfolgt, einen gesunden, rebellischen Geist bewahrt hat und sich selbstbewusst und eigenständig zu präsentieren weiss.

Alle genannten Sängerinnen haben die hiesigen Jazzschulen absolviert, haben die Jazztradition amerikanischen Zuschnitts gelernt, um danach wieder aus ihr auszubrechen und die stilistischen Barrieren einzureissen. Es ist eine Musik, die sich von den Konventionen des traditionellen, amerikanischen Jazzbegriffs befreit, emanzipiert und neu definiert hat. Nicht alle sehen sich deshalb heute als Jazzsängerinnen, aber alle betonen den Bezug zum Jazz und seinen Einfluss.

Zum Beispiel Eclecta, das Avantgarde-Pop-Duo von Andrina Bollinger (29) und Marena Whitcher (30). Die beiden Sängerinnen haben sich an der Zürcher Hochschule der Künste kennen gelernt, wo sie bei Marianne Racine in die Kunst des amerikanischen Jazz-Standards eingeweiht wurden.

Eclecta: Marena Whitcher und Andrina Bollinger machen verspielten, lustvollen Avantgarde-Pop.

Eclecta: Marena Whitcher und Andrina Bollinger machen verspielten, lustvollen Avantgarde-Pop.

Bilder: Nicole Pfister, Blerto Kambo, Maria Jarzyna, Dovile Serm

Whitchers Vater ist Amerikaner, weshalb sie schon in ihrer Jugend Songs aus dem «Great American Songbook» sang. «Ich liebe sie, aber ich wollte meinen eigenen Weg gehen, meinen persönlichen Ausdruck finden. Ich mach’s auf meine Art», sagt sie. Schubladisieren mag sie sich nicht. «Marena Whitcher ist keine Jazzsängerin, sie ist ein Kosmos», sagte einst Moods-Chefin Carine ­Zuber treffend.

Sowieso: Bei «Eclecta» wird nicht improvisiert. Die verspielte, lustvolle Musik des zweiten Albums «Open ­Other Doors» ist diesmal ganz am Computer entstanden und erinnert punkto Ausdruck und Komplexität an Björk. «Aber die Songs entstehen aus der Improvisation», sagt Bollinger, «das Intuitive, die Experimentierlust, die Freude am Ausbrechen geht auf den Jazz zurück. Es geht um die Haltung.»

Eclata: Open Other Doors (Tourbomusic)

Eclata: Open Other Doors (Tourbomusic)

Bild: zvg

Multikulturell und multistilistisch

Die stilistische Freiheit und die Improvisation wird bei der Sängerin, Pianistin und Bandleaderin Yumi Ito ganz grossgeschrieben. An der Musikhochschule in Basel hat sie bei Lisette Spinnler auch Jazzstandards gesungen. Die Tochter einer klassischen polnischen Sängerin und eines Flöte spielenden Japaners nennt aber auch japanische und polnische Einflüsse sowie die Musik der Isländerin Björk.

Yumi Ito macht eine Musik, die so farbig und divers ist wie ihre Biografie.

Yumi Ito macht eine Musik, die so farbig und divers ist wie ihre Biografie.

Bilder: Nicole Pfister, Blerto Kambo, Maria Jarzyna, Dovile Serm

Yumi Ito ist multikulturell und multistilistisch ausgerichtet, der Begriff «Jazz» greift denn auch bei ihr zu kurz. Mit den eher klassischen Instrumenten Harfe, Flöte, Vibrafon und Streichern ist ihr Orchester weit weg vom Klang einer traditionellen Big Band entfernt. Ihr neues Album «Stardust Cristals» ist denn auch einer ausgesprochen europäischen Ästhetik verpflichtet.

Yumi Ito: Stardust Cristals (Unit) Wird am 20. November veröffnetlicht.

Yumi Ito: Stardust Cristals (Unit) Wird am 20. November veröffnetlicht.

Bild: zvg

Mit 39-Jahren ist die albanisch-schweizerische Sängerin Elina Duni die älteste dieser Generation, zu der auch noch Lea Maria Fries (30), Corinne Huber (34) und Cinzia Catania (32) zu zählen sind. «Als ich 2005 mit dem Studium angefangen habe, gab es nur die Jazz-Diva, die amerikanische Standards gesungen hat, sonst nichts», sagt Duni.

Elina Duni macht Folk-Jazz mit mediterraner Melancholie. Musik aus einem Guss.

Elina Duni macht Folk-Jazz mit mediterraner Melancholie. Musik aus einem Guss.

Bilder: Nicole Pfister, Blerto Kambo, Maria Jarzyna, Dovile Serm

Die Jazzschulen, vor allem jene in Bern, waren sehr eng und konservativ auf den amerikanischen Jazz ausgerichtet. Swing und Be-Bop galten alles, der Rest nichts. Heute sind die Hochschulen in Bern, Lausanne, Basel, Luzern und Zürich viel breiter aufgestellt und stilistisch offener. Elina Duni führt die neue Generation von Sängerinnen auf dieses Umdenken der Schweizer Jazzschulen zurück. «Seit rund zehn Jahren lassen sich zunehmend Frauen auf das Abenteuer Jazz ein», sagt Duni, «sie repräsentieren die neue Generation und gleichzeitig den Aufschwung von Frauen in diesem Genre.»

Aus jedem Song etwas Eigenes machen

Elina Duni selbst ist das Musterbeispiel für diesen Weg der Emanzipation. Ihre Interpretationen von albanischen und mediterranen Volksliedern mit Mitteln des Jazz sind seit Jahren ihre grosse Spezialität. Inzwischen hat sie in neun verschiedenen Sprachen gesungen, auch arabisch, italienisch und sogar schweizerdeutsch. Auf ihrem neuen Album «Lost Ships» erweitert sie ihr Repertoire um französische Chansons und erstmals auch um eigene Songs, die sie mit ihrem Mann, dem englischen Gitarristen Rob Luft, komponiert hat sowie Songs wie den US-Standard «I’m A Fool To Want You».

Elina Duni/Rob Luft: Lost Ships (ECM / Musikvertrieb)

Elina Duni/Rob Luft: Lost Ships (ECM / Musikvertrieb)

Bild: zvg

Bei aller Diversität kommen die Songs wie aus einem Guss. Dabei erinnert sie in ihrem Vorgehen an Billie Holiday, die die Songs formt und mit ihrer Sprache zu igen gemacht hat. Grosse Kunst.

Vom traditionellen Jazz hat sich dieser Folk-Jazz weit entfernt. Doch für Duni ist es «immer noch mehr Jazz als Pop». «Es gibt diesen Moment der Freiheit, Raum für Spontaneität und Interaktion. Im Pop fehlt heute diese Freiheit, die Songs sind leider stark strukturiert und fixiert.» Dazu kommen Experimentierlust und harmonische Komplexität.

Einen anderen, originellen Zugang zur Song-Tradition pflegt die in Berlin lebende Sängerin Lucia Cadotsch mit ihrem schlagzeuglosen Trio Speak Low. Auf dem ersten Album hat sie zum Teil verstaubte Klassiker in die Gegenwart transportiert, indem das Trio das Gerüst um den Song mit einer Art analogen Loop- und Remix-Technik dehnt und verändert.

Lucia Cadotsch macht Standards und Popsongs zu ihrer eigenen Musik.

Lucia Cadotsch macht Standards und Popsongs zu ihrer eigenen Musik.

Bilder: Nicole Pfister, Blerto Kambo, Maria Jarzyna, Dovile Serm

Saxofonist Otis Sandsjö und Bassist Peter Eldh kreisen dabei um den Melodiekern und kreieren einen ganz eigenen Bandsound. Dafür ist Cadotsch mit einem «Echo Jazz», der höchsten Auszeichnung in Deutschland, ausgezeichnet worden.

Für ihr neues Album hat sie das Konzept auf eher unbekannte Popsongs von Randy Newman, David Bowie und Brian Eno ausgeweitet. «Das Originalmaterial spielt eigentlich keine Rolle», sagt sie im Magazin «Jazzthing», «uns geht es darum, zu zeigen, dass sich aus jedem Song, egal wie bekannt er ist, ein Stück eigene Musik entwickeln lässt.»

Lucia Cadotsch: Speak Low II (We Jazz). Wird am 29. Oktober veröffentlicht.

Lucia Cadotsch: Speak Low II (We Jazz). Wird am 29. Oktober veröffentlicht.

Bild: zvg