Interview

Sie sucht europaweit nach den passenden Künstlern

Was macht eigentlich einen Rocker aus? Oder wie findet man die richtigen Sängerinnen und Tänzer, um das Musical «Rock of Ages» auf die Bühne zu bringen? Wir haben Irène Straub, Leiterin der Auditions im Le Théâtre, Emmen, gefragt.

Roman Kühne
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Ein Liebespaar vor und hinter der Bühne: die Stars Jessica Lapp und Robin Reitsma. (Bild: Ingo Höhn)

Ein Liebespaar vor und hinter der Bühne: die Stars Jessica Lapp und Robin Reitsma. (Bild: Ingo Höhn)

Frau Irène Straub, was ist genau Ihre Aufgabe?

Irène Straub: Es geht primär dar­um, die passenden Künstler für das Stück zu finden. Dabei gehe ich ganz «offiziell» vor. Ich schreibe die verschiedenen Künstleragenturen europaweit an. Die wissen oft genau, wen sie für dieses oder jenes Stück schicken können, wer auf eine bestimmte Rolle passt. Dann sind wir auch auf spezifischen Internetplattformen präsent, wo sich die Künstler direkt melden können.

Stösst das «kleine» Schweizer Haus Le Théâtre denn überhaupt auf Interesse?

Ja, sehr. Wir haben uns international mit der Qualität unserer Produktionen und der guten Betreuung der Schauspieler einen exzellenten Ruf erarbeitet. Unsere Premieren werden ja auch in internationalen Musicalzeitschriften besprochen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler reagieren auch stark auf Mund- zu-Mund-Propaganda. Und die scheint gut zu sein, was unser Haus betrifft.

Wie viele melden sich denn so?

Bei «Rock of Ages» haben wir 16 von total 24 Rollen ausgeschrieben. Darauf haben sich etwa 500 Bewerber gemeldet. Dies ist etwas weniger als letztes Jahr, wo es über 700 waren. Aber bei «Rock of Ages» gibt es mehr Männerrollen. Da gibt es traditionell etwas weniger Bewerbungen.

Davon laden Sie aber nur einen kleinen Teil nach Emmen ein?

Die Schauspieler haben natürlich immer Auslagen und investieren Zeit für die Reise. Viele investieren schnell zwei Tage in ein Vorsingen und Vortanzen. Da ist das Business knallhart. Deshalb laden wir nur Künstler ein, die wir uns in einer der Rollen vorstellen können. Es sind aber trotzdem immer noch 150, die bei uns vorsprechen. Und nur jeden Zehnten können wir nehmen!

Wie muss man sich das vorstellen? Eine Art «Deutschland sucht den Superstar»? Wird nach 30 Sekunden knallhart der Buzzer gedrückt?

Nein, nein. (Lacht.) Bei uns läuft es viel humaner ab. Wir lassen die Künstler auch aussingen, führen mit ihnen kurze Gespräche. Uns ist die familiäre Stimmung sehr wichtig. In Deutschland ist es viel härter. Da war zum Beispiel eine Sängerin stundenlang angereist und wurde dann nach 15 Sekunden weggeschickt mit der Bemerkung, ihr Busen sei zu gross.

Wie wird denn ausgewählt? Zählt vor allem der Gesang?

Für mich als Gesangspädagogin ist das Stimmliche zentral. Aber die Choreografin Maria Focaraccio möchte natürlich vor allem gute Tänzer. Zusammen mit dem Regisseur Silvio Wey und unseren Produzenten müssen wir uns dann festlegen. Da wird durchaus auch um Darsteller «gefightet». Wichtig ist eine gute Mischung aus allen Bühnendisziplinen.

Beim «Heimweh – Fernweh»-Musical (APERO vom 25.November) setzen Sie auf einen bekannten Namen, Bo Katzman, und bauen dann das Team um ihn herum auf.

Das ist eine ganz andere Philosophie. Wir geben niemandem einen Job, nur weil er einen gewissen Promi-Status hat. Wir suchen ganz spezifische Rollen­typen und Fähigkeiten. Die Person muss zu 100 Prozent ins Musical passen. Bei «Sister Act» im letzten Jahr hatten wir ganz andere Charaktere im Team als aktuell bei «Rock of Ages». In den Musicalzeitschriften wie «Musicals» wird immer wieder betont, wie gut wir casten. Bei uns müssen alle vorsingen. Das gilt auch für bekannte Gesichter wie Tiziana Gulino («The Voice of Switzerland» 2014) oder die Zugerin Chanelle Wyrsch («Deutschland sucht den Superstar»), die beide bei «Sister Act» auftraten.

Gibt es spezielle Stars in diesem Jahr?

Jessica Lapp ist in Deutschland sehr bekannt, mit eigenem Fanclub und allem, was so dazugehört. Sie hat sich in ihrer letzten Produktion verliebt und kam mit ihrem Freund Robin Reitsma ans Vorsprechen. Die beiden sangen ein Duett, unglaublich gut. Es war der emotionalste Moment des Castings. So haben wir die glückliche Situation, dass ein frisches Liebespaar aus dem Leben auch das Liebespaar auf der Bühne spielen wird.

Feeling einer ganzen Musikepoche

Was macht den echten Rockstar aus? Sonnbrille, enge Hosen und ein grosses Ego? All dies trifft sicherlich zu. Doch vor allem hat er die Musik im Blut. Ganz viel «Rocker», mit Augenzwinkern, gibt es jetzt im Musical «Rock of Ages» in Emmen zu erleben. Am Broadway fanden schon über 2300 Vorstellungen statt. Womit es zum Beispiel deutlich vor «Evita» oder der «West Side Story» liegt. Und es läuft immer noch.

Hits der 80er-Jahre

Zum 10-Jahr-Jubiläum wurde es kurz wieder auf die Bühne gebracht. Doch der Erfolg war so gross, dass man sich in New York entschied, die Show weiterzuführen. 2012 kam der gleichnamige Film ins Kino, mit Tom Cruise und Catherine Zeta-Jones in den Hauptrollen. Der Erfolg des Stückes basiert dabei weniger auf der Handlung – im Zentrum steht eine Liebesgeschichte und eine Rockbar – als auf der Musik der 80er-Jahre. Hits wie «The Final Countdown» (Europe), «Here I Go Again» (Whitesnake) – ein Song, der es auf acht Coverversionen brachte – oder «I Want To Know What Love Is» (Foreigner) geben das Feeling einer ganzen Musikepoche wieder. Das Paradestück «Rock of Ages» ist ab dem kommenden Samstag im Le Théâtre in Emmen zu sehen, als Schweizer Premiere und in einer kompletten Neuinszenierung. Es ist bereits die 21. Musicalproduktion, die das Team um Andréas Härry und Sonja Greber auf die Bühne bringt. Trotz der Konkurrenz der gleichzeitig auf dem Messegelände stattfindenden Produktion «Heimweh – Fernweh» deutet der Ticketverkauf in die richtige Richtung. So ist man im Vorverkauf leicht hinter «Sister Act» vom letzten Jahr zurück, aber, so Andréas Härry: «Die Vorstellungen bis Weihnachten sind besser verkauft, was gegen eine Beeinflussung sprechen würde.»

Operetten im Januar

Neben den beiden Musicals stehen ab Januar auch noch die Operetten in Sursee und Arth in der Pipeline. Und die grossen Häuser KKL und Luzerner Theater machen über Weihnachten auch nicht Pause. Da besteht natürlich die Gefahr, dass für alle Beteiligten die Suppe einfach dünner wird. Härry ist zuversichtlich: «Der internationale Ruf unseres Hauses, die exzellente Musik und der freche Humor von ‹Rock of Ages› werden hoffentlich auch diese Produktion zum Erfolg führen.» Wer Lust hat auf Klänge von Bon Jovi, Twisted Sister, Styx oder White­snake, ist beim Le Théâtre sicher an der richtigen Adresse. (kü)

Premiere: Samstag, 14. Dezember 2019, 19.30 Le Théâtre, Emmen. Weitere Vorführungen bis und mit Sonntag, 19. Januar 2020. Infos/VV: www.le-theatre.ch.