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Ein Wissens-Festival im Luzerner Südpol gibt am 25. und 26. Januar fundierte Antworten auf brennende Fragen unserer Zeit

Den Auftakt macht der Historiker Caspar Hirschi. Er reflektiert als Experte auch über die Rolle des Experten.
Kann künstliche Intelligenz auch Empathie entwickeln? Eine Japanerin mit ihrem neuen Freund, dem Roboter.Keystone

Kann künstliche Intelligenz auch Empathie entwickeln? Eine Japanerin mit ihrem neuen Freund, dem Roboter.Keystone

Caspar Hirschi, Sie eröffnen das «Festival für Wissen». Gefällt Ihnen das Konzept des Festivals?

Das Festival bietet eine grossartige Gelegenheit zum Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Mir gefällt die Vielfalt an Themen und ihre Verknüpfung mit Fragen, die uns alle etwas angehen: Wie soll die Schule der Zukunft aussehen? Was ist von den Prognosen zur künstlichen Intelligenz zu halten? Wie gehen wir mit Migration um? Wichtig wird sein, dass die Experten nicht den Eindruck erwecken, sie hätten zu allem eine Antwort. Dann wird es richtig spannend.

Welche Fragen oder Themenstellungen sprechen Sie an diesem Festival persönlich an?

Ich mache den Auftakt als Experte für Experten, und zwar in einer Rolle, die für Experten typisch ist: als Antwortgeber in einem Interview. Mein Ziel ist es, dem Publikum zu erklären, wie die heutige «Expertenindustrie» funktioniert und warum Experten zu Lieblingsfeinden von Populisten geworden sind.

Was macht jemanden zum Experten?

Die gängige Meinung ist, dass man Experte ist, sobald man über etwas besonders viel weiss. Damit ist man aber erst Spezialist. Experte wird man, wenn man von Laien angefragt wird, sein Spezialwissen zur Verfügung zu stellen. Experten sind Antwort­geber, sie übersetzen Spezialwissen für Nichtspezialisten. Umgekehrt bedeutet das: Ohne Interesse der Öffentlichkeit für die Wissenschaft gibt es keine Experten.

Woher haben Experten ihr Wissen? Was sind ihre Quellen?

Das ist heute gar nicht einfach zu beantworten! Die Wortgeschichte gibt einen Hinweis, was von Experten erwartet wird: «Experte» kommt von «experientia», Erfahrung. Als «expertus» galt früher, wer praktische Erfahrung in einem Beruf vorzuweisen hatte. Heute erwartet man von Experten dagegen eine wissenschaftlich abgestützte Erkenntnis, die sie aus eigener Forschung gewonnen haben.

Konsultieren Experten manchmal auch andere Experten?

Unbedingt. Je spezialisierter die Wissenschaft wird, desto mehr sind Forschende auf andere Forschende angewiesen, um ihnen Sachverhalte ausserhalb ihrer eigenen Nische zu erklären. Jede Expertin, jeder Experte ist Laie in allen anderen Bereichen.

Benutzen Experten auch Wikipedia?

Ich benutze Wikipedia oft, allerdings mehr als erste Informationsquelle für Themen, wo ich keine Expertise habe. Wikipedia eignet sich dafür besonders gut, weil man dank der Quellenverweise rasch weiterkommt und im Idealfall die Zuverlässigkeit von Informationen überprüfen kann. Wikipedia gehört für mich zu den tollsten Errungenschaften des Internets.

Wie hat sich das Expertensein im Zuge der Digitalisierung verändert? In einer Zeit, wo News derart schnelllebig sind?

Ich erlebe das Internet als Erleichterung für die Expertentätigkeit. Müssen Experten zu laufenden Ereignissen Auskunft geben – was immer heikel ist, weil sich der Wissensstand laufend verändert – können sie sich im Internet gut über neue Erkenntnisse informieren. Entscheidend ist die kritische Fähigkeit, sichere von unsicheren Informationen zu trennen. Das braucht viel Übung, ist in der Informationsflut des digitalen Zeitalters aber wichtiger denn je.

Müssten Experten auch ihre Interessenbindungen offenlegen?

Unbedingt. Das Vertrauen in Experten steht und fällt mit der Unabhängigkeit, die man ihnen attestiert. Wenn ein Experte Interessenbindungen hat, erscheint er rasch als Lobbyist oder Profiteur, und seine Glaubwürdigkeit ist hin.

Experten sind bei Journalisten gefragt. Werden die Informationen von den Medien sachgerecht aufbereitet? Was ist da Ihre Erfahrung?

Solange Experten Journalisten vertrauen können, dass ihre Aussagen nicht verkürzt oder verdreht werden, sehe ich kein Problem. Allerdings kommt das nicht selten vor, weil die Medien von der Zuspitzung leben, während Experten ihre Aussagen eher auf die Goldwaage legen. Hier besteht eine Spannung.

Zu jedem Thema findet man zwei Experten, die sich diametral widersprechen. Hinter dem Experten zeigt sich immer auch seine Werthaltung, die seine Einschätzung beeinflusst. Es ist also eine persönliche Inter­pretation der Fakten. Sehen Sie das anders?

Wenn sich Experten widersprechen, sehe ich das in erster Linie als Zeichen für die Lebendigkeit der Wissenschaft. Forschung ist keine Konsensmaschine, sondern ein methodisch getriebenes Ringen um neues Wissen, geprägt von Unsicherheit und Streit. Zudem kann Wissenschaft gar nicht wertfrei sein! Wir brauchen den Glauben an die Überzeugungskraft des besseren Arguments, an die Überlegenheit des empirischen Beweises. Das gibt streitenden Forschern ein gemeinsames Ziel, auch wenn sie es nicht immer erreichen. Und es färbt auf das Weltbild ab. Es kommt aber noch etwas Entscheidendes hinzu.

Nämlich?

In einer Demokratie ist es von höchster Bedeutung, dass die Bürgerinnen und Bürger über unterschiedliche Expertenmeinungen im Bilde sind. Das erhöht die Entscheidungsfreiheit. Wird hingegen der Expertenkonsens von der Politik herbeiorchestriert, verwandelt sich die Demokratie in eine Technokratie.

Interview: Pirmin Bossart

Caspar Hirschi, 43, ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Uni St. Gallen. Er gilt als «Experte für Experten». Zum Thema hat er ein neues Buch geschrieben: «Skandalexperten, Expertenskandale: Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems», Verlag Matthes + Seitz Berlin, 2018, 398 Seiten.

«aha» – Wissen tut gut

Ein aussergewöhnliches Festival im Südpol Luzern lädt ein, sich über ganz verschiedene aktuelle Zeitfragen besser ins Bild zu setzen. «aha – das Festival für Wissen» bringt an zwei Tagen 20 Referenten und Referentinnen nach Luzern, die sich in ihren spezifischen Fachgebieten auskennen und ihr Wissen zu konkreten Fragen, die uns beschäftigen, anschaulich vermitteln können. Das Format ist klassisch: Die Wissensvermittlung geschieht nicht über digitale Kanäle, sondern in realer Begegnung.
Die Wissenschaftler, Sachbuchautoren und Experten decken ein breites Feld an Wissensbereichen ab. Ein Gremium des Trägervereins «aha» hat im Vorfeld 20 Fragen formuliert, die von je einem Referenten, einer Referentin beantwortet werden. Es sind Fragestellungen zur Ungleichheit, zum Insektensterben, zur Identität, zu Armut in einer globalen Welt, Pornografie, künstlicher Intelligenz, Sexualität, zu Fake News, Dating-Plattformen und vielem mehr.
Lebhafter Festivalcharakter
In einer Zeit der Behauptungen und populistischen Meinungsmache («post-faktisches Zeitalter») darf man das Festival durchaus als Statement gegen «Fake News» und «alternative Fakten» verstehen. Das Festival richtet sich laut den Organisatoren «gerade nicht an ein Fachpublikum, sondern an normale, neugierige Menschen, die gerne etwas mehr wissen möchten über die Welt».
Wie an einem Pop- oder Filmfestival finden die Anlässe auf verschiedenen Bühnen statt, kommt man miteinander ins Gespräch, gibt es einen Bar- und Küchenbetrieb und auch ein DJ- oder Musikprogramm bis in den frühen Morgen. «Die Leute sollen sich treffen, sich von klugen Menschen begeistern lassen. Sie sollen über das Gehörte diskutieren und Spass haben», schreiben die Verantwortlichen.
Initiiert und organisiert wird das Festival von Christoph Fellmann (freischaffender Autor, Theatermacher und Kulturproduzent) und Ana Matijasevic (Filmwissenschafterin und Journalistin SRF). Für die Durchführung ist der Trägerverein «aha» zuständig. Das Festival soll zu einem jährlich wiederkehrenden und bekannten Anlass wachsen, der in die ganze Deutschschweiz ausstrahlt.pb
Freitag/Samstag, 25./26. Januar
Südpol Luzern. Weitere Informationen: www.aha-festival.ch, www.sudpol.ch.


Lesen Sie auch das Interview mit der Münchner Sexualtherapeutin Heike Melzer zum Thema «Was macht Pornografie mit mir?» in der «Zentralschweiz am Sonntag» vom 20. Januar. Melzer wird am 26. Januar um 16 Uhr in der Grossen Halle referieren.

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