Das Kinodrama «O que arde» spielt in den Bergen Galiciens, wo der Wald oft brennt.

Die Hauptfigur ist ein verurteilter Brandstifter, der nach zwei Jahren Haft in sein Heimatdorf zurückkehrt.

Regina Grüter
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Naturverbunden: Amador und Mutter Benedicta.

Naturverbunden: Amador und Mutter Benedicta.

Bild: First Hand Films

«Er ist ein armer Kerl.» «Er ist ein guter Kerl.» Diese zwei Sätze hört man über die Hauptfigur Amador in Oliver Laxes Drama «O que arde». Als «armen Kerl» bezeichnet ihn der Polizist, als der mutmassliche Waldbrandstifter Amador nach zwei Jahren aus der Haft entlassen wird; als «guten Kerl» Ignazio, der Nachbar aus dem Dorf in den Bergen Galiciens, wohin Amador zurückkehrt, zu seiner Mutter Benedicta und den drei Kühen. «Ich bleibe nun für eine Weile hier», sagt Amador. «Hast du Hunger?», fragt die Mutter. Über seine Vorgeschichte erfährt man nichts weiter. Dem Kontakt mit früheren Kollegen entzieht er sich.

Eine weitere Hauptfigur in Laxes Film, der in Cannes in der Sektion «Un Certain Regard» mit dem Jury-Preis ausgezeichnet wurde, ist die Natur, der Wald und die Tiere. Gegenseitige Akzeptanz und bedingungslose Unterstützung kennzeichnen das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Man arbeitet Hand in Hand, ganz im Einklang mit der Natur, den Elementen und den Jahreszeiten. In einer Landschaft in trübem, dunklem Grünblau, dann wieder üppig und lichtdurchflutet. Man ist wortkarg, aber nicht lieblos.

Regisseur filmte im Dorf seiner Grosseltern

In der Eingangssequenz knicken die Bäume um wie Streichhölzer. Der Mensch und seine Maschine werden erst von einem übergrossen Eukalyptusbaum gestoppt. Der Ton – erst Geräusche, dann Musik – setzt erst allmählich ein. Überhaupt operiert der Film sparsam mit Musik. «Sie sind eine Plage», sagt Amador in einer späteren Szene im Film und meint damit die Eukalyptusbäume, «schlimmer als der Teufel.» Er sieht die invasive Baumart als schädlich und zerstörerisch an und ist damit nicht alleine. «Wenn sie Leid verursachen, dann, weil sie leiden», erwidert die Mutter. Vieles bleibt kryptisch wie dieser Dialog. Auch Ignazios Bemühungen um mehr Tourismus in der Region steht Amador kritisch gegenüber, erfährt man so ganz nebenbei. Zerstören, um zu bewahren, könnte das ein Motiv sein?

Man kann «O que arde» verstehen als Liebeserklärung an Galicien und seine Bewohner. Der in Frankreich geborene Regisseur kehrte dafür ins Dorf seiner Grosseltern im Nordwesten Spaniens zurück, wo er die Sommer seiner Kindheit und die Lebensjahre zwischen sechs und achtzehn verbrachte. Er kennt die Dorfbewohner, Amador und Benedicta sind zwei davon. Sie stehen zum ersten Mal vor der Kamera. Und sie agieren sehr glaubwürdig. Amador, die melancholische Filmfigur, welcher der Schmerz in Gesicht und Körper geschrieben steht, ist gar nicht so weit weg von Amador, der Person. Die wirkliche Benedicta sei im echten Leben weit temperamentvoller als ihre gleichnamige Filmfigur, sagt Oliver Laxe. Die damals 83-Jährige hat die Stimmung des Films in sich aufgesogen.

Und dann brennt es wieder – «O que arde» bedeutet so viel wie «was brennt». Der Wald, und meist ist der Mensch dafür verantwortlich. Die Brandbilder sind magisch. Sie vereinen die vier Elemente, wenn die Feuerwehrleute Wasser in die tobenden Flammen spritzen, welche die Erde und alles, was draufsteht, zerstören; wenn die Funken in der Luft erlöschen; wenn die Sonne durch den Rauch hindurch leuchtet wie ein Feuerball.

Ob Amador nun ein armer oder ein guter Kerl, beides zusammen oder etwas ganz anderes ist, muss der Zuschauer für sich selber beantworten. Der Film bleibt so mysteriös wie die galicische Landschaft.

«O que arde», ab 30. Juli 2020 im Stattkino, Luzern. Weitere Infos: https://www.stattkino.ch/.