Judi Dench erhält in Zürich einen Preis- und weint 007 keine Träne nach

Schauspielerin Judi Dench hat von Shakespeare bis Bond alles gemeistert – nur mit moderner Technik tut sie sich schwer. Die Grande Dame des Kinos erzählt am Zurich Film Festival von grossen Rollen und der Liebe zur Bühne.

Lory Roebuck
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Judi Dench erhielt in Zürich den Golden Icon Award. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 3. Oktober 2018))

Judi Dench erhielt in Zürich den Golden Icon Award. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 3. Oktober 2018))

Judi Dench ist ganz verwundert, als einer der anwesenden Journalisten etwas in seine Smartwatch diktiert. Wenn es um Technologie geht, sei sie ein hoffnungsloser Fall, sagt die 83-jährige Schauspielerin beim Interviewtermin in Zürich. «Ich schaffe es kaum, ein Bügeleisen zu bedienen!» Auch die vielen Aufnahmegeräte, die direkt vor ihr auf dem Tisch liegen, findet sie ganz beeindruckend. Wie klein diese doch seien. Doch das dunkelblaue, rechteckige Ding, das sie aufhebt, entpuppt sich prompt als Schokoladenriegel.

Dench zeigt sich amüsiert ob dieser Verwechslung und lacht herzhaft. Die britische Leinwandikone ist bestens gelaunt. Sie ist ans Zurich Film Festival gereist, um ihren neuen Kinofilm «Red Joan» vorzustellen und den Golden Icon Award abzuholen, eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk. Ihre über 60-jährige Bühnen-, Film- und Fernseherfahrung hat sich tief in ihr Gesicht gezeichnet, doch Dench sagt, sie fühle sich immer noch wie ein Teenager:

«Mit dem ­Label Ü80 kann ich überhaupt nichts anfangen.»

Nur wenn es um Sprache gehe, merke sie ihr Alter. Wenn sich ihr Enkel in Umgangssprache mit ihr unterhalte, sei das irritierend. Ihr Vater habe immer strikt auf ihre Aussprache geachtet, so dass Dench heute selbst beim SMS-Schreiben um korrekte Grammatik bemüht ist. Sie kenne das nicht anders, sagt die Dame, die sich jahrzehntelang vor allem innerhalb der Sprachwelt von William Shakespeare bewegt hat und damit Karriere machte – ab den 50er-Jahren zunächst auf den grossen Theaterbühnen Englands, ab den 90ern dann auch in Hollywood.

Filmset nach Hause geliefert

Zwanzig Jahre ist es nun her, seit sie für ihre Rolle in «Shakespeare in Love» den Oscar gewonnen hat. Dench spielte darin Königin Elisabeth I, ihr Auftritt im Film war keine zehn Minuten lang, aber unvergesslich. «Das war eine fabelhafte Zeit. Ich weiss noch, wie es drei Leute brauchte, nur um mich einzukleiden. In dem schweren Kostüm konnte ich mich kaum bewegen. Beim Mittagessen musste man mich mit einem Löffel füttern.» Dench lacht. «Ich fühlte mich für eine kurze Zeit wie die echte Queen Elizabeth!» Das für den Film nachgebaute Rose Theatre aus dem 16. Jahrhundert habe sie sich nach Drehschluss mit einem Truck direkt nach Hause liefern lassen, erzählt Dench. Sie sammle eben gerne Filmutensilien, ihr Ehemann habe sie deswegen mal als Elster bezeichnet.

Man stellt sich das Dench-Anwesen unweigerlich als kleines Filmmuseum vor, hier die vielen Filmrequisiten, dort die unzähligen Schauspielpreise. Neben dem Oscar (Dench war bislang sieben Mal nominiert) stünden dort auch ihre acht Laurence Olivier Awards – Dench hat den wichtigsten britischen Theaterpreis so oft gewonnen wie niemand sonst. Auf der Bühne fühle sie sich auch heute noch wohler als vor einer Kamera.

«Jeden Abend live vor einem neuen Publikum zu spielen, setzt eine ganz besondere Energie frei.»

Weltberühmt ist Judi Dench aber vor allem dank ihrer Auftritte in den James-Bond-Filmen. Acht Mal schlüpfte sie in die Rolle von Bonds Chefin M, erstmals 1995 in «GoldenEye». Sie ist die einzige aus dem Darstellerensemble, die den Übergang aus der Ära Pierce Brosnan in die Ära Daniel Craig mitgemacht hat. Wer denn ihr Lieblings-Bond sei, wird sie gefragt. «Das kann ich unmöglich beantworten. Ich habe mit beiden gerne gearbeitet. Aber ich war schon zu Connerys Zeit ein grosser Bond-Fan.»

Der Geheimdienst fand ihr Haus nicht

Dench spielt auch in ihrem neuen Film «Red Joan» eine Spionin und zeigt sich im Gespräch fasziniert von dieser Welt. Dank der Rolle in den Bond-Filmen konnte sie den echten britischen Geheimdienst besuchen, schwärmt sie. «Der MI6 schickte ein Auto, um mich abzuholen, konnte aber mein Haus nicht finden.» Wahnsinnig ironisch sei das gewesen.

Von ihrem MI6-Büro in den Bond-Filmen hatte Dench bald die Nase voll. Sie habe sich bei den Filmproduzenten beschwert, dass sie all ihre Szenen in einem kleinen Büro in London drehen musste, während Bond die ganze Welt bereiste. Für «Casino Royale» (2006) durfte sie dann eine Woche lang nach Panama.

Dench spricht gerne über ihre Zeit im 007-Filmuniversum und hält grosse Stücke auf den neuen Bond-Regisseur Cary Fukunaga. Die beiden haben die Romanverfilmung «Jane Eyre» (2011) gedreht, Fukunaga soll Dench damals mit einem Brief bezirzt haben, in dem er erklärte, dass sie die «sexiest woman» am Filmset sein würde. «Hat er das wirklich geschrieben?», fragt Dench und lacht laut.

«Cary ist wundervoll, ich freue mich für ihn, dass er den nächsten Bond-Film macht.»

Leider wird Dench darin nicht mehr zu sehen sein, M hat in «Skyfall» (2012) das Zeitliche gesegnet. Traurig ist die Darstellerin deswegen nicht: «Ich war über zwanzig Jahre lang dabei – ich hatte meine Zeit, und sie war grossartig.»