SILVESTERKONZERT: Aufbruch mit Tradition

Das Zürcher Kammerorchester setzte mit dem Komödiantenduo Igudesman & Joo ein Zeichen dafür, dass im neuen Jahr nicht alles beim Alten bleibt. Aber beim Radetzky-Marsch klatschten wir alle mit.

Urs Mattenberger
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Versöhnung nach dem Kampf ums Dirigierpult: Igudesman & Joo mit dem Zürcher Kammerorchester im KKL. (Bild: Roger Grütter (31. Dezember 2016))

Versöhnung nach dem Kampf ums Dirigierpult: Igudesman & Joo mit dem Zürcher Kammerorchester im KKL. (Bild: Roger Grütter (31. Dezember 2016))

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Es gibt selbst in der von Ritualen geprägten Klassikwelt kaum eine eisernere Tradition als das Wiener Neujahreskonzert. Dieses dürfte heute unter der Leitung von Gustavo Dudamel wiederum 50 Millionen vor die Fernseher locken und steht symbolisch dafür, dass auch im neuen Jahr alles beim Alten bleiben dürfte.

Dabei fordert die Aufbruchstimmung des Jahreswechsels zu Experimenten heraus. Die seriöse Form dafür bieten heute und morgen die Neujahrskonzerte des Luzerner Sinfonieorchesters, in denen der Star-Cellist Steven Isserlis sowohl als Solist wie auch – erstmals in Luzern – als Dirigent auftritt. Die ausgelassene Experiment-Variante bot gestern im Silvesterkonzert im KKL das Zürcher Kammerorchester mit dem bekannten Klassik-Komödianten-Duo Igudesman & Joo.

Weniger Akrobatik, mehr Eigenkompositionen

Die Idee, Klassiker «auf den Arm zu nehmen», wirkte freilich bereits als Spass-Konzept für einen Silvesteranlass im Grunde traditionell. Und im Verlauf der anderthalb Stunden nach 17 Uhr ertappte man sich beim Wunsch, dass auch das Komik-Duo näher bei seinen eigenen Traditionen geblieben wäre. Bei ihren bisherigen Auftritten in Luzern begeisterten sie nämlich durch eine Mischung von hochkarätiger Musik mit einer Sketch-Akrobatik, die nahtlos instrumentales Spiel ins Theater verlängerte.

Davon hob sich der gestrige Abend in zweierlei Hinsicht ab. Zum einen rückte die Tatsache, dass hier ein auch mal tanzendes Orchester beschäftigt werden musste, theatrale Aktionen wie eine Breakdance-Einlage eher in den Hintergrund. Und die Möglichkeiten, die das bot, wurden nur am Rand genutzt. Fulminant gelang das in der Eröffnungsszene, wo sich der Pianist Hyung-ki Joo und der Geiger Aleksey ­Igudesman um das Dirigentenpodium prügelten – und mit jedem Wechsel am Pult das Orchester aus dem Takt warfen und im Halbminutentakt durch eine Klassikhitparade katapultierten.

Andere Akzente setzte aber auch das Komödiantenduo selbst. Mit etlichen Eigenkompositionen meldeten sie quasi selbst die Ansprüche an, die sie von der «Kleine Nachtmusik» bis zu «Pink Panther» unterlaufen. Und auch wenn beide im Jazz-Song, der die Fallstricke ihrer Künstlerehe aufs Korn nimmt, auch als Sänger tolle Performer sind: Die Fallhöhe vom Original zur Persiflage – und damit auch deren Komik – ist da doch geringer als im Fall der anspielungsreich demontierten Meisterwerke der Klassik.

Auch wenn man dadurch die eine oder andere Länge durchsitzen musste: Als Einstimmungs­ritual funktionierte der Auftritt durchaus, zumal das Duo mit dem koordinatorisch stark geforderten Kammerorchester auch genüsslich Ohrwürmer zum Mitklatschen und Mitsingen bot. So blieb der Anlass bis zum Schluss doppelbödig, weil etwa das Klatschen zum Radetzky-Marsch Traditionen nicht nur ironisierte, sondern weiterführte. Immerhin: Der begeisterte Applaus selber war echt.

Hinweis

Neujahrskonzerte des Luzerner Sinfonieorchesters mit Steven Isserlis als Cellist und Dirigent: Sonntag, 17 Uhr und Montag, 11 Uhr im KKL Luzern.