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Simon Ledergerbers Mondkraterlandschaft im Kunstmuseum Luzern

Der Urner Simon Ledergerber hat in der Kabinettausstellung im Kunstmuseum Luzern eine faszinierende Mondkraterlandschaft geschaffen. Ein Nachdenken über das Hinterlassen von Spuren und die eigene Vergänglichkeit.
Julia Stephan

«Die Schule von Athen». Der Titel der Kabinettausstellung des Urner Künstlers Simon Ledergerber zitiert ein weltberühmtes Fresko Raffaels. Und tatsächlich ist diese ab Samstag im Kunstmuseum Luzern öffentlich zugängliche und von Laura Breitschmid kuratierte Ein-Raum-Ausstellung beim genaueren Hinschauen ein abstraktes philosophisches Denkgebäude.

Den grossen Raffael zu imitieren und ein Fresko zu malen hatte Simon Ledergerber nie im Sinn. Stattdessen hat er im Umkehrschritt mit einem Schleifgerät den Verputz von den Wänden des Kunstmuseums abgetragen – so weit seine Armspannweite reichte, mit vertikalen Auf- und Abwärtsbewegungen.

Die tagelange Schleifarbeit bietet dem Betrachter nun einen archäologischen Querschnitt durch das Ausstellungsprogramm des Luzerner Kunstmuseums der letzten Jahre – passend zum bevorstehenden 20-Jahr-Jubiläum dieser Institution. Da schimmert etwa durch die weisse Wandfarbe ein schwarzer Kreis – ein Relikt der Ausstellung von Claudia Comte aus dem Jahr 2017, die damals im Kunstmuseum riesige Wandbilder schuf.

Simon Ledergerber spaziert barfuss im staubigen Ausstellungsraum des Kunstmuseums: «Ich wollte dem zielorientierten Arbeiten etwas entgegensetzen.» (Bild: Beat Cattaruzza/PD)

Simon Ledergerber spaziert barfuss im staubigen Ausstellungsraum des Kunstmuseums: «Ich wollte dem zielorientierten Arbeiten etwas entgegensetzen.» (Bild: Beat Cattaruzza/PD)

Pigmente alter Arbeiten zum Vorschein gebracht

Ledergerber hat sich so tief in die Wand geschliffen, bis graue, blaue und schwarze Farbpigmente früherer künstlerischer Arbeiten sichtbar wurden. Grelle Farbigkeit hat keinen Platz in diesem ruhigen Reflexionsraum, in dem auch deshalb so eine zeitentrückte Stimmung herrscht, weil Ledergerber die Decke mit einer Plastikfolie abdecken musste – andernfalls hätte sich der Staub durch das Belüftungssystem überall im KKL verbreitet. Die dünne Folie bildet, lose von der Decke hängend, eine Art Kraterlandschaft. Die durch sie gedimmten Oberlichter verbreiten warmes statt kaltes Museumslicht und zeichnen den Raum so weich wie eine neblige Schneelandschaft. Während die dunklen Pigmente an den Wänden wie Bleistiftschraffuren wirken, sind die farbenfroheren beim Schleifvorgang auf dem Boden zu Staub zerfallen.

Ledergerber, bekannt für sein zyklisches Arbeiten, das den Prozess des Schaffens und Zerstörens im künstlerischen Prozess mitdenkt, ist im Vorfeld der Ausstellung mehrmals barfuss in einer Art «Denkschlaufe» über den staubigen Boden im Kreis gelaufen (siehe Foto). «Ich wollte dem zielorientierten Arbeiten etwas entgegensetzen», sagt er. Frei nach dem Motto «Wir sind alle Sternenstaub» findet er mit dieser Handlung zur Ursprünglichkeit allen Menschseins zurück.

Betreten des Raums für Besucher untersagt

Ledergerbers Fussabdrücke werden im Raum wohl die einzigen bleiben. Besuchern ist der Zutritt untersagt. Sie können von einer der vier Wandöffnungen einen Blick in den Raum werfen. Auch die riesige Philosophenhorde auf Raffaels berühmtem Fresko fehlt.

Anwesend ist allerdings stellvertretend und höchst abstrakt deren Denkleistung. So steht der horizontale Kohlestrich, den Ledergerber zu Beginn entlang der vier Wände gezeichnet hat, für die horizontale Handgebärde des Aristoteles, der mit seiner «Ethik» in der Hand für die ethische Weltbetrachtung steht. Dem gegenüber lassen sich die vertikalen Schraffuren, Überbleibsel ehemaliger Bilder, sowie die vertikalen Schleifbewegungen Ledergerbers als Nachahmungen von Platons vertikaler Handbewegung interpretieren, die gemeinhin für die sinnliche Welt und den Glauben stehen.

Der im urnerischen Seelisberg geborene Ledergerber hat früh erkannt, dass die Dinge in der Welt recht lose verklammert sind und dass jede Form einem permanenten Zersetzungs- und Aufbauprozess ausgesetzt ist. Darauf fussen viele seiner Arbeiten mit Naturstoffen, die von hohem Materialbewusstsein zeugen.

Durchbruch kam mit Marmorblock

Sein Quader aus Carrara-Marmor in der Fondazione Sasso San Gottardo machte ihn 2016 einem breiteren Publikum bekannt. Seine Bodenskulptur «Still in Eile versunken», für die er an der letzten Jahresausstellung den Ausstellungspreis gewann, der ihm erst diese Ausstellung ermöglicht hat, durchlief einen Verwitterungsprozess.

Hinweis: Kabinettausstellung Simon Ledergerber, «Die Schule von Athen». Vernissage: heute Freitag, 16. 11., 18.30 Uhr. Bis 6. 1. 2019. 25. 11., 11 Uhr, Künstlergespräch. www.kunstmuseumluzern.ch. Die Kritik zur Jahresausstellung des Zentralschweizer Kunstschaffens folgt am Samstag.

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