Museum Bellpark: Sinn für Humor und Entfremdung

US-Künstler John Miller bespielt das Museum Bellpark in Kriens mit Fotografien, Bildern und Bild-Ton-Installationen. Eine Begegnung mit dem Künstler zur Mittagszeit, die in seinem Werk eine wichtige Rolle spielt.

Edith Arnold
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«John-Miller_Untitled_05-02-18-3». Das Foto zeigt die Waschküche des Künstlers in einem New Yorker Hochhaus. (Bild: John Miller/PD)

«John-Miller_Untitled_05-02-18-3». Das Foto zeigt die Waschküche des Künstlers in einem New Yorker Hochhaus. (Bild: John Miller/PD)

Es ist Mittag, «The Middle of the Day», wie die Fotoserie von John Miller heisst. Der Künstler aus New York müsste bereits im Museum im Bellpark sein. Denn wir haben zwischen 12 und 14 Uhr zu einem Gespräch mit Sandwichpause abgemacht. Doch niemand ist sichtbar – ausser diese 1,2 Meter grosse Gummipuppe, die im Erdgeschoss steht. Eine irritierende Erscheinung: Sie/er/es trägt einen weissen Anzug samt weisser Krawatte, darüber ein silbriges Amulette mit rotem Stein.

«Man könnte annehmen, einen leeren Ausstellungsraum zu betreten, stattdessen sieht man sich einer Gestalt gegenüber, die bereits dort steht, ja mehr oder weniger auf der Lauer liegt», «prophezeit» John Miller 2009 im Katalog zur Ausstellung in der Kunsthalle Zürich, der im Bellpark aufliegt.

Eine unattraktive Puppe vertritt den Künstler

Jetzt taucht der Künstler aber auf: gute 1,75 Meter gross, schwarze Sneaker, Hemd und Hose in dunkelblauem Denim, viel Schalk und Wissen in den Augen. Weshalb die unattraktive Puppe? «Ich nenne sie Mannequin», sagt er verheissungsvoll, «Mannequins verkörpern die ideale Version eines Menschen. Doch mit einer Kinderpuppe im Erwachsenenanzug möchte sich niemand identifizieren. I like this sense of alienation.» Die Puppe hat Kurator Ralf Keller übrigens für 50 Franken ersteigert. Ein identisches Exemplar irritiert derzeit in einer Installation in New York. Wahrscheinlich stammten beide aus derselben chinesischen Fabrik, scherzen Keller und Miller.

Seit 1991 verbringt John Miller die Sommer in Berlin. Ralf ­Keller, damals junger Kurator in Karlsruhe, entdeckte Millers «Rock Sucks Disco Sucks»-Katalog und war von den Skulpturen und Mannequins in Fäkalbraun begeistert. Wir müssen eine Ausstellung mit ihm machen, dachte er – und traute sich anzufragen.

«Now we are big Potatoes» heisst Millers bekannte Installation von 1992, die einen Sunnyboy mit riesigen Kothaufen zu Füssen zeigt. Auf die braune Phase folgte eine goldene. Millers Werke sind längst in den Sammlungen von Häusern wie dem Whitney Museum in New York oder der Ringier-Kollektion in Zürich. Seine Fotoserie «The Middle of the Day» befindet sich seit 1994 im Aufbau. Jeden Tag zwischen 12 und 14 Uhr fotografiert Miller eine Alltagsszene. Seit August 2017 tut er dies nur noch mit dem iPhone. Seit seiner Ankunft letzte Woche hat Miller einen Migros-Sack, gräuliche Wohnblöcke und das Treppenhaus im Bellpark auf Instagram gepostet.

88 Fotos hängen ohne Titel im ersten Stock des Bellpark. Die Anordnung scheint keine Rolle zu spielen. Es lohnt sich, durch diese fotografisch dokumentierten Mittagszeiten zu flanieren: Sie scheinen überall gleich unspektakulär. Erläuterungen zu den Fotos findet man auf Millers Instagram-Profil.

Etwa die Kommentare zu den Waschmaschinen (siehe Bild): «Lower Manhattan, 2. Mai 2018, 130 Likes, Kommentar von konstantin.adamopoulos: ‹Looks like Detroit behind the Central Station in the Latino quarter.›» Was man sieht: eine Waschküche des Hochhauses, in dem Miller wohnt und wäscht. Die Waschtrommel als symbolischer Ort, wo der Schmutz von allen zusammenkommt.

Oder die Angaben zu einem Fleischtransporter: «China Town, 7. Mai 2018, 178 Likes, Kommentar von vonammon: ‹let the animals live!›» Was man sieht: tote Schweine mit den Beinen himmelwärts durch einen offenen Lastwagen; guten Appetit!

Oder zur royalen Hochzeit von Meghan und Harry: «Institute for Contemporary Art, 19. Mai 2018, 206 Likes, Kommentar von heavyburschi: ‹What again is the name of this soap?›» Was man sieht: Ein komödiantisch blickendes Paar, das auf dem Smartphone die Hochzeit verfolgt.

Statt Sandwich-Boxen wie auf einer Fotografie serviert Ralf Keller nun braunen Kuchen und Kaffee im Bellpark-Wintergarten. John Miller scheint nicht hungrig. Was ihn an der Mittagszeit fasziniere? Der Surrealist Giorgio de Chirico inspiriere ihn, sagt er, die leeren Plätze unter der Mittagssonne. Er versuche auch die Qualität des Alltags zu kultivieren. Im Sinne von Sigmund Freud: Je näher die Dinge sind, desto unvertrauter sind wir mit ihnen.

Bilder, die im Kopf entstehen

Dass John Miller neben seinem Dasein als Künstler und Professor am Barnard College New York auch Musiker ist, erlebt man im Bellpark-Keller. Dort laufen fünf Power-Point-Präsentationen moderner Art. «It’s me» wird durch Blitzlicht rhythmisiert, das von allen Seiten immer schneller aufs Männer-«Mannequin» fällt. Und «Walking in the City» ist ein achtminütiger Spaziergang über immer anders strukturierte Grossstadtböden mit intuitiven Stoppern und Einblendungen wie «nothing impedes my progress». 14 Uhr ist längst vorbei. Heute sind Bilder im Kopf entstanden.

John Miller, «Comedy of manners». Museum im Bellpark, Kriens. Rundgang mit dem Künstler: heute Sa, 15 Uhr. Bis 17. 2. 2019.