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SKANDALAUTOR: Porträt eines Provokateurs

Ist Michel Houellebecq ein Visionär oder schmuddliger Clochard? Eine Journalistin versucht in einem neuen Sachbuch eine Annäherung an das Chamäleon. Es gelingt ihr nicht so richtig.
Sibylle Peine (sda)
Houellebecq preist die Prostitution als eheerhaltende Mass­nahme. (Bild: Boris Roessler/DPA)

Houellebecq preist die Prostitution als eheerhaltende Mass­nahme. (Bild: Boris Roessler/DPA)

«Am Anfang war Michel Houellebecq nur ein Gerücht, das aus Paris kam, ein Name, den man weitersagte und der ausserhalb Frankreichs vor allem deshalb auffiel, weil kaum einer ihn richtig aussprechen konnte. Er kursierte in den vielfältigsten Varianten: ‹Ullebeck›, ‹Huellebek›, ‹Üllbäh› oder ‹Uällbeck›? Wie hiess der Mann richtig? Und wer war er, dieser Michel Houellebecq?» Es ist lange her, dass man sich diese Frage stellen musste. Vor gut 20 Jahren mischte der schmächtige, unscheinbare, kettenrauchende Mann mit dem unaussprechlichen Namen den Literaturbetrieb auf.

Heute ist Michel Houellebecq der bekannteste Schriftsteller Frankreichs, für die einen ein Skandalautor, ein Reaktionär und Islamfeind, für die anderen ein Visionär mit untrüglichem Gespür für die Erschütterungen und Malaisen unserer Zeit. Seine Bücher («Unterwerfung») jedenfalls lassen keinen unberührt. In ihrem Buch «Wer ist Michel Houellebecq?» versucht die Literaturredakteurin Julia Encke dem Phänomen Houellebecq auf die Spur zu kommen.

Das Buch mit dem Untertitel «Porträt eines Provokateurs» ist keine umfassende Biografie, eher eine Annäherung an den Schriftsteller. Wer sich überraschende, skandalträchtige Geständnisse und Bekenntnisse erhofft, wird enttäuscht. Die hier wiedergegebenen biografischen Fakten, Zitate und Szenen waren schon zu lesen.

Ist er so oder inszeniert er sich?

Etwa die desaströse Beziehung zu seiner Mutter, einer sich selbst verwirklichenden Ärztin und Aussteigerin, die den kleinen Michel früh im Stich liess, Erfahrungen, die er später in seinem Skandalbuch «Elementarteilchen» verarbeitete, eine rüde Abrechnung mit den 68ern. Encke erzählt von einer letzten Begegnung zwischen Houellebecq und der verhassten Mutter. Im Vergleich dazu erfährt man über seine zwei Ehefrauen kaum etwas, über seinen Sohn gar nichts. Houellebecqs Bild wurde von einer – hier ausführlich zitierten – Reportage der amerikanischen Journalistin Emily Eakin geprägt, die den Schriftsteller im Sommer 2000 in seinem Haus in Irland besuchte. Sie zeichnete das Schreckgespenst eines vom Alkohol umnebelten Mannes, der in einem Sessel zusammengerollt ein ganzes Wochenende verdämmerte, doch immerhin genug Energie hatte, die Journalistin anzubaggern. Damit stand sein Image fest.

Encke zeigt Houellebecq als Meister der Inszenierung, als Antihelden mit Parka und Fluppe im Mund. Ähnlich wie die Selfie­helden unserer Zeit spielt der Starautor mit vollem Körpereinsatz, nur anders, inszeniert er sich doch als schmuddeliger Clochard oder veröffentlicht sogar eine Computertomographie seines Gehirns. Überraschend ist, dass Houellebecq trotz seines verhuschten, fast schüchternen Auftretens durchaus sehr selbstbewusst ist. Schon früh, als seine ersten Gedichte in Insiderkreisen kursierten, war er von seiner literarischen Berufung überzeugt. Das Phänomen Houellebecq kann die Autorin über seine Biografie nicht lösen. Dazu ist dieser Mann zu sehr Chamäleon.

Seine Magie erklärt sich vielmehr durch seine Romane, die Wunden offenlegen: unseren ziellosen individualistischen Lebensstil, den selbstzerstörerischen Konkurrenzkampf, den fundamentalen Mangel an Glauben. Terroranschläge, den Islam, die rechten Nationalisten, all diese Themen hat Houellebecq frühzeitig angesprochen, manches hat sich erfüllt und seinen Ruhm noch gemehrt. Man darf annehmen, dass er seine Nase weiterhin in den Wind hält.

Sibylle Peine (SDA)

Julia Encke: Wer ist Michel Houellebecq?, Rowohlt, Fr. 27.–

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