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So einsam, wie man nur irgend sein kann

Das Flüchtlingsmädchen Fortuna kann es sich nicht leisten, den Glauben zu verlieren. Der Lausanner ­Germinal Roaux beleuchtet ein Einzelschicksal und reflektiert bildstark auch über seine Ohnmacht.
Fortuna, eindrücklich gespielt von der Äthiopierin Kidist Siyum («Lamb»), findet beim Esel Glöckchen Liebe und Zuneigung. (Bild: Vega Film)

Fortuna, eindrücklich gespielt von der Äthiopierin Kidist Siyum («Lamb»), findet beim Esel Glöckchen Liebe und Zuneigung. (Bild: Vega Film)

«Glöckchen, du weisst, du bist alles, was ich habe», spricht Fortuna zum Esel. Das 14-jährige Flüchtlingsmädchen aus Äthiopien hat die Hühner gefüttert und das Küken gestreichelt: «Ich werde dich taufen, wenn du so gross bist wie deine Mutter.» Der Stall ist Fortunas Zufluchtsort in dieser kargen, abweisenden Landschaft. Zusammen mit anderen Asylanten hat sie als einzige sogenannte unbegleitete Minderjährige Zuflucht gefunden im Simplon-Hospiz auf 2000 Metern. Der Schnee liegt meterhoch, es ist kalt.

2013 hat Germinal Roaux mit seinem Spielfilmdebüt «Left Foot Right Foot» bereits einen ungeheuren Stilwillen gezeigt. Die urbane Geschichte um ein junges Paar in einer sinnentleerten Welt war stark im Hier und Jetzt verankert. Damit kontrastierte die langsame Erzählweise in Schwarz-Weiss-Bildern, die inhaltliche Tiefe und Raum für eigene Gedanken schuf. Das ist bei «Fortuna» nicht anders. Hier aber inmitten dieser stillen Klostergemeinschaft läuft das Leben eh schon langsam, und allein die Landschaft verstärkt das Gefühl der Isolation.

Nur ist die Einsamkeit der Chorherren selbst gewählt, während Fortuna irgendwo auf der traumatisierenden Flucht übers Mittelmeer in die Schweiz ihre ­Eltern verloren hat. Sie klammert sich an ihre Religion, obwohl sie sich von Gott verlassen fühlt. Und an den einzigen Menschen, der ihre Sprache spricht, den 26-jährigen Kabir. Dass Rückzug, Schweigen und Verweigerung der 14-Jährigen noch andere Gründe haben, erschliesst sich dem Zuschauer rein aus dem Filmgeschehen heraus erst sehr langsam.

Wahre Schicksale flossen ­ in die Figur ein

«Es ist die Geschichte eines Mädchens zwischen zwei Altern, zwischen zwei Welten und zwischen zwei Sprachen», sagt Germinal Roaux im Anschluss an die Filmpremiere in Luzern. Wir stünden der Flüchtlingskrise weitgehend ohnmächtig gegenüber. Das Kino sei seine Möglichkeit zu handeln. Über seine Freundin hatte er Zugang zu unbegleiteten Minderjährigen, um deren Geschichten herum er die Figur der Fortuna entwickelt hat. Der Glaube oder die Auffassung von Religion spielt eine wichtige Rolle in diesem Film. Bruno Ganz (gewohnt souverän) fällt hier die Rolle des weisen Abtes zu. Was hat Berufung mit Barmherzigkeit zu tun? Ist das Gute immer noch gut, wenn man es jemandem aufzwingt?

Mühe bereitet die christliche Symbolik. Man fühlt sich diesen Figuren weniger nah als dem Skater Vincent in «Left Foot Right Foot» – das hängt wahrscheinlich auch vom jeweiligen Hintergrund ab. Aber es ist eben auch nicht der von Roaux, was sich auch in den Dialogen widerspiegelt. Und es fehlt zu Beginn der Rhythmus. Hier merkt man, dass der Filmemacher früher als Fotograf gearbeitet hat. Beides hat er sich selbst beigebracht.

Der 43-jährige Lausanner macht nicht Kino für die Massen. Insbesondere mit dem Minimalismus eines Robert Bresson wurde Roaux’ Stil verglichen. Seine Antwort auf die Frage nach Bresson ist erfrischend: «Ich kenne die Filme von Bresson nicht. Sie stehen zwar bei mir zu Hause, ich habe sie mir aber noch nie angesehn.» Von sich als Filmemacher zu sagen, man sei nicht cinephil, ist bemerkenswert. Auch wenn ein Film immer Teamarbeit ist, steckt in «Fortuna» wohl so viel Roaux wie nur irgend möglich.

Hinweis

«Fortuna»: im Stattkino, Luzern.

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