«Erstklassik» Festival: So erschütternd wie sehnsuchtsvoll

Dass Komponistinnen früher trotz Schwierigkeiten und Verboten Hörenswertes geschaffen haben, konnte man in Sarnen erleben.

Gerda Neunhoeffer
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Das Konzert von Sopranistin Katja Stuber. (Bild: Mirjam Bollag Dondi/PD, Sarnen, 5. September 2019)

Das Konzert von Sopranistin Katja Stuber. (Bild: Mirjam Bollag Dondi/PD, Sarnen, 5. September 2019)

«Erstklassik am Sarnersee» findet seit 12 Jahren während des Lucerne Festivals statt und hat diesmal auch Bezug zum diesjährigen Thema «Macht». Denn dass es früher nur wenige Komponistinnen gab, mag auch an der «Macht» der Männer gelegen haben. Unter dem Motto «Ladies First» erklingen in jedem Konzert in Sarnen auch Kompositionen von Frauen. Obwohl Gustav Mahler seiner Frau Alma das Komponieren verboten hatte, Fanny Hensel-Mendelssohn weit im Schatten ihres Bruders stand und Robert Schumann meinte, seine Frau Clara hätte genug zu tun, ohne auch noch zu komponieren.

Umso spannender ist es am Donnerstagabend im Konzert in der Aula Altes Gymnasium Sarnen, dass Kompositionen von den Ehepaaren Mahler und Schumann zu hören sind. Julita Smolén, Violine, Benedict Hames, Viola, Samuel Lutzker, Cello, und Benjamin Engeli spielen den Quartettsatz a-Moll von Gustav Mahler.

Melancholische Melodien

Über den raschen Triolen im Klavier entfalten die Streicher melancholische Melodien, die sich in hoch emotionale Dramatik steigern. Und in den fünf Liedern von Alma Mahler-Werfel finden sich ähnliche Spannungsfelder. Die junge Sopranistin Katja Studer gestaltet die Lieder klar und hervorragend verständlich. Sie macht das ausgedehnte Lied «In meines Vaters Garten» zu einer kleinen Oper und singt die grossen Intervallsprünge über Engelis subtiler Begleitung intensiv aus.

Die «Lieder mit und ohne Worte» werden mit Tagebuchauszügen von Clara Schumann sowie aus dem Briefwechsel Claras mit Johannes Brahms ergänzt. Silvia Planzer liest und lässt tief in die Gefühlswelt der berühmten Personen eintauchen. Clara Schumanns drei Romanzen für Violine und Klavier zeugen von innerem musikalischem Reichtum, sie sind gesanglich, gefühlvoll und harmonisch kühn.

Eine Interpretation, die nachklingt

Die sechs Lieder op. 107 von Robert Schumann erklingen in der Fassung für Sopran und Streichquartett des deutschen Komponisten Aribert Reimann. Schumann klingt unwirklicher als mit der originalen Klavierbegleitung, dabei berückend und betörend. Das Klaviertrio Nr. 1 H-Dur op. 8 von Johannes Brahms ist sehnsuchtsvoll wie seine Briefe. David van Dijk, Violine, Samuel Lutzker, Cello, und Benjamin Engeli gelingt eine Interpretation, die nachklingt. Leidenschaftlich, bis an Grenzen gehend, mit unerhört variablen Klängen endet das vielschichtige Konzert.

Am Dienstag fand nach den «Wanderkonzerten» vom Sonntag (siehe Bericht vom Dienstag) das zweite Konzert in der Aula Cher Sarnen statt. Wie schon letztes Jahr spielten Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO) mit Musikern des Luzerner Sinfonieorchesters gemeinsam. Im Phantasy Quartet von Benjamin Britten für Oboe und Streichtrio setzte Andrea Bischof den variablen Klang ihrer Oboe fein gegen die Streicher. Sie spielten innig und schickten lichte Klangfarben in den dunklen Saal. Die Werke von Fanny Hensel-Mendelssohn und Felix Mendelssohn, die gespielt wurden, sind beide im Todesjahr der Geschwister, 1847, entstanden.

Anita Röhn, Violine, Heiner Reich, Violoncello und der Pianist Benjamin Engeli gestalteten das Klaviertrio d-Moll op. 11 von Fanny Hensel mit intensivem Klang. Rauschende Klavierpassagen, innige Melodien in den Streichern und ein Thema, das immer wieder hervortritt, zeugen von der Kompositionskenntnis der Schwester Mendelssohns.

Wie ein Requiem für die Schwester

Dass er selbst in Trauer und Erschütterung über den Tod Fannys sein letztes Streichquartett geschrieben hat, war durchgängig zu hören. Julita Smolén (BRSO) und Anja Röhn, Alice Weber (BRSO) und Jonas Vischi spielten die Expressivität und Dramatik voll aus. Nur das Scherzo erinnerte an Sommernachtstraum. Alles andere schien wie ein Requiem für die Schwester.

Von Clara Schumann, deren 200. Geburtstag dieses Jahr der Anlass für das Programm ist, erklangen Variationen über ein Thema von Ehemann Robert Schumann. Die vielen Besucher erlebten interessante Konzerte mit selten gehörten Kompositionen, die aufhorchen liessen. «Ladies First» kommt an.

www.erstklassik.ch