Das komplizierte Verhältnis von Mensch und Tier

Rührende Nachwuchspflege, Reittherapie, vernachlässigte Tiere: Ein Buch mit Erzählungen versucht, der fremden Welt der Tiere näher zu kommen. 

Valeria Heintges
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Eine Katze spielt mit einer Spielzeugmaus. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

Eine Katze spielt mit einer Spielzeugmaus. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

Sibylle Wiemer arbeitet als Reittherapeutin mit seelisch behinderten Kindern, mit Schwerbehinderten und schwerst Mehrfachbehinderten. Wiemer und ihr Pferd Piko begleiten die krebskranke Frau Weiss in den letzten Jahren ihres Lebens. Piko spürt, wie es ihr gerade geht. Mal marschiert er forsch los, mal bewegt er sich so vorsichtig, als würde er ein rohes Ei auf dem Rücken tragen. Vorsichtig ist er an den Tagen, an denen Frau Weiss die Metastasen in der Lende und der Halswirbelsäule so schmerzen, dass sie sich kaum ausbalancieren kann auf dem Pferderücken. Kurz vor ihrem Tod schreibt Frau Weiss an Wiemer, Piko habe ihr «die schönsten Stunden ihres Lebens» beschert.

«Die schönsten Stunden des Lebens» ist eine von 39 Erzählungen, die Jürgen Teipel gesammelt und unter dem Titel «Unsere unbekannte Familie. Wahre Geschichten von Tieren und Menschen» veröffentlicht hat. Teipel, Journalist, DJ und Autor, lässt darin Menschen wie Sibylle Wiemer von ihren Erlebnissen mit Tieren erzählen. Um Hunde, Katzen, Pferde geht es, aber auch um Elefanten, Esel oder Bienen.

Jürgen Teipel: Unsere unbekannte Familie.  Suhrkamp,   285 S., Fr. 28.–

Jürgen Teipel: Unsere unbekannte Familie. Suhrkamp,
285 S., Fr. 28.–

Die Erzählungen lassen staunen, lachen, still werden

Die Geschichten sind in schlichter Sprache aufgeschrieben, so, wie Menschen reden, mit falschen Nebensätzen oder «ne» statt «eine». Auch deshalb rücken die Erzählungen ganz nah an den Leser heran, lassen ihn staunen, lachen, schlucken vor Rührung, still werden. Es ist, als lebt auch der Leser mit den sauberkeitsliebenden Schweinen im Wald, schaut den Fuchs-­Eltern zu, wie sie sich rührend um ihre Kleinen kümmern, oder streift mit Ralph Schmidt und dem misshandelten Puma durch den ecuadorianischen Dschungel. Und immer wieder wird man wütend, weil unerträglich oft von Menschen die Rede ist, die Tiere schlagen, vernachlässigen, vergammeln lassen.

«Ich merkte, wie leicht Tiere eine ganz andere Welt eröffnen können», schreibt Jürgen Teipel im Vorwort. Es ist sein Verdienst, dass er sie zulässt, diese «andere Welt», dass er sich nicht erhebt, weder über die Tiere, noch über die Menschen. Es ist, als sässe er staunend daneben, wenn die Menschen erzählen. Dabei ist klar, wie Teipel eingreifen, die Geschichten strukturieren, sie aus dem umständlich Erzählten herauskristallisieren musste. Ein scheinbar einfaches Verfahren. Und ein schlichter Tipp: Lesen!