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Interview

Pathé-Kino-Chef reagiert auf Streaming-Dienste: «Wir zeigen jetzt Serien im Kino»

Kinos verzeichneten in den letzten Jahren starken Besucherschwund, nun kommen die Betreiber wegen der Lancierung neuer Streaming-Dienste zusätzlich unter Druck. Im Interview erklärt der Chef der Schweizer Kinokette Pathé, wie er die Zuschauer wieder in die Vorführungssäle holen will.
Interview: Benjamin Weinmann und Daniel Fuchs aus Lausanne
Venanzio di Bacco (rechts) will mit seiner Schweizer Kinokette Pathé in Zukunft Serien wie die Kult-Sitcom «Friends» in ihren Vorführungssälen zeigen. (Bild: HO/Montage_CH Media)

Venanzio di Bacco (rechts) will mit seiner Schweizer Kinokette Pathé in Zukunft Serien wie die Kult-Sitcom «Friends» in ihren Vorführungssälen zeigen. (Bild: HO/Montage_CH Media)

Venanzio di Bacco leitet mit Pathé eine der grossen Schweizer Kinoketten. Wie sich der Streaming-Boom aufs Geschäft auswirkt und wie er das Kino retten will, erklärte er uns im Foyer des ältesten Kino-Multiplexes der Kette in Lausanne.

Schauen Sie Netflix?

Venanzio di Bacco: Ja, natürlich, vor allem Dokumentationen zusammen mit meinem 9-jährigen Sohn. Ich benutze aber auch ­andere Streaming-Dienste wie Youtube oder Swisscom TV.

Was würden Sie sich niemals im Fernsehen ansehen?

Das ist und bleibt der Film. Ein Film auf der grossen Leinwand entfaltet nun mal eine ganz andere Wirkung als auf dem kleinen Bildschirm. Für mich beinhaltet das Kinoerlebnis aber nicht nur das grosse Bild, sondern auch die gute Soundqualität. Das berührt einen emotional viel stärker als im Heimkino.

Venanzio di Bacco, Chef der Kinokette Pathé. Bild: HO

Venanzio di Bacco, Chef der Kinokette Pathé. Bild: HO

Zur Person

Der Manager Venanzio di Bacco leitet mit Pathé eine der drei grossen Schweizer Kinoketten neben Arena Cinémas und der Kitag. Pathé zeigt Filme in insgesamt acht Multiplex-Kinos in der Westschweiz, im Raum Zürich, Bern und in Ebikon LU. In Spreitenbach AG geht Pathé mit einem Bettenkino neue Wege. (dfu)

Viele Serien kommen wie teure Filme daher, was Leute vom Kinobesuch abhält. Was reizt Sie am Film im Unterschied zur Serie?

Die Qualität ist nach wie vor höher. Beim Film wird aufwendiger produziert, und das sieht man. Einen Film im Kino ansehen ist ein besonderes Erlebnis für eine gewisse Zeit, die man sich speziell in der Agenda reserviert. Bei der Serie zu Hause ist das anders. Da wird man immer wieder abgelenkt, man schreibt dazwischen SMS, holt die Wäsche in der Waschküche und so weiter. Man unterbricht die einzelnen Folgen und taucht viel weniger ein in eine andere Welt. Doch dafür ist das Format ja auch nicht ausgelegt.

Dann werden Sie keine Serien zeigen im Kino?

Doch, wir werden hier etwas Neues versuchen. Die Kultserie «Friends» feiert dieses Jahr ihr 25-Jahre-Jubiläum. Das feiern wir mit einer Spezialvorstellung, bei der wir die zwölf beliebtesten Folgen zeigen. Mit den eigenen Freunden «Friends» im Kino zu schauen, das hat seinen Reiz. Wir zeigen schon seit einigen Jahren auch Livekonzerte, Opern und Theatervorführungen auf der Leinwand.

Es bleibt aber dabei: Streamingdienste jagen den Kinos die Besucher ab. Martin Scorseses neuer Film «The Irishman» mit Al Pacino und Robert DeNiro wurde primär für Netflix produziert. Das muss Ihnen Sorgen machen.

Ich finde, Kino müsste immer noch die erste Anlaufstelle sein für einen Film wie «The Irishman», klar. Man muss auch sehen, die Streamingdienste selbst konkurrieren sich enorm. Da wird zurzeit sehr viel investiert, um am Schluss vorne zu sein. Künftig darf es kein Gegeneinander sein, sondern ein Miteinander. Wie gesagt, im Kino können wir auch Serien zeigen. Es braucht eine Art Multi-Channel-Denken. Dabei sind wir Kinobetreiber gefordert, noch stärker ein Erlebnis zu bieten.

Wollen Sie damit sagen, Sie streben eine Zusammenarbeit mit Netflix und Co. an?

Ohne etwas vorweg zu nehmen: Es ist nicht völlig unrealistisch, dass ein Medienunternehmen wie Pathé hinter den Kulissen bereits an Kooperations-Konzepten mit Streaming-Diensten arbeitet.

Das Kinojahr 2018 jedenfalls war dramatisch schlecht. Wie sieht es dieses Jahr aus?

Auch Pathé hat einen Tiefpunkt kennen gelernt. Das liegt allerdings schon etwas länger zurück. Der lange Sommer half der Branche nicht, und zu Weihnachten lief kein Publikumsmagnet. In den letzten Jahren hat Pathé generell etwas besser performt, als die Zahlen des Kinoverbands vermuten lassen. 2019 ist aber bisher deutlich besser, ich bin zuversichtlich. Die Branchenzahlen sind etwa 5 Prozent im Plus. Bei uns sieht es ähnlich, aktuell sogar noch etwas besser aus. Und mit den Fortsetzungen von «Frozen – die Eiskönigin» und von «Star Wars» sind noch zwei potenzielle Kassenknüller am Start bis Ende Jahr.

Pathé ist auch in der Romandie präsent. Unterscheidet sich der Welsche stark vom Deutschschweizer Markt?

Ein paar Unterschiede gibt es durchaus. Filme wie «Intouchables» oder «Monsieur Claude und seine Töchter» waren in den vergangenen Jahren sehr beliebt in der Deutschschweiz. Umgekehrt gibt es das nur sehr selten. Ein Til Schweiger zieht nicht in der Romandie. Auch «Wolkenbruch» und «Zwingli» waren in der Westschweiz nicht besonders erfolgreich. Zudem funktionieren französische Filme besser in der Westschweiz als Filme aus Deutschland in der Deutschschweiz.

In der Deutschschweiz hatte «Wolkenbruch» viele Zuschauer. Wünschten Sie sich mehr Schweizer Filme für ein breites Publikum?

Das würde dem Schweizer Kino sicher helfen. Oftmals bringen Schweizer Filme Leute ins Kino, die sonst nicht hingehen. Und das ist immer noch die Mehrheit. Denn die Schweizer gehen im Schnitt nur 1,3 Mal pro Jahr ins Kino. Es gibt einige Fans, die mehrere Male im Jahr ein Ticket kaufen. Die grosse Mehrheit geht aber nur alle paar Jahre mal. Und diese Zuschauer bevorzugen dann eher den Zwingli als den Spiderman.

Die 3D-Technologie hat sich mehr oder weniger etabliert, konnte die negative Entwicklung bei den Eintrittszahlen aber nicht aufhalten. Was sind die nächsten Trends?

Wir testen zurzeit Virtual-Reality-Brillen in einem Kino für Dokfilme, wo man sich als Zuschauer mitten im Dschungel wähnt, obwohl man im Kinofoyer sitzt. Aber es sind aufwendige Tests. An Hollywood-Filme mit Virtual Reality glaube ich eher weniger in den kommenden Jahren. Wir konzentrieren uns auf Technologien, die direkt mit dem Filmerlebnis zusammenhängen. Etwa 4DX-Säle, wo die sich Sessel bei Actionszenen mitbewegen. Und wir investieren in Self-Check-in-Säle und Self-Check-out-Kassen für Popcorn und Snacks.

Das heisst, Sie bauen Kinopersonal ab.

Auf keinen Fall. Unsere Angestellten können sich so noch stärker um die Gäste kümmern und bei grossem Ansturm an der Kasse eingesetzt werden.

Das Gastro-Angebot in den Kinos ist seit Jahrzehnten das gleiche: Popcorn, Süssgetränke, Glace. Wird es irgendwann gesünder?

Wenn die Besucher das nachfragen, reagieren wir darauf. So haben wir zum Beispiel einen veganen Hotdog im Angebot, und wir überlegen uns, wie wir unser Angebot sonst noch ergänzen könnten, mit Nüssen zum Beispiel. Aber Popcorn ist und bleibt am beliebtesten. Im Kino gönnt man sich halt etwas. In Spreitenbach verkaufen wir sogar Zuckerwatte und Crêpes.

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