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Am Spoken-Word-Festival Woerdz wird die Sprache der Zukunft erforscht

Werden wir bald nur noch grimassieren, statt zu sprechen? Sechs Künstler und Wissenschafter am Spoken-Word-Festival Woerdz in Luzern und ein Essayband wagen einen kühnen Blick in die sprachliche Zukunft.
Julia Stephan
Lika Nüssli und Gion Mathias Cavelty richten am Freitag am Spoken-Word-Festival Woerdz ihre Fragen direkt an Gott. (Bild: Franca Pedrazzetti/PD)

Lika Nüssli und Gion Mathias Cavelty richten am Freitag am Spoken-Word-Festival Woerdz ihre Fragen direkt an Gott. (Bild: Franca Pedrazzetti/PD)

Wer hat die Emojis erfunden? Die Japaner? Aber nein doch, der Philosoph Ludwig Wittgenstein! «Wenn ich ein guter Zeichner wäre», schreibt Wittgenstein im Jahr 1938 neben einem hingekritzelten Strichmännchen, «könnte ich mit vier Strichen unzählige Gesichtsausdrücke hervorbringen.» Der Gebrauch solcher Zeichnungen sei doch, so Wittgenstein, viel flexibler und präziser als der von Adjektiven.

Die Generation Z, so folgert der Journalist Roland Fischer in einem Essay, in dem er die in SMS und Chats inflationär verwendeten Piktogramme als Sprachneuerung aufgreift, habe das verstanden. Die Jugend schickt mit dem Messaging-Dienst Snapchat an Freunde nur noch Grimassen, die nach Sekunden wieder verschwinden. «Snaps sind die Befreiung der Emojis aus ihrer auf die Schrift fixierten Form», so Fischer. «Eine solch individualisierte, anpassungsfähige, spielerische Art von visueller Kommunikation hat es tatsächlich noch nie gegeben.»

Die Anekdote als literarische Form der Zukunft

Sieht so die Zukunft der Sprache aus? Werden wir das Sprechen bald verlernt haben, und wird der Selbstausdruck über das Bild, wie auf Facebook milliardenfach in Endlosschlaufe praktiziert, bald zur Selbstverständlichkeit? Hat das orale Erzählen dank Hörbüchern und Podcasts wieder mehr Gewicht?

Folgt man dem Essayband «Wohin geht die Sprache?», in dem Fischer neben sechs weiteren Autoren seine Überlegungen veröffentlicht hat, werden Schriftsteller bald dem Aufruf des Silicon Valley folgen und dabei helfen, digitale Sprachassistenten wie Alexa oder Siri eloquenter zu machen. Und auch der Literatur geht’s an den Kragen: Autor Walter Grond sieht in der Anekdote, dank eifriger Blogger, die pausenlos aus ihrem Leben berichten, die beherrschende literarische Form der Zukunft. Die neue Sprache sei benutzerfreundlich statt formbewusst. «Weltliteratur meint eher, möglichst von aller Welt verstanden zu werden», so Grond.

Wenn Technik Sprache definiert

Wissenschafter und Autoren sorgen sich darum, dass die Spielwiese Internet, wie sie für Autoren Anfang der 1990er-Jahre noch für Experimente brach lag, endgültig passé ist. Dass die von grossen Konzernen wie Google und Facebook zur Verfügung gestellten Kommunikationsgefässe die Entwicklung der Sprache normiert, den Gestaltungswillen der Benutzer massiv zurückdränge.

Auch am Spoken-Word-Festival Woerdz in Luzern treibt das Thema ab heute seine Blüten. Dort machen von Donnerstag sich bis Samstag drei Duos, bestehend aus einem Künstler und einem Wissenschafter, auf der Bühne auf die Suche nach der «Sprache der Zukunft».

Der Programmierer Urs Hofer hat etwa einen Chor aus Sprachrobotern entwickelt, der auf bestimmte Reizworte der US-amerikanischen Slampoetin Raych Jackson live reagieren wird. «Noch orientiert sich die Technik am Menschen», sagt Hofer über das Projekt. «Sprachlich interessant – oder dramatisch – wird es, wenn sich der Spiess umdreht. Wenn die Technik eine Sprache vorgibt oder eine Sprache limitiert.»

Der Schriftsteller Gerhard Meister und die Germanistin Corinna Virchow glauben nicht, dass technische Neuerungen die Sprache derart umkrempeln werden. Wer seine SMS mit OMG’s und LG’s ausschmücke, könne nach wie vor lange Briefe schreiben. «Früher beherrschte man schliesslich auch den Telegrammstil, und sprach deshalb nicht in abgehackten Sätzen», so Meister. Seine Kollegin Virchow will am Woerdz eine neue Zeitform in die deutsche Sprache pflanzen. Stehen wird sie für den Zustand des «Ich weiss es noch nicht, wir arbeiten noch dran.»

Am Anfang war das Wort – braucht’s ein Update?

Zum biblischen Anfang, also zum Wort, wollen die Zeichnerin Lika Nüssli und der Autor und Satiriker Gion Mathias Cavelty (Bild) zurückkehren. Die beiden gingen von der Frage aus, ob Gott im Jahr 2018 immer noch gleich spricht wie am ersten Tag. Oder ob er ein Update braucht.

«Wir haben in magischen Sitzungen, durch Starren auf ein ausgeschaltetes iPhone anstelle eines Obsidianspiegels, versucht, die Sprache, die Gott mit den Engeln verwendet, zu empfangen», erklärt Lika Nüssli auf Anfrage. «Durch meine Fähigkeit, mich mit Zeichnen auf eine Metaebene einzulassen, konnte ich einiges empfangen und aufzeichnen.» Das Ergebnis kann am Freitag interpretiert werden.

«Zukunft der Sprache – Sprache der Zukunft» am Woerdz in Luzern. 18. 10., Gerhard Meister (Ersatz für Nora Gomringer) und Corinna Virchow, 19.10., Gion Mathias Cavelty und Lika Nüssli, 20. 10., Raych Jackson und Urs Hofer. Tickets: www.woerdz.ch

Buch: Wohin geht die Sprache? Sieben Vermutungen. Edition essais agités, Bd. 2. Der gesunde Menschenversand, 141 S., 19.50 Fr. Auch über www.essaisagites.ch beziehbar.

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