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«Solange sie Leistung aus ihm rauspressen konnten, schwiegen sie»: Weshalb jeder Fussballfan den Film über Diego Maradona gesehen haben muss

Der mitreissende neue Dokumentarfilm «Diego Maradona» ergründet die schizophrene Seele des ehemaligen Weltfussballers. Und erklärt dessen Niedergang anhand zweier Kinder, die Maradona lange verleugnete. Zu lange.
Lory Roebuck
Alle Augen und Linsen sind auf ihn gerichtet: Diego Maradona läuft Mitte der 80er Jahre vor über 80 000 frenetischen Fans im Stadion San Paolo in Neapel ein. (Bild: DCM)

Alle Augen und Linsen sind auf ihn gerichtet: Diego Maradona läuft Mitte der 80er Jahre vor über 80 000 frenetischen Fans im Stadion San Paolo in Neapel ein. (Bild: DCM)

Ab der ersten Filmsekunde geht hier die Post ab. Wir blicken einem kleinen Auto hinterher, das durch die engen Strassen Neapels kurvt. Es ist 1984, und Diego Maradona, der berühmteste Fussballer der Welt, ist gerade unterwegs, um mit seiner Unterschrift seinen Rekordtransfer vom grossen FC Barcelona zum kleinen SSC Napoli zu vollziehen.

Das Auto fährt in halsbrecherischem Tempo, man kriegt als Zuschauer das Gefühl, dass es gleich kracht. Die Szene ist ein perfektes Sinnbild für die turbulente und explosive Lebensgeschichte, die der neue Kinofilm «Diego Maradona» gleich ausbreiten wird.

Maradonas Wechsel zu Napoli ist ein Wechsel ins fussballerische Niemandsland. Barcelona hat den hochbegabten Argentinier aufgrund seiner mangelnden Disziplin aussortiert.

Der abstiegsbedrohte Fussballverein in Neapel, einer von grosser Armut und von der Erdbebenkatastrophe 1980 gezeichneten Stadt, ist der einzige, der das Risiko mit dem teuren und launischen Star auf sich nehmen will.

Maradona und Napoli sind wie gemacht füreinander

An den rauen Spielstil in Italien muss sich Maradona erst gewöhnen. Der filigrane Techniker wird immer wieder rüde gefoult. Doch die Attacken und die Hass-Chöre der gegnerischen Fans spornen ihn zu Höchstleistungen an.

Diese Ich-gegen-die-Welt-Mentalität hatte bereits Klein Diego aus dem ärmsten Quartier in Buenes Aires auf die Weltbühne des Fussballs katapultiert. Maradona und Napoli sind wie gemacht füreinander.

Der Filmtrailer:

Es sind genau solche biografische Zuspitzungen, die den Film «Diego Maradona» auch für ein nicht fussballinteressiertes Publikum spannend machen. Sie sind das Markenzeichen des britischen Regisseurs und Oscarpreisträgers Asif Kapadia, der bereits die mitreissende Dokfilme über Popsängerin Amy Winehouse und Rennfahrer Ayrton Senna verantwortet hat.

«Mich interessiert dieses Phänomen von Ausnahmekönnern, die schon jung berühmt werden», erzählt Kapadia beim Interviewtermin in Cannes.

«Viele von ihnen konnten nicht damit umgehen und sind, wie Diego Maradona, an ihrem Ruhm zerbrochen.»

Der Regisseur, der Zugriff auf bislang ungesehenes, intimes Filmmaterial hatte, traf Maradona fünf Mal zum Interview. «Wenn er gerade gut drauf war, hat er sehr offen über alles geredet, auch über seine Drogenprobleme und seine Freunde bei der Mafia», sagt Kapadia.

Mit seinem Film wollte er stark auf Maradonas sieben Jahre in Neapel fokussieren. «Während dieser Zeit wurde zum besten Spieler der Welt, und auch die zwei Seiten seiner Persönlichkeit kamen damals am stärksten zum Vorschein.»

Eine Mischung aus Genialität und Bescheissen

Maradona hatte gerade seine zweite Saison bei Napoli absolviert, als er in der Sommerpause sein Heimatland Argentinien fast eigenhändig zum Weltmeistertitel führte. Im Viertelfinal schaltete er die übermächtigen Engländer mit zwei Treffern aus.

«Du kannst den Mythos Maradona an diesem einen Spiel erklären», sagt Maradonas Biograf Daniel Arcucci, «wegen diesen zwei Toren wird er geliebt und gehasst.» Das berüchtigte erste erzielte Maradona mit der Hand. Beim zweiten dribbelte er die komplette englische Hintermannschaft aus.

«Diese Mischung aus Genialität und Bescheissen ist mit ein Grund, weshalb auch heute noch alle über Maradona reden», so Arcucci.

Im Film gibt Maradonas langjähriger Fitnesstrainer Fernando Signori dieser Licht- und der Schattenseite jeweils einen Namen: «Da ist Diego, der kleine, unschuldige Junge, der Fussball spielen wollte, um seiner Familie ein Haus zu finanzieren. Und da ist Maradona, die Fassade, hinter der sich Diego vor dem gigantischen Druck des Fussballgeschäfts und der Weltöffentlichkeit zu verstecken suchte.»

Ein Jahr nach dem WM-Titel führt Maradona den SSC Napoli zum ersten (und immer noch einzigen) Meistertitel und wird in den Augen der Stadt endgültig zum Halbgott.

Ein Halbgott, der immer wieder irdischen Lüsten nachgab. 1986 entspringt aus einer Affäre mit einer Neapolitanerin Diego Armando Jr. Es sollte fast zwanzig Jahre dauern, bis ihn Maradona als seinen leiblichen Sohn anerkennt.

Die Geburt des ausserehlichen Kindes ist der Schlüsselmoment in Kapadias Film. «Als Maradona lügt und behauptet, das Kind sei nicht seins, wird er ein anderer Mensch», so der Regisseur. «Du siehst das auch in den Bildern, sein Gesichtsausdruck ist danach ein völlig anderer.»

Er verleugnet den kleinen Diego gleich doppelt

Maradonas Wegbegleiter Signori bestätigt diesen Eindruck: «Die Geburt dieses Jungen warf Diego komplett aus der Bahn.» So sei er manchmal gar nicht mehr zum Training erschienen und habe sogar ein Auswärtsspiel sausen lassen.

Filmpremiere in Cannes (von links nach rechts): Maradonas ehemaliger Fitnesstrainer Fernando Signori, Filmregisseur Asif Kapadia und Maradonas Biograf Daniel Arcucci. (Bild: Regis Duvignau, Reuters)

Filmpremiere in Cannes (von links nach rechts): Maradonas ehemaliger Fitnesstrainer Fernando Signori, Filmregisseur Asif Kapadia und Maradonas Biograf Daniel Arcucci. (Bild: Regis Duvignau, Reuters)

«Die Mitspieler und der Trainer, alle wussten von seinem Drogenproblem», sagt Signori.

«Aber so lange sie noch Leistung aus ihm rauspressen konnten, schwiegen sie.»

Doch dann wirft Maradona an der WM 1990 mit dem entscheidenden Tor im Elfmeterschiessen Gastgeber Italien raus. Das Spiel findet ausgerechnet in Neapel statt, wo der einstiege Halbgott nun zum Gejagten wird, zum Teufel.

Die zweite Hälfte von Kapadias Film dokumentiert den Niedergang des Weltfussballers so mitreissend wie zuvor dessen Aufstieg. Maradona verleugnet den kleinen Diego in sich genauso wie den kleinen Diego, den er gezeugt hat. Das hat Züge einer griechischen Tragödie.

«Eines möchte ich Ihnen aber zu bedenken geben», sagt Fernando Signori. «Gäbe es nicht diese dunkle Seite in ihm, würde jetzt keiner von uns hier sitzen und über ihn reden. Er wäre einfach ein talentierter Fussballer gewesen – einer von vielen.»

Diego Maradona (UK 2019) 130 Min. Regie: Asif Kapadia. Ab 5. September 2019 im Kino.

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