Solothurner Filmtage
Wie Schauspieler ­Dimitri Stapfer in der Not Regisseur wurde – und welche jungen Filmemacherinnen überzeugen

Wächst da eine Generation heran, die sich vom Schweizer Filmschaffen emanzipiert? Solothurn bietet eine Tribüne für sie. Vorhang auf für Dimitri Stapfer, Lara Stoll und Co, die Neues wagen.

Daniel Fuchs
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Dimitri Stapfer und Benjamin Burger drehten in den Tessiner Bergen zusammen den Film «Das Maddock Manifest».

Dimitri Stapfer und Benjamin Burger drehten in den Tessiner Bergen zusammen den Film «Das Maddock Manifest».

Bild: zvg

Es ist ein Heimspiel für Dimitri Stapfer. Gerade noch als Dorfpolizist in der vierten Staffel der Krimiserie «Wilder» zu sehen, besucht der 33-jährige Solothurner nun die Filmtage. Sein Regiedebüt «Das Maddock Manifest» hat es ins Programm geschafft. Am Freitagabend war Premiere. Mit seinem Schauspieler-Freund Benjamin Burger (38) hat er einen experimentellen Lockdown-Film gedreht. Wir treffen die beiden am Eröffnungstag der Filmtage in einem Solothurner Restaurant bei Ingwertee zum warmherzigen Gespräch.

Warum Lockdown-Film? Die Entstehungsgeschichte von «Das Maddock Manifest» bildet diejenige zweier Gestrandeter ab. Und so viel sei klar, lachen beide, es war Alkohol mit im Spiel. Mit vielen Details garniert, erzählen sie vom erstaunlichen Entstehungsprozess. Inspiration für den Stoff hatte Autor Burger beim US-Amerikaner Hermann Maddock gefunden, der in einer Kunstperformance Suizid beging. Die Umstände erinnerten Stark an den Suizid des Nirvana-Sängers Kurt Cobain. Daraus schuf Burger ein Theaterstück, das er als Solokünstler aufführen wollte.

Damit hatte er Anfang 2020 auch die Theatertournee begonnen. Dann kam der Lockdown. «Wir trafen uns wie zwei Gestrandete an der Sihl in Zürich, alle unsere Proben und Auftritte waren abgesagt, da war nichts mehr zu tun», erinnert sich Dimitri Stapfer. Mit dabei: eine Flasche Wein, kein Flaschenöffner, dafür ein Haufen Ideen. «Die Flasche öffneten wir mit Hilfe meines Schuhs», lacht Stapfer. Darauf ergab das eine das andere.

«Damals setzten alle Theaterschaffenden auf Streaming, ich wollte das nicht und war der Meinung, dass die Filmform geeigneter wäre», erzählt Burger. Das Skript sollte als Grundlage dienen und Burger sah sich wie bei der Theaterperformance selbst in der Rolle. Da fragte Stapfer lapidar, und was mach’ ich dann? «Na, Regie!», antwortete Burger. Und so sei es gekommen, dass die beiden innerhalb von zwei Wochen ein Drehbuch entwarfen und loslegten.

Ihre Idee war überhaupt nicht ausgereift, doch das Skript, in diesem Stadium alles andere als ein fertiges Drehbuch, war den beiden genug. Mit wenig Geld und einem begeisterungsfähigen Team quartierten sie sich im optisch hinreissenden Theater Roxy in Birsfelden in Basel-Landschaft ein, das wegen des Lockdowns sowieso leer stand.

«Das Maddock Manifest»

Ein junger Schauspieler versucht sich an seinem Lebenswerk. Dann findet er ein Telefon und landet nach einer Warteschlaufe bei einem Orakel namens Enigma. Stapfers und Burgers experimenteller Trip führt uns von einem leeren Theater in die Berge, bringt den Protagonisten zusammen mit einem Fisch und einer mystischen Hundegestalt und ergründet auf bildgewaltige Art den Wunsch nach Veränderung eines Menschen in grosser ­Einsamkeit. Noch eine Vorstellung am Sonntag.

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Filmtage bieten wichtiges ­Schaufenster für den Nachwuchs

Stapfer, mittlerweile als Schauspieler sowohl im Theater als auch im Kino und TV arriviert, brachte die richtigen Kontakte zur Produktionsfirma und zu Filmprofis mit, die er für das Projekt begeistern konnte. Es entstand eine kleine aber feine Film-WG, die zuerst im Roxy und später in den eingeschneiten Tessiner Bergen drehte. Ihr Ansatz, betonen beide, zeichnete sich vor allem durch flache Hierarchien und Mitbestimmung sämtlicher Filmdepartments aus. «Es machte allen Beteiligten merklich Spass», lacht Dimitri Stapfer.

Stapfer und Burger glauben, so etwas wie eine neue Herangehensweise zu erkennen, welche die junge Generation Filmschaffender in der Schweiz von der traditionellen Filmkunst hierzulande unterscheidet. Sie zeichne sich aus durch Risikobereitschaft und unkonventionelles Geschichtenerzählen. An den Filmtagen wollen sich die beiden selbst ein Bild davon machen.

Die Filmtage bieten dem Nachwuchs eine grössere Plattform als andere Schweizer Filmfestivals. Seit zwei Jahren gibt es einen Hauptpreis extra für Erstlinge, den «Opera Prima». Die Auswahl wurde auf dieses Jahr hin verschlankt. Was dazu führt, dass Erstlinge, wie derjenige von Stapfer, im Panorama untergebracht sind.

Maja Tschumi: «Rotzloch»

Bild: zvg

So heisst der Film und die Schiffsanlegestelle am Vierwaldstättersee. Ein Industriegebiet inmitten von Fels, Gebirge und Wasser. Dort untergebracht: Flüchtlinge. Männer sind unter sich. Maja Tschumi begleitet sie in ihrem Dokumentarfilm durch den Alltag. Die Kamera haftet an ihren Gesichtern, wenn sie über ihre Sehnsüchte nach Liebe und Sex, aber auch nach blossen Beziehungen zu Einheimischen sprechen. Das ist ein Film nicht über die Migration, sondern aus Sicht der Migranten. Nominiert für den «Prix de Soleure». Vorstellungen am Samstag und Dienstag

Lila Ribi: «(Im)mortels»

Bild: Keystone

(Un)sterbliche, so heisst dieser Dokumentarfilm mit einer ganz aussergewöhnlichen Entstehungsgeschichte. Die Westschweizer Regisseurin Lila Ribi filmte ihre 100-jährige Grossmutter Greti über Jahre immer wieder. Es geht um Themen wie das Jenseits. Was ist nach dem Tod? Die Antworten der Regisseurin und ihrer Protagonistin fallen anders aus, als es ihre jeweiligen Generationen vermuten liessen. Aufwendig gemacht und sehr persönlich im Ton, steht auch dieser Film im Wettbewerb um einen «Prix de Soleure». Vorstellungen am Samstag und Dienstag.

Edwin Charmillot: «Momentum»

Bild: Getty

Das Spielfilm-Debüt des erst 24-jährigen Talents aus dem Jura, Edwin Charmillot, feierte am Zürcher Filmfestival ZFF seine Premiere. An den Solothurner Filmtagen läuft «Momentum» im Erstlingswettbewerb «Opera Prima». Der zurückhaltende Film erzählt von einer 16-Jährigen, die nach einer Tragödie versucht, in einer Kleinstadt in ihr jugendliches Leben zurückzufinden. Charmillot selbst sagte, im Film nur das Allernötigste erzählen zu wollen. Und «Momentum» ist genau das: Die gelungene Reduktion aufs Wesentliche. Der Film läuft am Sonntag.

Lara Stoll: «Wer hat die Konfitüre geklaut?»

Bild: Keystone

Ja, wer hat sie geklaut? Dieser Frage gehen die vor allem als Slam-Poetin bekannte Lara Stoll und der Filmschaffende Cyrill Oberholzer in ihrem Spielfilm nach. Der 73-jährige Kabarettist Patrick Frey spielt darin einen Youtuber, der noch bei seiner Mutter lebt. Als die Konfitüre aus ihrem Keller verschwindet, kommt Leben in die Bude. Gelingt es dem Protagonisten, den Dieb zu fassen? Stoll, Garantin für Situationskomik, darf diesen Film in der Sektion «Panorama» zeigen. Vorführungen am Samstag und am Mittwoch.

Elie Grappe: «Olga»

Bild: Keystone

Die Schweiz hat diesen Spielfilm eingereicht für die Verleihung der Oscars 2022. Auch wenn er es nicht in die engere Auswahl schaffte – diese schweizerisch-französische Co-Produktion sollte man sich nicht entgehen lassen. Olga lautet der Name einer 15-jährigen ukrainischen Turnerin im Schweizer Exil. Als in ihrer alten Heimat, der Ukraine, die Revolution ausbricht, stellt das ihr Leben auf den Kopf. «Olga» hatte seine Uraufführung an der Semaine de la Critique in Cannes und steht in Solothurn im Rennen um einen «Prix de Soleure». An den Filmtagen läuft «Olga» noch am Sonntag.

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