SOLOTHURNER LITERATURPREIS: Erzählen, ein ernsthaftes Spiel

Dankesreden gehören für die deutsch-ungarische Schriftstellerin Terézia Mora fast zum Alltag. Kaum eines ihrer Bücher ging bisher leer aus; jedes ist präzise konstruiert, ein erzählerisches Wagnis.

Drucken
Teilen
Beim Schreiben fällt sie sich gern selbst ins Wort, mit ihren Figuren lebt sie jahrelang und intensiv: Terézia Mora. (Bild: Uwe Anspach/EPA)

Beim Schreiben fällt sie sich gern selbst ins Wort, mit ihren Figuren lebt sie jahrelang und intensiv: Terézia Mora. (Bild: Uwe Anspach/EPA)

Wenn sie beim Schreiben zu verzweifeln droht, telefoniert Terézia Mora gern mit Schriftstellerkollegin Katja Lange-Müller. Etwa, als die Arbeit am Roman «Der einzige Mann auf dem Kontinent» ins Stocken geraten war. «Katja, sag’s mir ehrlich, welche Droge muss ich nehmen, damit ich das beenden kann?» Darauf soll Katja Lange-Müller nur sec entgegnet haben: «Adrenalin wird’s schon richten.»

Tatsächlich hat Terézia Mora bislang jedes ihrer Manuskripte mit dem letzten entscheidenden Adrenalinschub zu Ende gebracht und nie lange auf Anerkennung und begeisterte Leser warten müssen. Die 45-jährige Schriftstellerin zählt seit ihrem Prosadébut «Seltsame Materie» (1999) zu den Lieblingen des Feuilletons und der Literaturjurys. Ihre Karriere begann mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis; für ihren formal kühnen, ausgreifenden Roman «Das Ungeheuer» erhielt sie den Deutschen Buchpreis – um nur zwei von vielen Auszeichnungen zu nennen, zu denen heute eine weitere kommt. Im Rahmen der 39. Literaturtage wird Terézia Mora mit dem Solothurner Literaturpreis geehrt. Ein Grund mehr, ihren im Herbst erschienenen Erzählband «Die Liebe unter Aliens» zu lesen, mit dem sich die in Berlin lebende Schriftstellerin, wie sie selbst gern erzählt, von der jahrelangen Arbeit an «Das Ungeheuer» erholt hat. Weniger erholsam dagegen: sich eine Dankesrede zurechtzulegen. Mag sie unterdessen schon oft dazu Gelegenheit gehabt haben: Routine ist es nicht geworden. Schriftsteller, so sagte sie in einem Interview, seien nun einmal kein Hollywoodstars, gewohnt an Bühnen und laufende Kameras. Lieber ringt sie im Chaos ihrer Berliner Wohnung um Weltliteratur, bei laufendem Fernseher, schlimmstenfalls mit einem zuwendungsbedürftigen kranken Kind.

Zweisprachige Kindheit im ungarischen Grenzland

Präzis und nüchtern, immer ein wenig sarkastisch, mit Sinn für das Gewicht der Worte: So spricht Terézia Mora auch über ihre ­Figuren. So tönte es schon in den ersten Erzählungen, in denen sie vom bis dahin Bekannten ausging: ihrer Kindheit und Jugend in einem Dorf in Westungarn, umgeben von Grenzen: Sopron. Die Familie gehörte zur deutschsprachigen Minderheit; Terézia Mora wuchs zweisprachig auf. Später, als junge Schriftstellerin und Drehbuchautorin, übersetzte sie die Sprachkunstwerke Péter Esterházys ins Deutsche – wofür sie ebenso viel Lob einheimste wie für ihre eigenen Bücher.

«Im Kern geht es jedes Mal darum, herauszufinden, wie man handeln kann», schreibt sie im Band «Nicht sterben», der gedruckten Fassung ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Neben dem Handwerk, dem sehr ernsthaften Spiel des Schreibens, geht es darin auch um ihre persönli­cheAABB22Entwicklung als Autorin: um ­einen Weg, den sie überaus konsequent gegangen ist. Dicht hinter ihren literarischen Figuren.

 

Bettina Kugler