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SOMMERSERIE: Erich Langjahr: «Die erste Szene war oft auch die beste»

Sein analoges Filmschaffen vermisst Erich Langjahr nicht. Als der Zuger Produzent und Regisseur jedoch an den Drehort eines seiner Frühwerke tritt, überkommt ihn dennoch ein Hauch von Nostalgie.
Andreas Faessler
Als wäre es gestern gewesen: Erich Langjahr (73) am Drehort von «USA-Time», einem seiner frühen Kurzfilme, der 1974 vor den Schaufenstern eines Zuger Kaufhauses entstand (Bild: Werner Schelbert/ZZ, Zug, 27. Juli 2017)

Als wäre es gestern gewesen: Erich Langjahr (73) am Drehort von «USA-Time», einem seiner frühen Kurzfilme, der 1974 vor den Schaufenstern eines Zuger Kaufhauses entstand (Bild: Werner Schelbert/ZZ, Zug, 27. Juli 2017)

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

In den grossflächigen Schaufensterscheiben der Zuger Manor-­Filiale spiegeln sich Passanten und Verkehr, beschallt von einer städtischen Geräuschkulisse. Als Erich Langjahr vor das Schaufensterglas tritt und hineinschaut, ist das Déjà-vu fast perfekt. «Es ist wirklich genau wie damals», sagt er, sichtlich überrascht von der Authentizität, welche die Szenerie abgibt und ihn schlagartig um 43 Jahre zurückversetzt.

Anno 1974 stand der Zuger Filmemacher mit einer 16-mm-Kamera über eine Zeitspanne von zehn Tagen wiederholt an exakt derselben Stelle und richtete die Linse auf die Auslage des Nordmann, wie das Kaufhaus einst hiess. Es waren Amerika-Werbewochen, und die ganze Auslage war zugepappt mit Stars and ­Stripes. Abgesehen von Anfang und Ende spielt sich im Film alles in der Reflexion des Schaufensterglases ab, die stimmungsmitprägende Tonspur hat Langjahr nachträglich hinzugefügt. «USA-Time», eine 8-minütige kritische Auseinandersetzung mit grassierendem Werbewahn und einer penetranten Amerikanisierung, war einer der frühen Kurzfilme des heute 73-Jährigen, der hinsichtlich seines intensiven Schaffens mit mehreren viel beachteten Kinoproduktionen als eine der prägenden Figuren des modernen Schweizer Filmschaffens genannt werden kann. Seine Filme sowie er selbst sind mehrfach im In- und Ausland ausgezeichnet worden.

Des Häuptlings Mohrenkopfsucht

Seine Affinität zur Kamera hatte Erich Langjahr schon im Kindesalter entdeckt. Der bis 1959 existierende Fip-Fop-Kinderfilmclub von Nestlé, Peter, Cailler und Kohler ermöglichte kleinen Filmfans den Zugang zu Kinovorführungen. Da erinnert sich Erich Langjahr an einen besonders bleibenden und sein späteres Filmschaffen mitprägenden Eindruck: «Im Kino Seehof lief der Film über einen ‹Negerhäuptling›, für dessen ungestillten Hunger nach Mohrenköpfen das gebeutelte Volk alles Mehl abtreten musste.» Das habe die ganze Kinderschar im Kinosaal aufgewühlt und ihn selbst in seinem Gerechtigkeitsempfinden nachhaltig sensibilisiert.

Die Leidenschaft, selber Filme zu drehen, entbrannte in Erich Langjahr, der sich ursprünglich an der Universität Zürich zum Chemielaboranten ausgebildet hatte, als er 1968 vom ambitionierten Zuger Filmamateur Walter Stuber eine Super-8-Kamera geschenkt erhielt. Damit drehte er seine ersten Kurzfilme, darunter etwa «Pferd und Wagen». «Darin geht es um den Fuhrhalter Staub aus Baar. Dieser holte mit seinem Fuhrwerk am Bahnhof jeweils allerlei Koffer und sonstige Fracht ab und kutschierte sie an den Zielort», erinnert sich Langjahr. Schon bald entdeckte der passionierte Filmer seinen Hang zu Umweltthemen, drehte unter anderem Sequenzen auf Mülldeponien oder im Umfeld der Industrie.

Filmend zum Zeitzeugen werden

Auch das weiter oben angesprochene Thema Gerechtigkeit griff Langjahr nun in seinen Filmen auf. So beispielsweise 1973 in seiner ersten grossen Produktion mit dem entsprechend aussagekräftigen Titel «Justice». «Ich suche in meinen Filmen das, was uns Menschen beschäftigt. Es mit meiner Kamera festzuhalten und so zum Zeitzeugen zu werden, ist der Sinn meiner Arbeit. Das erfüllt mich», sagt Langjahr. Schlüsselfigur für «Justice» war ein fremdländischer Strassenmusiker in Zürich, der mit seiner exotischen Erscheinung Aufsehen erregte. «Es braucht das provozierende Unbekannte, damit sich die Wirklichkeit kristallisieren kann», umschreibt Langjahr seine Beweggründe für Filme mit gesellschaftskritischem Unterton. Und nicht anders verhielt es sich wenig später mit «USA-Time», der neben dem Thema Werbe-Reizüberflutung auch Spannungsfelder zwischen Kommerz und Kirche aufs Tapet bringt. Und als zum Schluss des Films eine Kuh genüsslich auf einer Schweizer Landesfahne rumkaut, ist der Anstoss zur kritischen Auseinandersetzung mit der Thematik erst recht gegeben.

Ein ganz anderes Drehverhältnis

Selbstverständlich ist Erich Langjahr mit der Zeit gegangen, was die Filmproduktion betrifft. Technisch auf dem neusten Stand, trauert er der analogen Filmproduktion nicht nach, doch erinnert er sich daran, als wäre es gestern gewesen – seine erste 16-mm-Kamera mit Federwerk habe gerattert wie eine Nähmaschine, erzählt er. «Man hatte damals ein ganz anderes Drehverhältnis. Drückte man den Aufnahmeknopf, kostete das sofort Geld», sagt Langjahr, gewinnt dem aber dennoch gewisse Vorteile ab: «Dieser Umstand erforderte eine andere Konzentration. Daher war die erste Szene oft auch die beste, weil die Spontaneität gegeben und somit die Glaubhaftigkeit entsprechend gross war.» Aber drang versehentlich Licht in die Kamera, oder passierte ein Fehler bei der Filmentwicklung, war auch die beste und glaubhafteste Szene futsch.

«Solche Malheurs gibt’s mit dem heutigen technischen Standard zum Glück nicht mehr. Alles ist viel einfacher und praktischer geworden.» Langjahrs ganze analoge Filmausstattung und auch das Filmmaterial – gut vier Lieferwagen voll – befinden sich heute in der Cinémathèque suisse in Lausanne sowie im Fundus des Verkehrshauses. Dieses plant in den nächsten Jahren eine Ausstellung mit dem analogen Filmequipment Langjahrs.

Selbstredend: Als erfahrener Pionier des modernen Schweizer Films arbeitet Erich Langjahr nach Jahrzehnten des Schaffens professionell. «Aber was die Liebe zur Sache betrifft, da bin ich ‹Amateur› geblieben», sagt er mit einem Anflug von Nostalgie. «Ich war schon immer Produzent und Regisseur zugleich. So habe ich auch alle Zeit der Welt, die ich für meine Filme brauche.»

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