Sophie Hunger ärgert sich über die Sparsamkeit der Politik: «Wir könnten die Schweiz ummöblieren»
Interview

Sophie Hunger ärgert sich über die Sparsamkeit der Politik: «Wir könnten die Schweiz ummöblieren»

Bild: Nadia Tarra

Sophie Hunger hat ihr neues Album halluziniert, träumt von politischen Reformen und der Party des Jahrhunderts.

Stefan Künzli
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Wie ist es Ihnen in dieser Zeit ergangen?

Sophie Hunger: Eigentlich sehr gut. Am Wochenende, als die Grenzen geschlossen wurden, war ich in Zürich. Ich konnte nicht heim nach Berlin und habe deshalb mit meinem Bruder in Wollishofen eine Airbnb-Wohnung gemietet. Insofern hat mich das Virus für ein paar Wochen repatriiert.

Sie probten in der Roten Fabrik.

Ja, das ging schnell. Sie haben mir sofort geholfen und einen Raum zur Verfügung gestellt. Danke, Rote Fabrik!

Die Diplomatentochter

Sophie Hunger – Musikerin
Bild: Nadia Tarra

Sophie Hunger – Musikerin


Die Sängerin ist vor 37 Jahren als Emilie Jeanne-Sophie Welti in Bern geboren. Die Tochter eines Diplomaten und der früheren Politikerin Myrtha Welti wuchs mit zwei älteren Geschwistern in Bern, London, Bonn und Zürich auf. Vor 14 Jahren erschien ihr Debütalbum. Seit sechs Jahren wohnt sie in Berlin. Sie ist eine Schweizer Künstlerin mit internationaler Ausstrahlung. Unlängst hat sie für den Soundtrack zur Vox-Serie «Rampensau» den Deutschen Fernsehpreis erhalten. (sk)

«Halluzinationen» klingt nicht mehr so technoid. Für mich ist es vertrauter. Können Sie das nachvollziehen?

Klar. Es hat mit der Art der Aufnahme zu tun. Alles live, alles gleichzeitig, keine Overdubs. Dazu haben wir das ganze Album an zwei Tagen an einem Stück aufgenommen. Radikaler geht’s nicht. Mehr Risiko geht nicht.

Das ist aussergewöhnlich. Wieso haben Sie sich für diese Art der Aufnahme entschieden?

Wir, mein Produzent Dan Carey und ich, haben das Gegenteil vom Vorgänger «Molecules» gesucht, wo wir sechs Wochen im Studio waren und die Stücke architektonisch zusammengebaut haben. Diesmal haben wir die Konzertsituation gesucht. Das Risiko, das Unmittelbare und Aufregende, wo besonders viel Leidenschaft gefragt ist.

Schon bei «Molecules» haben Sie sich vier Regeln gegeben, die Sie strikt befolgten. Weshalb sind Sie so streng mit sich?

Ich brauche das, weil ich eigentlich eher undiszipliniert bin. Und es macht Spass, sich Leitplanken zu setzen, das ist wie auf der Autobahn, dann kriegt man Mut zum Rasen.

Die beste Sophie Hunger

Auf dem Vorgängeralbum «Molecules» hat Sophie Hunger mit technoiden Sounds Neuland betreten. Auf «Halluzinationen» kehrt sie zu vertrauterem Sound zurück, ohne sich vom Elektronischen abzuwenden. Im Mittelpunkt des achten Albums, das in nur zwei Tagen in den berühmten Abbey Road Studios aufgenommen wurden, steht meist das Klavier, das von der Bandleaderin selbst oder vom fantastischen Tastenmann Alexis Anérilles gespielt wird.

Ein Wiederhören gibt es mit Schlagzeuger Julian Sartorius. Mit ihm gibt es also keine digitalen Drums mehr. Produzent und Soundtüftler Dan Carey, mit dem Hunger schon «Molecules» aufgenommen hat, ist selbst Bandmitglied. Die Elektrosounds sind nicht verschwunden, vielmehr haben sie ergänzenden und begleitenden Charakter.

Carey beschränkt sich auf Spielereien und Verfremdungen der akustischen Instrumente. Hunger singt mehr Hochdeutsch, wichtiger ist für «Halluzinationen» aber die Live-Situation im Studio. Auf Platte klang Hunger selten so dringlich, emotional und leidenschaftlich. Ihr sind mit «Liquid Air», «Finde mich», «Halluzinationen», «Alpha Venom», «Rote Beeten aus Arsen» und «Maria Magdalena» Songperlen gelungen. «Halluzinationen» ist Sophie Hunger bislang bestes Album. 

Hinweis:
Sophie Hunger: Halluzinationen (Universal). Erscheint 28. 8. Live: 6. und 9. 9. Kaufleuten Zürich; 10. 9. ISC Bern.

Was war das Fazit nach Ihrer letzten Tour?

Es war Januar in Berlin. Die Fragen, die man das Jahr über verdrängt, werden dann sehr laut. Fragen wie: Warum bin ich allein? Was habe ich mit meinem Leben angefangen? Hätte vielleicht ein anderes Leben auf mich gewartet? Eine Antwort war: Du verbringst dein Leben mit Halluzinationen. Musik machen ist halluzinieren. Daraus ergaben sich weitere Fragen: Kommt die Einsamkeit vom Halluzinieren, oder entstehen Halluzinationen aus Einsamkeit? Und schon war ich mittendrin im nächsten Album: Halluzinationen.

Als wir uns vor zwei Jahren das letzte Mal trafen, war bei Ihnen viel in Bewegung. Neuer Wohnort, neue Beziehungen, neuer Sound. Ist Ihre Situation heute etwas gefestigter?

Nein, überhaupt nicht. Covid hat wieder alles durcheinandergewirbelt und eine neue Ordnung geschaffen. Ich habe ein neues Album, aber ich kann nicht auf Tour. Sehr seltsam. Aber inzwischen habe ich mit dem Virus meinen Frieden gemacht. Vielleicht ist ja auch das nur eine Halluzination.

Was ist Ihre Erkenntnis von Corona auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene?

Corona hat uns vor Augen geführt, wie fragil unsere Situation ist und wie zufällig. Was mich wirklich faszinierte: Wie flexibel unsere Ökonomie ist. Wie schnell der Bundesrat reagiert und Abermillionen aus dem Hut gezaubert hat. Plötzlich hat man ganz viel Geld, das man zuvor mit Blick auf den Staatshaushalt blockierte. Das heisst: Unsere Staatsverschuldung ist so klein, dass wir unseren Alltag komplett verändern könnten, wenn wir nur wollten. Corona hat das deutlich gemacht.

Finanzminister Ueli Maurer würde jetzt sagen, dass wir das nur konnten, weil wir in der Vergangenheit so sparsam gehaushaltet haben.

Ja, aber warum muss man das Geld nur im Notfall brauchen? Wir sollten unsere Zukunft aktiv gestalten und nicht einfach ins Nichts sparen. Jeder gute Unternehmer spart, um in seine Ideen und Projekte zu investieren. Das sollten wir in der Politik auch. Das müsste Ueli Maurer wissen. Also wenn zum Beispiel noch einmal einer sagt, der Vaterschaftsurlaub sei zwar richtig, aber wir könnten ihn uns leider nicht leisten, dann wissen wir ja jetzt, dass das eine blanke Lüge ist.

Was denken Sie, ist die Bereitschaft fürs aktive gesellschaftliche Umgestalten heute eher da?

Ich finde, dass seit der letzten Parlamentswahl in der helvetischen Politik ein frischer Wind weht. Umso schöner wäre es, wenn uns die Coronakrise zeigen würde, wie viel eigentlich möglich wäre. Wir könnten die Schweiz ummöblieren.

Wie würden Sie sie ummöblieren?

Zunächst die Kündigungsinitiative mit einer schallenden Ohrfeige ablehnen. Wir können den Wohlstand der Schweiz nur bewahren, indem wir die Beziehungen zur EU nicht in Gefahr bringen. Den Vaterschaftsurlaub müssen wir klar durchwinken. Denn hier sind wir ganz weit im Rückstand. Dann ist mir die Repräsentation von Frauen auf allen Ebenen ein Anliegen. Da haben wir auch grossen Nachholbedarf. Schliesslich feiern wir im nächsten Jahr 50 Jahre Frauenstimmrecht.

Engagieren Sie sich in dieser Sache?

Der Traum wäre, dass alle Schweizer Frauen und Mädchen 2021 als ihr persönliches Legendenjahr sehen, Geburtstag für alle gleichzeitig. Ich selbst habe ein paar Ideen als Musikerin und arbeite dafür mit Alliancef.ch. Wir müssen diese Errungenschaft meisterinnenhaft feiern, die Kräfte bündeln und Energie für die Zukunft tanken. Ziel muss sein: die Party des Jahrhunderts.

Im Song «Finde mich» geht es um Helvetia. Wie ist Ihre Beziehung?

Ich war im letzten Jahr am Frauenstreik, das hat mich unheimlich berührt und einiges ausgelöst. Es war ein Schlüsselerlebnis. Ich habe noch nie so viele Frauen an einem Ort gesehen. Es war mir nicht bewusst, dass mir dieses Bild gefehlt hat. Es hat mir wörtlich vor Augen geführt, wie viel möglich wäre, würden wir uns zusammentun. Wie viel wir erreichen und verändern könnten. Das Lied ist Ausdruck dieses Gefühls.

Was haben Sie gegen deutsche Frauen?

Nichts. Das Lied «Rote Beeten aus Arsen», auf das Sie zielen, ist die Beschreibung einer deutschen Frau. Ich beobachtete, wie sie mit absolutem Kalkül und Seelenkälte einen Betrug verübte. Den Hang zum Übernüchternen, welches irgendwann ins Ekelhafte abgleitet, den erkenne ich auch an mir. Es ist ein germanischer Wesenszug. Wir müssen aufpassen, dass wir das Träumen, Lieben und Halluzinieren nicht wegrationalisieren, nicht ausradieren. Denn dort versteckt sich das Paradies auf Erden.

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