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SOUL: Michael Kiwanuka: «Ich war komplett gehemmt»

Michael Kiwanuka, der melancholische Mann aus London, macht es seinen Hörern auf dem zweiten Album «Love & Hate» nicht leicht. Sich selbst erst recht nicht.
Steffen Rüth
«Ich hatte das Gefühl, ich stehe wieder bei null», sagt Michael Kiwanuka (29). (Bild: PD/Universal)

«Ich hatte das Gefühl, ich stehe wieder bei null», sagt Michael Kiwanuka (29). (Bild: PD/Universal)

Steffen Rüth

Beinahe hätte Michael Kiwanuka alles hingeschmissen. Kanye West hatte ihn nach Hawaii eingeladen, um an seinem «Yeezus»-Album zu arbeiten, es war irgendwann 2013, 2014, so genau weiss er es gar nicht mehr. Und nun sass der von Hause aus eher scheue Musiker im Studio, während der forsche West ihn befehligte, doch einfach «sein Ding» zu machen. Kiwanuka konnte nicht. Fast panisch, so erzählt er, verliess er den Raum, auf dem Album ist er nicht drauf. «Wahrscheinlich hätte ich einfach ein bisschen was singen sollen», erinnert sich Kiwanuka nun mit leichtem Schaudern an den traumatischen Tag zurück. «Aber ich war komplett verunsichert und endlos gehemmt.»

Hilfe von Danger Mouse

Leicht gemacht hat es sich Michael Kiwanuka auch mit seinem eigenen Album nicht. Er brauchte drei Anläufe für «Love & Hate». Dabei hatte er den sogenannten Durchbruch doch eigentlich längst geschafft. Der Sänger, der nach Schulchor und angefangenem Jazzgitarrenstudium zunächst im Hintergrund auf diversen Pop- und R & B-Produktionen sang und spielte, gewann die BBC-Nachwuchsumfrage «Sound of 2012» (wie vor ihm Adele), sein vom Gitarrenspiel und der einmalig soulgetränkten und kräftigen Stimme geprägtes Debütalbum «Home Again» verkaufte sich passabel, die gefällige Single gleichen Titels wurde ein Hit.

«Trotzdem hatte ich das Gefühl, ich stehe wieder bei null. Zwei Mal habe ich das Album verworfen und fing von vorne an, habe dabei permanent gedacht, die Lieder sind nicht gut genug.» Er hat nun genug Songs geschrieben für drei Alben. «Es war komisch, ich kam mir lange Zeit so klein und unfähig vor und war davon überzeugt, es einfach nicht mehr drauf zu haben.» Irgendwann kontaktierte ihn Brian Burton, der besser bekannt ist als Danger Mouse und der in vergangenen Jahren unter anderem ein Album mit Norah Jones, U2 sowie ganz aktuell den Red Hot Chili Peppers produzierte. «Mit Brian fing ich ganz frisch an. Er stärkte mich und sorgte dafür, dass meine Selbstzweifel immer geringer wurden.»

Ein leiser Mensch

Der Rock-’n’-Roll-Freund Burton und Jimi-Hendrix-Fan Kiwanuka entwickelten einen etwas anderen Sound als jenen, der Kiwanukas vergleichsweise liebliches Soul-Blues-Pop-Debüt «Home Again» prägte. Die Gitarre steht jetzt stärker im Vordergrund als zuvor, die ganze Platte klingt roher, weniger glattpoliert, härter und kantiger. «Das viele Gitarrespielen hat mir unheimlich Spass gemacht und mich beflügelt», so Kiwanuka, der sich diesmal insbesondere von Pink Floyd, The Who und Isaac Hayes habe inspirieren lassen. «Der Klang ist fleischiger. Halb bewusst und halb unbewusst haben wir ein Album geschaffen, mit dem ich mir musikalisch auch auf grossen Festivals Gehör verschaffen kann.»

Denn der inzwischen 29 Jahre alte Michael Kiwanuka, dessen aus Uganda stammende Eltern einst vor dem Schreckensregime des Idi Amin nach London flohen, wo ihr Sohn zur Welt kam und bis heute lebt, ist ein leiser, ein zurückhaltender Mensch. Im Interview bewegt er sich eher tastend vor, sagt lieber zu wenig als zu viel, und wenn er mal ins Reden kommt, dann über Dinge, die man von durchaus arrivierten Popmusikern sonst selten hört.

Es ist eng in seiner Einzimmerwohnung, in der er sämtliche Lieder schreibt und irgendwie auch noch lebt. Wie komisch sich dieses ganze zwischenmenschliche Ding anfühlt, jetzt, da er endlich eine Freundin habe. «Ich konnte mir lange nicht vorstellen, wie Menschen es schaffen, überhaupt Beziehungen zu führen und aufrechtzuerhalten», sagt er. «Einfach, weil ich es nicht kannte. Ich fand es immer einfacher, allein zu sein, mit der Musik als meinem Partner.» «I’ll Never Love» heisst der Song, in dessen Text sich Michael Kiwanuka fragt, ob er das mit der Liebe probieren oder lassen soll.

Tradition aufgreifen

Das ganze Album hört sich an wie ein akustischer Abenteuerspielplatz. So geht der erste Song «Cold Little Heart» über zehn Minuten lang, erst in der sechsten erklingt zum ersten Mal seine Stimme. Warum? «Weil ich keine Kompromisse eingehen und die Hörer auch ein bisschen auf eine Geduldsprobe stellen wollte. Ich fand es interessant, die Aufmerksamkeit von jemand anders so lange zu beanspruchen.» In den Siebzigern, seinem musikalischen Lieblingsjahrzehnt, sei anstrengende Mainstreammusik gang und gäbe gewesen. «Ich wollte diese Tradition aufgreifen.» Konnte man das erste Album auch gut in Kaffeehäusern und Cocktailbars abspielen, so beansprucht und verdient «Love & Hate» die ungetrübte Aufmerksamkeit des Zuhörers. Offensichtliche Radiohits finden sich nicht, Kiwanukas Anliegen geht tiefer.

Suche nach Identität

Etwas aus der Reihe tanzt «Black Man In A White World». Die temporeichste Nummer behandelt Kiwanukas Suche nach Identität. «Ich war im Leben immer in der Minderheit und musste meinen Platz in dieser Welt erst finden. Ich denke bis heute viel darüber nach, wer ich bin und wer ich sein möchte.» Michael Kiwanuka wuchs in einem weissen Londoner Viertel auf. «Unter Rassismus habe ich nie gelitten, aber man merkt, dass man anders ist, und bekommt das auch klargemacht.» Viele Briten könnten zum Beispiel seinen Namen nicht aussprechen. «Wir stachen heraus. Aber das ist alles in allem keine schlechte Sache.»

Wahrscheinlich ist es das, was Kanye West meinte.

Michael Kiwanuka: Love & Hate (Universal). Live: Gurtenfestival Bern, 14. Juli

Bewertung: 3 von 5 Sternen

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