Ausstellung bei Benzeholz: Effektvolles Spiel mit der Wahrnehmung

Eine Maske kann schützen und provozieren. Eine Ausstellung in Meggen lenkt den Blick auf diese Urform des Porträts, jenseits von Corona.

Susanne Holz
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Mensch & Maske: Stephanie Hess blickt durch ihr Werk «Fratzen».

Mensch & Maske: Stephanie Hess blickt durch ihr Werk «Fratzen».

Bild: Manuela Jans (Meggen, 13. März 2020)

«Exposed», ausgesetzt. So ist die Ausstellung der 1979 in Luzern geborenen Künstlerin Stephanie Hess betitelt, die kurz vor dem Lockdown im März bei Benzeholz in Meggen startete, dann schliessen musste, und nun wieder öffnen darf. Das grosse Thema dieser Einzelausstellung sind Masken. Wie passend. Als ob die Künstlerin geahnt hätte, dass bald einmal die ganze Welt einem Virus ausgesetzt sein würde, relativ schutzlos, und dass in der Folge die halbe Menschheit zur Maske greifen muss. Doch natürlich hat sie das nicht geahnt, und selbstverständlich haben die Masken in Hess` Ausstellung wenig mit den Hygienemasken der Coronapandemie zu tun.

Ein bisschen was dann aber doch. «Ich bin mit und ohne Maske ausgesetzt», sinniert Annamira Jochim, Kuratorin von Exposed und Leiterin von Benzeholz. Womit sie meint, dass man derzeit in der Öffentlichkeit auffällt, trägt man eine Corona-Schutzmaske, genauso aber auch, trägt man keine. Und in hohem Masse ausgesetzt fühlt man sich wiederum im ersten Stock der Galerie Benzeholz, wo rundum 37 «Masken» an vier nachtblauen Wänden hängen.

Beobachtet von sprachlosen Gesichtern

Der Effekt ist stark. Man fühlt sich umzingelt, beobachtet, ja, auch schutzlos wähnt man sich inmitten dieser sprachlosen Gesichter, ein jedes ein Oval aus Styropor, in das drei Löcher gebohrt, und auf das ein Mix aus Gips, Acryl, Make-up, Lidschatten und Nagellack geschichtet wurde. Drei runde Löcher für Augen und Mund – klar schauen diese Masken ihren Betrachter da fragend an. Sie scheinen kommunizieren zu wollen. Oder ist es gar das eigene Selbst, das einem hier entgegenblickt?

Diese Ausstellung spiele auch damit, dass der Betrachter sich frage: Ab wann gehöre ich dazu?, so Annamira Jochim. Eine Antwort lautet: In diesem Raum auf jeden Fall. Die Kuratorin lenkt den Blick auf die «archaische Formensprache» der Künstlerin Stephanie Hess. Jochim führt aus: «Die Maske ist zugleich Urform des Bildes und des Theaters. Sie vereint damit die Ausdrucksmöglichkeiten der darstellenden und der bildenden Kunst, welche der ausgebildeten Balletttänzerin und der Künstlerin eigen sind.»

Ja, die in Sarnen aufgewachsene Künstlerin absolvierte zunächst eine Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule Hamburg und war sechs Jahre lang Balletttänzerin am Aalto-Theater Essen, bevor sie an der Folkwang Universität der Künste Essen Experimentelle Gestaltung studierte und mit Auszeichnung abschloss. Ein Master in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste rundete den Werdegang ab.

So vielschichtig wie der Mensch

Stephanie Hess erzählt, dass sie gerne mit Materialien experimentiert, mit Wachs, Silikon, Gips. Oder eben Styropor. Auf die in diesem Raum präsentierten Masken habe sie teils über zehn Schichten an Gips, Acryl, Tempera und Schminke aufgetragen. Genauso vielschichtig ist wohl auch der Mensch. «Wir alle haben mehrere Masken zur Verfügung», findet die Künstlerin. Hess denkt da auch an unser digitales Zeitalter: «In den Social Media setzen alle eine Maske auf.»

Eine schlichte Urmaske – ein Oval mit drei Löchern – leitet im Erdgeschoss der Galerie das Thema ein, sie ist aus weissem Porzellan. Und mutet schön archaisch an, noch weit entfernt von digitaler Raffinesse. Im zweiten Stock hängen vier «Fratzen» aus Tüll und Silikon, festgemacht an Metallstangen, von der Decke. Eine grüne Folie auf dem Fenster des Dachraums bewirkt eine teilweise Einfärbung von Raum und Tüll. Diesen Effekt beabsichtigte die Künstlerin: «Es ist extrem interessant, wie einfach sich Wahrnehmung verändern kann.»

Auch im Video «Etüden» spielt Hess mit der Sicht auf die Dinge. Was wollen wir sehen? Welche Illusionen machen wir uns? Hess ist hier mit Maske und teils auf Spitzenschuhen unterwegs, sie klettert auf einen Baum, bewegt sich fragend durch leere Räume. «Im Ballett auf der Bühne wie in der Kunst kann man Illusionen erzeugen und Dinge ergründen», sagt die Künstlerin. «Das fasziniert.»

Stephanie Hess – Exposed, bei Benzeholz, Raum für zeitgenössische Kunst, Seestrasse Meggen. Bis 14. Juni. Geöffnet Do/Sa/So 14 bis 18 Uhr, erstmals am 14. Mai. www.benzeholz.ch

Das Kunstleben nimmt wieder Fahrt auf

Und los geht`s ...

... im Museum Sammlung Rosengart heute, 11. Mai, «mit umfassendem Schutzkonzept». Dieses beinhaltet die 2-Meter-Abstandsregel, Masken werden empfohlen, Tickets sollen bevorzugt mit Karte bezahlt werden. Desinfektionsmittel steht zur Verfügung.

... in der Galerie Urs Meile am Dienstag, 12. Mai, mit «Circular Flight – Julia Steiner», verlängert bis 23. Mai.

... in der Kunsthalle Luzern am 3. Juni mit der Einzelausstellung «Dear Optimist» von Philipp Hänger.

... in Zsuzsa`s Galerie in Adligenswil am Do, 14. Mai, mit «2020 Tandem Vol. 1 via digilogo. Claude Sandoz & Nina Caviezel», verlängert bis 6. Juni.

Infos zur Wiedereröffnung weiterer Museen und Galerien siehe Ausgabe vom 2. Mai. (sh)