Sprachliche Moden und Marotten: «Aus der Region» ist momentan überall angesagt – ausser bei der Sprache

Unser Kolumnist Pedro Lenz war kürzlich in Berlin, wo er die Entstehung des nächsten grossen Trends beobachtete. Eine Sache nervt ihn daran aber.

Pedro Lenz
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

CH Media

In dieser fast komplett globalisierten Zeit besinnen wir uns auf die Dinge, die wir selber haben und können. Die Biere lokaler Brauereien munden nicht nur frisch, sie sind auch klimafreundlich, weil sie nicht um die halbe Welt transportiert werden müssen. Lokale Geschäfte kennen unsere Bedürfnisse. Lokale Bands besingen unser Lebensgefühl. Wer bewusst lebt, unterstützt lokales Gewerbe und macht sich Gedanken über eigene Werte, eigene Überlieferung und eigene Möglichkeiten.

Unlängst hatte ich Gelegenheit, die Stadt Berlin zu besuchen. Bekanntlich ist Berlin eine Art Vorfahrerin oder Wegbereiterin in Sachen Trends. Was heute in Berlin gilt, gilt bald auch in Zürich und etwas später vielleicht sogar in Olten oder Frauenfeld.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Berlin auch beim beschriebenen Trend zum Lokalen schon viel weiter ist als wir Provinzler. Wer die Schaufenster in Berlin-Mitte studiert, stösst immer wieder auf Bezüge zum Lokalen. Produkte, Produzenten, Macharten, Design, Material, fast alles ist aus der Nähe. Dieser Bezug zur Nähe wird überall betont und unterstrichen. Das klingt dann zum Beispiel so wie auf dem Schild eines Designer Brands namens CRUBA: «Create Resolutions Using Berlin Arguments».

Eine gute Idee, denkt der neugierige Berlinbesucher. Zwar versteht er den Satz nicht ganz, aber er klingt vernünftig und hat einen klar erkennbaren Lokalbezug. Der Tourist möchte den Laden betreten und liest an der Tür:

«Dear Customers, to ensure that you and our staff remain healthy, we kindly ask you to observe the following rules ...»

Es folgt eine Aufzählung der lokalen Coronavorschriften und zuletzt die freundliche Aufforderung: «Stay safe!»

Der Berlinbesucher denkt noch immer über die Bedeutung gewisser Wörter nach, als er beim nächsten Laden auf einer Schaufensterbeschriftung liest, worauf es ankommt: «We know you have choices, thank you for keeping it local!»

Da erklärt offenbar ein Laden seiner Kundschaft, er sei sich der Tatsache bewusst, dass der Kunde die Wahl hat. Gleichzeitig bedankt sich der Laden beim Kunden dafür, dass er seine Wahl lokal hält. Heisst es «die Wahl lokal halten»? Oder müsste es heissen «das lokale Gewerbe berücksichtigen?» Oder ist etwas anderes gemeint, irgendetwas, das der Berlinbesucher mit seinen beschränkten Fremdsprachenkenntnissen nicht durchschaut?

Der Berlinbesucher hat wirklich nichts gegen die Berücksichtigung des lokalen Gewerbes. Er trinkt lokale Spezialitäten und isst mit Vorliebe lokale Speisen. Trotzdem möchte er irgendwann den Verfasserinnen oder Verfassern all der Berliner Informationsschilder zurufen:

«Local is really very okay dear friends from Berlin-Mitte. I have no problem with local. But why the hell can’t you keep your fucking language local?»

An die lokale Leserschaft angepasst: Liebe Berlinerinnen und Berliner, zieht doch die Sache mit dem Lokalbezug zwischendurch auch mal bei der Sprachwahl durch.