Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Kolumne

«Sprachliche Moden und Marotten»-Kolumne: Von den talentiertesten Sprachmanipulatoren

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über versteckte Sprachkünstler, die punkto kreative Formulierungen sogar Weinexperten übertreffen.
Pedro Lenz
"Schweiz am Wochenende"-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

"Schweiz am Wochenende"-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

Es gibt Leute, die meisterlich darin sind, neue Sprachbilder und nie gekannte Vergleiche in ein Gespräch einzuflechten. Lange dachten wir, die ultimativen Könner in angewandter Spracherneuerung seien die Wein Experten. Ihre Kreativität, wenn es darum geht, die Geschmacksvariationen eines edlen Tropfens in Worte zu fassen, schien unübertrefflich.

Dank der oberflächlichen Lektüre eines deutschen Werbemagazins lernen wir nun, dass Parfüm-Experten sprachlich locker mit Wein-Experten mithalten können. Auf die Frage nach den aktuellen Dufttrends antwortet ein ausgewiesener Fachmann, dessen Namen wir hier nicht nennen möchten, mit dem bemerkenswerten Satz: «Ich beobachte ein wachsendes Interesse an Düften, die mit einer begrenzten Palette von Ingredienzen arbeiten und Qualität und Charakter einzelner Zutaten zelebrieren.»

Verwenden Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch Parfüms, die Qualität und Charakter einzelner Zutaten zelebrieren? Und falls ja, wie fühlt sich diese Zelebration an auf der Haut? Eher wie ein Geburtstagsfest, oder eher wie ein Nationalfeiertag?

Die Sprachkunst des erwähnten internationalen Experten ist damit freilich noch nicht ausgereizt. Auf die Frage, ob es Duftnoten gäbe, die vorwiegend in den Herbst- und Wintermonaten getragen werden, erklärt der Fachmann: «Absolut! In der kalten Jahreszeit wünschen wir uns Wärme, Schutz und Geborgenheit.»

Es gibt Menschen, die Schutz und Geborgenheit bei anderen Menschen suchen. Andere mögen Schutz und Geborgenheit in geheizten Wohnungen und warmen Wolldecken suchen. Die Erkenntnis, dass es auch Leute gibt, die Schutz und Geborgenheit im Parfüm suchen, verdanken wir wiederum dem Parfümfachmann. Er erklärt uns ausserdem, dass wir in der kalten Jahreszeit parfümmässig «intuitiv» wechseln zu «Hölzern, Gewürzen, rauchigen Akkorden und – je nach Vorliebe – auch zu orientalischen oder Gourmand-Noten.»

Lange verbanden wir mit «rauchigen Akkorden» vielleicht die verbrauchte Singstimme von Joe Cocker oder den Song «Smoke on the Water» von Deep Purple. Dank des Duft-Experten werden wir rauchige Akkorde künftig nur noch mit Parfüm verbinden. Für all jene, die nicht recht wissen, wie sie duften sollen, empfiehlt der Parfüm-Experte eine eingehende Selbstbefragung. Parfümkunden sollen sich beispielsweise die Frage stellen: «Möchte ich als dominantes Ausrufezeichen wahrgenommen werden oder als harmonisches Ganzes? Möchte ich Distanz schaffen oder Nähe?»

Bestimmt kennt jede und jeder von uns Mitmenschen, die duftmässig zwischendurch das eine oder andere dominante Ausrufezeichen in den Raum stellen. Ob es sich jedoch in jedem Fall um ein gewollt dominantes Ausrufezeichen handelt, darf zumindest hinterfragt werden.

Wir Parfüm-Banausen, die zwar als harmonisches Ganzes wahrgenommen werden möchten, aber darunter leiden, eher wenig von der Parfümpoesie zu verstehen, trösten uns mit einer abschliessenden Weisheit des Parfümfachmanns: «Parfüm ist eben keine Kopfsache, sondern eine Herzensangelegenheit.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.