Kolumne

«Sprachliche Moden und Marotten»-Kolumne: Wir liken, weil wir dadurch zu Richtern werden

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über ein Thema, das die Nutzer von Sozialen Medien stark beschäftigt: Likes und Dislikes.

Pedro Lenz
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

«Sit i Schluss ha gmacht, disliked är eifach jede vo mine Pousts!»

, sagte eine junge Frau in leidendem Tonfall zu ihrer Begleiterin. Der Satz klang aufs erste Hören irgendwie falsch. Das muss wohl mit dem Verb «disliken» zusammenhängen. Die junge Frau, die sich darüber beklagte, dass eine andere Person offenbar ihre Posts in den sozialen Medien negativ bewertet, nutzte ein noch nicht in die Mundart integriertes Verb, das sich als Negation eines anderen, bereits einigermassen integrierten Verbs verstehen lässt.

Liken ist uns halbwegs geläufig, weil es inzwischen so viele Leute gibt, die unbedingt geliked werden möchten. Liken ist beinahe zum Synonym von bezahlen geworden, da viele Likes neben grosser Anerkennung auch Geld einbringen können. Wer häufig liked oder geliked wird, ist am Puls der Zeit. Einen Beitrag in den sozialen Medien zu liken gibt einem das befriedigende Gefühl, eine Art Richterfunktion auszuüben. Einen Beitrag geliked zu bekommen, gibt einem das nicht minder befriedigende Gefühl, von irgendwoher gelobt worden zu sein.

Andererseits kann man sich leicht vorstellen, dass es für einen Menschen, der in den sozialen Medien etwas Wichtiges oder Bedeutendes gepostet hat, nicht schön ist, nicht geliked zu werden. Wer sich einen Beitrag anschaut und ihn nicht liked, könnte den entsprechenden Beitrag nicht gut gefunden haben.

Nicht-liken, muss allerdings nicht a priori als ablehnende Handlung verstanden werden. Nicht geliked zu werden, kann für die nicht gelikte Person auch bedeuten, dass jemand ihren Beitrag eigentlich hätte liken wollen, aber letztlich vergessen hat, ihn zu liken. Anders gesagt: Es gibt keine Gewissheit darüber, dass diejenigen, die nicht liken, negativ eingestellt sind. Deswegen kann nicht geliked zu werden zwar schmerzhaft sein, aber es ist nicht unerträglich schmerzhaft.

Anders verhält es sich natürlich dann, wenn Menschen einen nicht bloss nicht liken, sondern sogar disliken. Könnte nichtliken noch als Unterlassungssünde verstanden werden, muss einem disliken in jedem Fall wie ein feindlicher Akt vorkommen. Konkret bedeutet disliken, dass man einen Daumen anklickt, der nach unten zeigt. Disliken kommt nicht bloss in sozialen Medien vor, es ist besonders auch unter Konsumentinnen und Konsumenten von Onlinekommentaren recht beliebt.

Ob sich das Verb disliken in der schweizerdeutschen Alltagssprache definitiv durchsetzt und bald zum Normalvokabular gehört, bleibt freilich zu bezweifeln. Klanglich geben die drei Silben nicht besonders viel her. Ausserdem ist die negierende Vorsilbe dis- in der deutschen Sprache doch recht unüblich. Als Alternative zum eher unschönen disliken könnte man sich allenfalls ein Mischwort vorstellen. Vielleicht könnte aus der deutsche Vorsilbe ent- und dem englischen Verbstamm like das Verb entliken wachsen. Entliken läge klanglich nahe beim Verb entlieben. Und darum geht es beim Disliken, wenn wir an die eingangs erwähnte junge Frau denken, ja auch ein bisschen.

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