Kolumne

«Sprachliche Moden und Marotten»-Kolumne: Wutbürger auf dem Holzweg

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über die Krux mit den Redensarten. 

Pedro Lenz
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

Redensarten und geflügelte Worte gehören zur Sprache wie Stirnlampen zum Bergmann. Das ist zugegebenermassen eine eher plumpe, weil allzu offensichtliche Redensart. Ganz schlecht ist sie trotzdem nicht. Die Redensart, Redensarten und geflügelte Worte würden zur Sprache gehören wie Stirnlampen zum Bergmann, will sagen, dass Redensarten zuweilen das Licht der Poesie in die Dunkelheit des Sprachalltags bringen können. Das ist hoffentlich selbsterklärend.

Das Spezielle an allgemein bekannten Redensarten ist jedoch, dass wir sie auch dann verstehen, wenn wir ihre ursprüngliche Bedeutung nicht mehr erkennen. Die Wirksamkeit bekannter Redensarten ergibt sich aus dem häufigen Gebrauch. Sagt jemand zum Beispiel, etwas sei nigelnagelneu, dann braucht niemand zu erklären, woher der Begriff kommt, nigelnagelneu versteht jeder, auch ohne Hintergrundwissen. Heute kann es sich bei einem nigelnagelneuen Ding ohne weiteres um irgendetwas handeln, das keinen einzigen Nagel enthält. Ursprünglich wollte das Adjektiv nigelnagelneu besagen, etwas sei eben erst zusammengenagelt worden. Längst müssen wir nicht mehr an Nägel denken, um zu verstehen, dass etwas Nigelnagelneues besonders neu ist.

Ähnlich ergeht es uns, wenn uns jemand sagt, wir seien auf dem Holzweg. Im wörtlichen Sinn ist der Holzweg ein Weg, der in den Wald führt und dann plötzlich irgendwo endet. Der Holzweg ist nämlich von Holzfällern gemacht und führt nur bis dorthin, wo Holz geschlagen wird. Der Holzweg ist demnach der Weg, der nicht weitergeht, den man nicht brauchen kann, um voranzukommen. Das kann im wörtlichen wie im übertragenen Sinn zutreffen. Auf einem Holzweg sind nicht selten auch Wutbürger, deren emotionsgeladene Onlinekommentare mit Redensarten illustriert werden, die weder stilistisch noch inhaltlich restlos zu überzeugen vermögen. So kommentierte neulich jemand einen Bericht über Rowdys auf Skipisten mit den Worten.

«Die Piste, wie die Strasse, der Spiegel der Gesellschaft.»

Ein Kommentar zum eben zitierten Kommentar könnte lauten.

«Holprige Redensarten, wie eigenartige Vergleiche, der Spiegel mangelnden Sprachgefühls.»

Erwähnenswert dünkt einen in diesem Zusammenhang auch folgende Redensart aus einem Leserkommentar zu einem Artikel über gewaltbereite Fussball-Hooligans:

«Das ist ein Rattenschwanz mit Dominoeffekt.»

Allgemein bekannt ist die Redensart «einen Rattenschwanz nach sich ziehen». Auch der Dominoeffekt kommt im Sprachalltag oft vor. Etwas, das einen Rattenschwanz nach sich zieht, hat unangenehme Konsequenzen. Den Dominoeffekt wiederum definiert der Duden als eine «durch ein Ereignis ausgelöste Folge von weiteren gleichartigen oder ähnlichen Ereignissen.» Was aber ein «Rattenschwanz mit Dominoeffekt» sein soll, kann einem weder der Duden noch das Sprachgefühl erklären. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Rattenschwanz mit Dominoeffekt nicht plötzlich auf irgendeinem Holzweg unserer Gesellschaft spiegelt.

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