Sprachliche Moden und Marotten
«Tscheggsch es, Alte?» Wenn die Jugend wieder alles anders macht

Das generische Maskulinum scheint beim Grossteil der jungen Generation verpönt zu sein, sie verlangt nach Alternativen – doch auf dem Pausenplatz hört unser Kolumnist Pedro Lenz noch ganz traditionelle Wortformen.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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«Alte, was machsch?», sagen auch junge Frauen zueinander.

«Alte, was machsch?», sagen auch junge Frauen zueinander.

Keystone

Wenn man ein gewisses Alter erreicht, hat man in manchen Bereichen, oft ohne es zu wollen, das eine oder andere dazugelernt. Viele Dinge des täglichen Lebens ändern sich. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als sich gelegentlich wieder anzupassen. Zu den Alltäglichkeiten, die in unserer Jugend anders waren als heute, gehört zum Beispiel das grammatikalische Geschlecht. Einst stellte sich die Grammatik auf den Standpunkt, dass gemischtgeschlechtliche Menschengruppen mit der männlichen Form bezeichnet werden. Man sagte also beispielsweise «alle Ärzte des Universitätsspitals» und meinte damit sowohl Ärztinnen als auch die Ärzte.

Diese Verallgemeinerung nennt sich das generische Maskulinum, also die männliche Form, bei der auch die weibliche oder sächliche Form mitgemeint ist. Im Lauf der letzten Jahrzehnte begann sich jedoch die Ansicht durchzusetzen, dass dieses generische Maskulinum gewichtige Nachteile hat. Wird für die Benennung gemischtgeschlechtlicher Gruppen immer nur die männliche Form benutzt, lehrte etwa die Psycholin­guistik, dann gehen die Frauen unter.

Wir reden dann zum Beispiel von den «Schweizern» und behaupten, die Schweizerinnen einfach mit zu meinen, aber ohne sie zu benennen. Dies, so die Psycholinguistik, könne dazu führen, dass wir innerlich beinahe vergessen, die Frauen mit zu meinen und so auch nicht daran denken, dass mehr als die Hälfte jener Schweizer, die wir benannt haben, eigentlich Schweizerinnen sind.

Das Thema klingt jetzt vielleicht ein wenig komplizierter, als es ist. Vereinfacht können wir auch behaupten, die Frauen seien beim generischen Maskulinum zwar immer mitgemeint, aber eben nicht mitgefühlt und nicht mitgedacht. Aus diesem Grund haben sich die meisten Leute inzwischen darauf geeinigt, entweder männliche und weibliche Formen nebeneinander zu gebrauchen oder aber mit einem Schrägstrich, einem so genannten Binnen-I oder einem Gender-Stern darauf aufmerksam zu machen, dass das männliche Geschlecht nicht immer für alle und alles stehen kann.

Selbstverständlich gibt es bei diesem Thema auch Stimmen, die am generischen Maskulinum festhalten möchten und der Ansicht sind, die Sprache sei die Sprache, die Geschlechterfrage sei die Geschlechterfrage und das eine dürfe mit dem andern nicht vermischt werden. Dieser Ansicht dürften auch die Schülerinnen gewesen sein, denen ich neulich im Bus zuhören durfte, während sie sich gegenseitig Fotos auf dem Handy zeigten. «Hey Alte, hesch das gseh?» – «Nei Alte, echt jetz? Gohts no, Alte!» – «Mann Alte, schliifts dere oder was?» – «Yo Alte, voll!»

Dass sich die vielleicht 14-jährigen Mädchen untereinander ständig mit «Alte» ansprachen war schon bemerkenswert genug. Dass sie jedoch nicht die weibliche Mundartform «Alti», sondern ausschliesslich die männliche Form benutzten, klang dann fast schon wie ein Statement, nicht nur für das beinahe totgeglaubte generische Maskulinum, sondern für das Maskulinum überhaupt. «Tscheggsch es, Alte?»

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