Kolumne

Sprachliche Moden und Marotten: Warum «Blib gsund!» kein sinnvoller Satz ist

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über eine spezielle Vorliebe der deutschsprachigen Bevölkerung, die sich auch in der Sprache niederschlägt.

Pedro Lenz
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz. Bild: CH Media

Der Imperativ heisst bei uns auch Aufforderungs- oder Befehlsform. Schon vor der Krise stand in deutschen Grammatiklehrbüchern:

«Im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen wird der Imperativ im Deutschen sehr häufig genutzt.»

Diese häufige Nutzung der Befehlsform hatte bisher vermutlich mit der verhältnismässig hohen Dienstfertigkeit deutschsprachiger Menschen zu tun. Wir Deutschsprachigen lieben es, Befehle zu geben und auszuführen.

Dass sich dies in der Umgangssprache niederschlägt, darf nicht wundern. Selbst lieb gemeinte Floskeln wie «häbs guet!» oder «gniess es!» sind grammatikalisch betrachtet Befehlssätze. Das heisst nichts anderes, als dass wir in protestantischer Manier das Gegenüber auf die Verantwortung für sein eigenes Wohlergehen hinweisen. Im Spanischen zum Beispiel braucht man für die schweizerdeutsche Aussage «häbs guet!» die Floskel «que te vaya bien», was übersetzt heisst: «es möge dir gut gehen.» In dem Satz ist kein Befehl enthalten, sondern ein Wunsch. «Es möge dir gut gehen» nimmt demnach, anders als unser «häbs guet», den Empfänger der Botschaft nicht in die persönliche Verantwortung.

In der gegenwärtigen Krisensituation darf es uns nicht überraschen, dass Befehlssätze im Zusammenhang mit dem eigenen Wohlergehen Hochkonjunktur haben. Ein oft gehörter Satz ist etwa: «Häb der Sorg!» Das ist ein guter Satz, denn er befiehlt etwas, das der Befehlsempfänger tatsächlich tun kann. Jeder weiss, wie er zu sich selbst Sorge tragen kann. Das gilt besonders für diese Zeit, wo die entsprechenden Weisungen überall bekannt gemacht worden sind und immer noch bekannt gemacht werden. Da jeder und jede weiss, wie er oder sie in Zeiten von Corona Sorge zu sich selbst und zu den andern tragen kann, ist «häb der Sorg!» ein umsetzbarer Befehl.

In die gleiche Kategorie wie «häb der Sorg!» gehen ähnliche Aufforderungen wie «lueg zue der!», «machs guet!» oder «tue nid z wüescht!». Auch das sind lauter Befehle, die sich mit etwas gutem Willen umsetzen lassen. Problematischer wird es allerdings schon mit dem allgemein verbreiteten Befehlssatz «chum guet hei!». Dieser Satz ist gut gemeint und schlecht durchdacht. Es liegt normalerweise nicht allein in unserer Macht, ob wir gut nach Hause kommen. Sicher können wir unseren Teil dazu beitragen. Aber nicht selten hängt es von alkoholischen Versuchungen, von bissigen Hunden, von fahrlässigen Verkehrsteilnehmern oder allfälligen Zugausfällen ab, wie gut wir nach Hause kommen.

Noch unbedachter ist freilich der aktuell unbestrittene Nummer-1-Hit unter den Befehlssätzen. Er fehlt gegenwärtig in keiner E-Mail, keiner SMS, keinem Brief und keinem Gespräch. Der Befehl «Blib gsung!» ist zwar gut gemeint und klar verständlich, aber er war nie so schwierig umzusetzen wie in diesen Tagen. Wer auf die Fachleute hört, bleibt zu Hause und wäscht sich die Hände. Trotzdem entscheiden letztlich die Viren, ob wir gesund bleiben.

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