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Kino: Vater und Tochter verschwinden spurlos im Wald

In «Leave no Trace» zeigt US-Regisseurin Debra Granik ein Aussteigerleben frei von Romantik, und sie zeigt eine anrührend einfühlsame Vater-Tochter-Beziehung.
Geri Krebs

Am Anfang und am Ende des Films steht ein mit Tautropfen bedecktes, im Sonnenlicht glitzerndes Spinnennetz. Das filigrane Kunstwerk lässt sich als Metapher lesen für die vielfältigen Verstrickungen zwischen den beiden Hauptfiguren, die den neuen Film von Regisseurin Debra Granik («Winter’s Bone») fast gänzlich tragen: Vater Will, gespielt von Ben Foster, und seine 14-jährige Tochter Tom, stark verkörpert von der 17-jährigen Neuseeländerin Thomasin Harcourt McKenzie), die als Zivilisationsflüchtlinge im Wald wohnen, versteckt unter Blachen in einer von Farnblättern und Moos bedeckten Erdhütte, grösstenteils von dem lebend, was die Natur hergibt. Nur selten begeben sie sich in die – offensichtlich gar nicht so weit entfernte – Stadt, kaufen nötigste Dinge ein mit dem Geld, das Vater Will mit dem Verkauf seines Medikamentenvorrats macht, über den er als Kriegsveteran verfügt.

Der Film gründet auf einer wahren Begebenheit

Mindestens so wichtig wie dieses Protagonisten-Duo ist in diesem leisen Drama aber ein nicht-menschlicher Protagonist: der Wald mit seinem ganzen Reichtum an Geräuschen, unterschiedlichsten Grüntönen, Stimmungen und Wechseln von Licht und Schatten. Er steht im Zentrum eines Films, bei dem man bisweilen das Gefühl hat, unter den sich im Wind bewegenden Baumriesen könne man nasses Holz oder frisches Moos förmlich riechen – so intensiv scheinen die Aufnahmen von Kameramann Michael McDonough diesen Lebensraum förmlich einzusaugen. McDonough war 2010 bereits bei Debra Graniks Vorgängerfilm «Winter’s Bone» mit von der Partie, sorgte in jener Milieustudie – mit der damals noch wenig bekannten Jennifer Lawrence in der Hauptrolle – für eine entrückte Atmosphäre. Diese Stimmung herrscht nun auch in «Leave no Trace» vor.

Der Film basiert auf Peter Rocks Roman «My Abandonment» (2009), dem wiederum eine reale Begebenheit aus dem Jahr 2004 aus dem US-Bundesstaat Oregon zu Grunde liegt: Ein Vietnamkriegsveteran und seine Tochter hatten vier Jahre lang versteckt in einem Waldgebiet nahe der Hauptstadt Portland gelebt, bis sie schliesslich entdeckt und zur Abklärung in eine soziale Institution eingeliefert wurden. Die Abklärungen ergaben, dass das Mädchen nicht nur gesund, sondern auch hochintelligent und schulisch auf dem Niveau einer Maturandin war und die Beziehung zum Vater liebevoll und von grösstem gegenseitigem Respekt gekennzeichnet war. Der Vater erhielt daraufhin eine Arbeit auf einer Pferdefarm und eine kleine Wohnung für sich und die Tochter. Doch bereits nach nur kurzer Zeit verschwanden die beiden wieder – spurlos und für immer.

Keine vordergründigen Weltanschauungen

Autor Peter Rock streifte, nachdem er von diesen Geschehnissen erfahren hatte, wochenlang durch die Wälder von Oregon. Dies weniger in der Hoffnung, das Duo zu finden, als vielmehr, um sich vorzustellen, wie die beiden fortan erneut in der Wildnis gelebt und was sie erlebt haben könnten – und er schrieb daraufhin seinen Roman.

Und so wie in dem Buch Imagination – und nicht harte Facts – viel Raum einnahm, so ist auch «Leave No Trace» ein sanft fliessendes leises Drama geworden, das ganz auf Zuspitzung verzichtet. Vieles deutet der Film nur an, etwa Wills Kriegstrauma oder den Tod der Kindsmutter zu einer Zeit, als Tom noch ganz klein war. Oder auch die Netzwerke der Kriegsveteranen, die in Wäldern leben.

Was das Leben im Wald und das Aussteigertum angeht, liegen bei «Leave no Trace» gewisse Parallelen zu «Captain Fantastic» (2016) nahe, der Aussteiger-Tragikomödie von Matt Ross. Doch während dort das Aussteigertum der von Viggo Mortenson verkörperten Hauptfigur – im Gegensatz zu Will ein rechthaberischer Patriarch – stark ideologisch unterfüttert schien, verzichtet Graniks Film ganz auf vordergründige weltanschauliche Zuschreibungen. Will ist keiner, der seine Tochter indoktriniert, sondern ein vom Krieg seelisch versehrter Mann. Und einer, der von seinem ganzen Denken und Fühlen her nicht mehr unter Menschen leben kann und dem neben der Natur nur seine Tochter alles bedeutet. So viel, dass er sie in der anrührenden Schlussszene ziehen lässt, als sie das tun will. Denn beide wissen: ihre Bindung, fein wie Spinnfäden, wird weiterbestehen.

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