Der Thurgauer Theaterregisseur Jean Grädel spürt keine Altersmilde

Jean Grädel ist mit der freien Theaterszene gross geworden, hat sie mitgeprägt. Bühne und Kulturpolitik lassen ihn nicht los, auch nicht mit 75.

Dieter Langhart
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Der freien Theaterszene fehle eine Kulturlobby, sagt Regisseur Jean Grädel. (Bild: Reto Martin)

Der freien Theaterszene fehle eine Kulturlobby, sagt Regisseur Jean Grädel. (Bild: Reto Martin)

Gewiss, er hat 1968 miterlebt, studierte damals an der Uni Zürich. In einer Partei war er nie, doch politisch und kulturpolitisch gedacht hat er immer, sein Weltbild ist humanistisch. «Ich bin und bleibe Sozialist, nicht etwa Sozialdemokrat.» Und er ist und bleibt Theaterregisseur, ellenlang ist die Liste seiner Inszenierungen. Heuer kommen zwei hinzu: «Winnetou» auf der Freilichtbühne am Titlis ist durch, die Silvesterproduktion der Bühni Wyfelde folgt. Und nächstes Jahr inszeniert er im ehemaligen Kapuzinerinnenkloster in Appenzell ein Stück von Paul Steinmann.

Jean Grädel, 1943 in Hefenhausen geboren, einem Tausend-Seelen-Dorf zwischen Kreuzlingen und dem Conny-Land, wollte mit sechzehn Schauspieler werden, machte Theater in der Scheune des Familienhauses. Fast wäre er mit einer christlichen Wanderbühne mitgezogen, hatte schon sein Köfferchen gepackt.

Jeandampf in allen Theatergassen

«Ich war nicht unbeleckt, mein Vater machte Lehrertheater, ich kannte die Tragik.» Jean lernt einen rechten Beruf am Lehrerseminar, dann saugt er an der Uni Zürich alles auf: Germanistik, Theaterwissenschaft, Kulturgeschichte, Psychologie. Im siebenten Semester inszeniert Jean Grädel mit anderen Studenten ein Stück. Bei Film- und Theaterregisseur Leopold Lindtberg besucht er ein Praxisseminar, denn all die Theorie reicht ihm nicht mehr aus. Am 1. Februar 1968 wird Max Frischs «Biografie» am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Der scheidende Direktor Lindtberg springt als Regisseur ein, Jean Grädel ist sein Assistent.

Grädel geht ans Theater Neumarkt, wird dann nach Baden geholt, gründet «die claque». Sucht immer neue Herausforderungen: Spatz & Co, Winkelwiese, Gessnerallee, Theater an der Sihl. Engagiert sich bei Pro Helvetia und der Kulturstiftung Thurgau. Er macht fast alles, was man im Theater und fürs Theater tun kann, ist Regisseur oder Direktor, Produktionsleiter oder Dozent, sitzt im Kuratorium des Schweizer Theatertreffens, das kommenden Mai zum sechsten Mal stattfindet, in Sion. «Das Theater lässt mich nicht los. Ich habe das Bedürfnis, mich zu engagieren», sagt Regisseur Jean Grädel.

Was kann und will denn Theater? «Es kann anstossen, es vermittelt Denkanstösse und neue Sichten auf bekannte Themen.» Es setze sich mit allem auseinander, was mit dem Menschen zu tun hat – «auf unterhaltsame Weise»; er nennt Shakespeare, Dario Fo und Molière, den er endlich inszenieren will.

Das Freie Theater Thurgau konnte nicht abheben

Produzieren aber mag Jean Grädel nicht mehr, das raube ihm zu viel Kraft bei der aufwendigen Suche nach Geld. 2009 hatte er es nochmals versucht, mit dem Freien Theater Thurgau, einer losen Gruppe von Schauspielern ohne festen Produktionsort. Hatte gesagt, er helfe beim Anschieben, dann ziehe er sich zurück. Das zweite Stück war Dario Fos sozialkritische Farce «Bezahlt wird nicht» am Phönix-Theater, doch in Steckborn am Rande des Thurgaus wurde es nicht so begeistert aufgenommen wie einst in Zürich am Theater Neumarkt. Nach vier Inszenierungen schläft das Projekt ein – weil keiner den Karren weiterziehen mag oder kann, weil die politischen Gremien zögern. Und auch, weil dem Thurgau eine Kulturlobby fehle, die honoriere, was unzählige Freiwillige leisten.

Auf seiner Website steht dieser Satz Max Reinhardts: «Der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.» Hat Jean Grädel nie daran gedacht, den Bettel hinzuschmeissen? «Wenn ich in der Maschine drinstecke, muss ich die Verantwortung tragen.» 

Vorbilder? Peter Brook vom Théâtre des Bouffes du Nord und Ariane Mnouchkine vom Théâtre du Soleil, beide in Paris, «Menschenkenner» Luc Bondy. Ausgleich? Jean Grädel bewegt sich viel und reist, früher ist er viel geritten; er hört Jazz und liest ohne Unterbruch. Anerkennung? «Die Medien sind ärmer an Meinungen geworden, die Kritiken dünner. Dabei wären sie so wichtig für die Einordnung, so wichtig für die Demokratie.»

Di, 6.11., 20.15 Uhr: Gespräch mit Jean Grädel, Leitung Daniel Rohr. Abendkasse ab 19 Uhr, Reservation auf phoenix-theater.ch