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St. Galler Opernchef wechselt nach Wien

Nach Tanzchefin Beate Vollack zieht es auch Peter Heilker ostwärts. Im September 2021 übernimmt er am Theater an der Wien eine leitende Stellung an der Seite des Regisseurs Stefan Herheim.
Rolf App

Peter Heilker kommt gerade von der Probe. Claudio Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» befindet sich im Endspurt. Knappe zwei Wochen noch, dann ist Premiere - wieder mal. Allzu oft wird Heilker das nicht mehr erleben, zumindest nicht am Theater St. Gallen. Auf das Ende der Spielzeit 2020/2021 verlässt er die Ostschweiz und zieht nach Wien, wo er an der Seite des Intendanten Stefan Herheim das Theater an der Wien leiten wird. Als, wie es in der Mitteilung des Theaters St. Gallen heisst, Programm- und Castingdirektor und Stellvertreter des Intendanten. Er wird also zuständig sein für Besetzungen und Programm.

Ein sehr schönes Angebot

«Das war ein sehr schönes Angebot, das ich aus Wien bekommen habe», sagt der studierte Theater- und Literaturwissenschaftler mit Jahrgang 1972.

«Diese neue Aufgabe reizt mich sehr.»

Regie wird Heilker auch in Wien – wie in St. Gallen – nicht führen. «Ich habe das nicht gelernt», sagt er auf die Frage, ob er nicht Lust gehabt hätte, auch einmal eine Inszenierung zu bestimmen. «Man muss seine Grenzen kennen. Wie schwierig es ist, Regie zu führen, das sehe ich ja, wenn ich Regisseuren bei der Arbeit zuschaue.»

Theaterdirektor Werner Signer ist nicht überrascht von Heilkers Abgang. «Ich habe das natürlich kommen sehen», sagt er, und verweist auf die für Theaterverhältnisse lange Amtszeit seines Opernchefs. Heilker ist seit der Spielzeit 2008/2009 hier. Und, für Signer vor allem wichtig, «er wird noch die erste Spielzeit im - wegen der Renovation des Theaters notwendigen - Provisorium bestreiten.» Dann geht, wie Signer betont, «eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit zu Ende». Und St. Gallen sucht einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin, der mit vergleichbarer Energie und so kommunikationsfreudig zu Werke geht, wie Heilker das getan hat. Wobei er (oder sie) «durchaus andere Akzente setzen soll.»

Wo einst Beethoven der Hauskomponist war

Wien ist für Heilker kein fremder Boden. Hier haben die Vereinigten Bühnen ihren Sitz, mit denen zusammen das Theater St. Gallen manche Musicalproduktion gestemmt hat. Das Theater an der Wien gehört zu den Vereinigten Bühnen, es ist deren Opernspielstätte. 1801 von Mozarts Librettisten Emanuel Schikaneder in der Wiener Vorstadt errichtet, hat hier Beethoven als Kapellmeister und Hauskomponist gewirkt. Das Theater hat mannigfache Krisen überstanden, heute ist es, wie Peter Heilker sagt, «ein Ort, an dem besondere Stücke in besonderen Inszenierungen gezeigt werden». Zum Beispiel, aktuell, Rossinis selten gespielter «Guillaume Tell», oder, im kommenden Jahr, Beethovens «Fidelio» unter der Regie des Schauspielers Christoph Waltz. Da steht Barock neben Zeitgenössischem - und mit Stefan Herheim übernimmt «einer der aufregensten Regisseure unserer Zeit», wie Heilker sagt. Von Herheim war in unserer Region zuletzt in Bregenz im Sommer 2015 eine verwirrend komische Inszenierung von Jacques Offenbachs «Les contes d’Hoffmann» zu sehen.

Um richtig Bilanz zu ziehen, dazu ist es noch ein wenig zu früh. Ein paar Punkte - und ein paar Highlights - fallen Peter Heilker aber schon ein. Als Verdienst rechnet er sich an, «dass das Publikum sich nach anfänglichem Zögern eingelassen hat auf eine zeitgenössische Regiehandschrift». Stolz ist er auf jene Sängerinnen und Sänger, die von St. Gallen aus ihren Weg an grössere Bühnen gefunden haben - oder die, bereits in aller Welt erfolgreich, hier wie etwa Alex Penda in neuen Rollen debütieren.

Schliesslich schaut er mit grosser Zufriedenheit auf die Festspiele, die sich auf dem Klosterhof als Festival für Opernraritäten etabliert haben. Giuseppe Verdis «Il trovatore» vom kommenden Juni bildet die Ausnahme von der Regel. Die Regel: Das sind unbekannte Werke bekannter Komponisten - wie etwa Verdis «I due Foscaris», Puccinis «Edgar» oder Donizettis «Il diluvio universale». Oder Opern, deren Komponisten zu unrecht vergessen sind - wie Alfredo Catalanis «Loreley».

Zum Modernen kommt das Populäre

Dabei hat Heilker immer wieder eine glückliche Hand in der Wahl nicht nur der Sänger, sondern vor allem der Regisseurinnen und Regisseure bewiesen. Auf die Frage, auf welche Inszenierungen er besonders stolz ist, nennt er zuallererst «La Gioconda» von Amilcare Ponchielli. Ein rabenschwarzes Stück, das die Regisseurin Rosetta Cucchi in das Venedig der Faschisten versetzt hat, und dessen «Tanz der Stunden» die Tanzchefin Beate Vollack zum erotisch-grausigen Höhepunkt gestaltet hat. Auf den dadurch an der Premiere ausgelösten Buhsturm ist Heilker noch immer stolz - zu Recht.

Er nennt noch zwei weitere Inszenierungen: Puccinis «Edgar», vom Regisseur Tobias Kratzer und Bühnenbildner Rainer Sellmaier zum allegorischen Mysterienspiel geformt. Und «Written on Skin» von George Benjamin, von der Bühnenbildnerin Mirella Weingarten auf eine Spiegelbühne gesetzt - eine von sechzehn Schweizer Erstaufführungen, die Peter Heilker verantwortet hat. Zu ihnen gesellen sich sechs Uraufführungen, zuletzt «Annas Maske» von David Philip Hefti und Alain Claude Sulzer.

Ein breiter Fächer an Geschichten

Zum Modernen gesellt sich das Populäre, zur Oper die Operette und das Musical. Auch für sie konnte - und kann - er sich enorm begeistern. Musiktheater, das ist für ihn ein breiter Fächer an Geschichten und Zugängen. Nur langweilig darf es nicht sein.

Wien wird ein anderes Pflaster sein als St. Gallen, dessen ist er sich bewusst. Aber München, woher er gekommen ist, war auch etwas anderes. Das Theater St. Gallen aber muss nun eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger finden.

«Wir haben genug Zeit»

, sagt Werner Signer. «Bis Ende Jahr sollten unsere Findungskommission einen Namen haben.»

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