STADTTHEATER SURSEE: Auch an Operettenbühnen gilt: «Anything Goes»!

Statt einer Operette wird in Sursee Cole Porters Musical «Anything Goes» gespielt. Die künstlerische Leiterin Isabelle Ruf sagt, wie das zur Professionalisierung der Laienbühne passt.

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Die aufwendige Grossproduktion «Anything Goes» markiert eine neue Ära am Stadttheater Sursee: Die bekannte, in der Blasmusik-Szene gross gewordene Dirigentin Isabelle Ruf Weber, seit 2001 musikalische Leiterin der Operette Sursee, leitet das Stadttheater seit diesem Jahr auch als künstlerische Direktorin. Sie koordiniert nicht nur das Programm über die Sparten hinweg, sondern sucht auch die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. So soll jene mit der Musikhochschule, die ihre «Stage Lab»-Gastspiele bereits in Sursee zeigt, ausgebaut werden. So gründet das Stadttheater eine Operetten-Factory, an der Studenten der Musikhochschule operettenspezifische Kurse besuchen können und die ihnen Praktika an der Operette Sursee ermöglicht. Ein Vorläuferprojekt dazu waren für «Anything Goes» die Kurse, in denen Nicole Sieger (Voicesteps) Stepptanz und Sprechtechnik unterrichtete.

Isabelle Ruf, die Operette Sursee spielt mit Cole Porters «Anything Goes» ein Musical von 1934. Hat die Operette auch in ihren Hochburgen bald ausgedient?

Isabelle Ruf: Nein. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass wir ein Musical aufführen. Als ich vor elf Jahren die musikalische Leitung hier übernahm, war meine erste Produktion bereits ein Musical, nämlich «Kiss me Kate», ebenfalls von Cole Porter. Die Idee ist die, dass wir alle paar Jahre zwischen die Operetten ein Musical einschieben.

Also vertragen sich in Sursee die beiden Genres, die oft gegeneinander ausgespielt werden?

Ruf: Ja, vor allem inhaltlich sind sich beide sowieso ähnlich. So geht es in «Anything Goes» ebenfalls um eine vertrackte, mit Intrigen ausgesponnene Liebesgeschichte, die sich in einem Happy End auflöst. Aber Musicals sprechen musikalisch auch ein etwas jüngeres Publikum an. Die Musik in «Anything Goes» ist jazzig und von Big-Band-Sounds und -Grooves geprägt. Und einzelne Songs werden englisch gesungen.

Was sagen Sie einem älteren Operetten-Fan, wieso ihm das trotzdem gefallen könnte?

Ruf: Porters Musik repräsentiert den Swing der 1930er- und 1940er-Jahre. Das ist eine Zeit, zu der gerade ältere Besucher noch einen Bezug haben können, sogar wenn sie das nicht selber erlebt haben. Zugleich ist die Musik von zeitloser Qualität – ich selber mag ihr Temperament und ihren Schwung ausserordentlich.

Dann ist also eher die Frage, wieso in Sursee nicht häufiger Musicals aufgeführt werden?

Ruf: Das hat vor allem finanzielle Gründe. Die Tantiemen, die wir für ein solches Werk zahlen müssen, sind mindestens doppelt so hoch wie für eine gebührenpflichtige Operette. Zudem ist die Aufführung eines solchen Werks mit einem enormen Aufwand verbunden, da in diesem Fall vom Verlag eine professionelle Produktion verlangt wird. Das reicht von der Miete von Spezialinstrumenten wie Gitarre, Klavier, Keyboard über diverse Perkussionsinstrumente und Verstärkeranlagen im Orchester bis zum enormen szenischen Aufwand, den wir dafür betreiben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ruf: Aussergewöhnlich ist schon das Bühnenbild. Die Handlung des Musicals spielt auf einem Kreuzfahrtschiff, auf dem ein blinder Passagier die Heirat seiner grossen Liebe verhindern will, wobei ihm ein Gangster und andere dubiose Gestalten in die Quere kommen. Für all das hat unser Bühnenbauteam ein spektakuläres Schiff auf die Bühne gezaubert. Ein weiteres Zusatzelement ist der Stepptanz, der eine Rolle spielt, wie es bei uns noch nie der Fall war.

Inwiefern?

Ruf: Wir haben vorgängig Kurse durchgeführt, in denen die Mitwirkenden seit Wochen in Sprechtechnik und Stepptanz unterrichtet wurden. In der Titel-Nummer «Anything Goes» steppt das ganze Ensemble auf der ­Bühne und bringt damit das ­lässige Lebensgefühl jener Zeit zum Ausdruck.

Das klingt auch szenisch gar nicht nach der guten alten Operette. Bringt ihr neuer Regisseur Björn B. Bugiel trotzdem etwas Plüsch-Gefühle mit ein?

Ruf: Plüsch nein, aber Gefühle ja! So gibt es auch in diesem Musical natürlich langsame, gefühlsbetonte Nummern. Aber grundsätzlich unterscheidet es sich von der Operette doch durch das höhere Tempo der Handlung. Die Dialoge und Szenen folgen sich zum Teil Schlag auf Schlag, was einiges an Aufmerksamkeit verlangt. Bugiel ist als Musical-Darsteller und -Regisseur ein Crack in der Musicalszene, der diesen Aspekt betont – mit viel Tempo, Witz und einem Hang zum Slapstick. Dadurch gewinnt die eher komplizierte Handlung an Fluss und wird auch leichter verständlich.

Regie-Crack, Kurse, professioneller Big-Band-Anspruch: Geht die Professionalisierung der ehemaligen Laienbühne damit noch einen Schritt weiter – auch im Sängerensemble?

Ruf: Ja, ich denke, diese Entwicklung geht unaufhaltsam ­weiter. Einerseits sind die Qualitätsansprüche des Publikums gestiegen. Anderseits gibt es heute sehr viele junge, gut ausgebildete Musiker und Sänger, die froh sind, wenn sie in einer solchen Produktion mitwirken und über dreissig Mal auf der Bühne stehen können. Früher konnte jemand, der Gesangsunterricht nahm und Erfahrung als Sänger sammelte, in einer Operetten-Produktion rasch einmal grössere Rollen übernehmen – und viele haben auf diesem Weg herausragende Leistungen erbracht. Aber das dürfte in Zukunft immer weniger der Fall sein.

Geht mit der Tradition von Amateuren, die Theater-Naturtalente sind, Theatern wie jenem in Sursee nicht ein Teil der Identität verloren?

Ruf: Ich denke, ein Stück weit ist das der Preis für die Professionalisierung. Aber wir pflegen diesen regionalen Aspekt wo immer möglich weiter. Mit Andreas Fitze als Kapitän, Alois Suter als Gangster und Andrea Hofstetter als Geliebte sind auch dieses Jahr drei Hauptdarsteller dabei, die das Gesicht der Operette Sursee in den letzten Jahren geprägt haben. Zudem konnten wir den 12-jährigen Fabio Arnold engagieren: ein Knabe aus Oberkirch, der unter anderem bereits an den Thuner Festspielen sang. Aber solche Talente sind selten und verlassen meist bereits für die Ausbildung die Region. Was allerdings bleibt, ist die prägende Rolle des Amateur-Chors.

Inwiefern?

Ruf: Mehrere Chormitglieder prägen seit Jahren unsere Produktionen, indem sie in Nebenrollen brillieren. Gerade diese kleineren Rollen geben unseren Aufführungen oft die besondere Würze, quasi den Paprika. Parallel zur Professionalisierung bleibt damit der regionale Aspekt nach wie vor wichtig.

Aber die anderen Sänger und Darsteller sind alles Profis?

Ruf: Ja, der von der TV-Serie «Mannezimmer» her bekannte Schauspieler Kamil Krejci etwa spielt als Ulknudel einen Börsenmakler. Aber das Wichtigste ist trotz aller Professionalisierung der Motivationsschub und die Begeisterung, die eine derart aussergewöhnliche Produktion bei allen Beteiligten auslösen.

Urs Mattenberger

Lebensfrohe Kreuzfahrt in die Swing-Ära

Cole Porters Musical «Anything Goes» (1934) beschwört Big-Band-Sounds, Jazz und Vaudeville die swingenden 30er-Jahre. Die flirrende und lebensfreudige Geschichte spielt auf einem Kreuzfahrtschiff, auf dem eine bunt gewürfelte Reisegesellschaft die Überfahrt von Manhattan nach London bestreitet. Mit auf dem Schiff sind ein blinder Passagier, der die Hochzeit seiner grossen Liebe mit einem reichen Lord zu verhindern versucht, ein Gangster mit Braut und andere illustre Gäste, die für Unterhaltung sorgen. mat

Premiere: Samstag, 11. Januar, 17.00

Stadttheater Sursee, Aufführungen (in der Regel Fr, Sa und So) bis 30. März,
VV: