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Stanley Kowalski räumt auf

Mit «Endstation Sehnsucht» von Tennessee Williams gelingt Jonas Knecht am Theater St. Gallen ein eindringlicher Wurf. Nicht zuletzt dank Anja Tobler in der Rolle der Blanche DuBois, deren Spiel frösteln lässt.
Rolf App
Stanley (Frederik Rauscher) wedelt mit dem Rückfahrticket, und wieder einmal steht Stella (Anna Blumer) zwischen ihm und ihrer Schwester Blanche (Anja Tobler). Die Kamera schaut zu und zoomt heran. (Bild: Iko Freese)

Stanley (Frederik Rauscher) wedelt mit dem Rückfahrticket, und wieder einmal steht Stella (Anna Blumer) zwischen ihm und ihrer Schwester Blanche (Anja Tobler). Die Kamera schaut zu und zoomt heran. (Bild: Iko Freese)

Sie sind die Antipoden dieses Abends am Theater St. Gallen. Blanche DuBois, Tochter angesehener Grundbesitzer aus dem amerikanischen Süden, deren Gut den beziehungsreichen Namen «Belle Rêve» trägt. Und Stanley Kowalski, Arbeiter polnischer Herkunft, aber Amerikaner von Geburt. Trotzdem von Blanche gern «Polacke» genannt.

Ihr Schöpfer Tennessee Williams hat sie 1947 in seinem Stück «Endstation Sehnsucht» aufeinander losgelassen. Der amerikanische Traum, er hat schon tiefe Risse bekommen, und Williams ist der Chronist eines Niedergangs. Nicht nur «Belle Rêve» ist verloren, Blanche ist es auch. Sie ist sich dessen zwar nicht bewusst, als sie sich bei den Kowalskis einquartiert. Aber sie spürt es. Ihre Nervosität bricht sich in einem nicht enden wollenden Wortschwall Bahn, in dessen Zentrum die eine grosse Frage steht: Sehe ich auch gut aus?

Stanley spielt das Spiel nicht mit

Schwester Stella spielt dieses Spiel mit, nicht aber Stanley, ihr Mann. Er liebt den kalten Realismus, hält ihr unter die Nase, was er so aus ihrer Stadt erfahren hat, und zögert auch nicht, Blanche an ihrem Geburtstag ein Rückfahrticket zu schenken. Mit anderen Worten: «Endstation Sehnsucht» ist ein Kammerspiel der schwarzen Sorte. Die Kammer aber, die Jonas Knecht am Theater St. Gallen für seine Inszenierung gewählt hat, das ist ein grosser, für drei so gegensätzliche Menschen aber entschieden zu kleiner Wohnwagen. Wir sehen ihn auf der von Michael Köpke gestalteten Bühne zumeist von vorn. Wäre da nicht Clemens Walters Videoleinwand und die zwei Kameraleute in schwarz, die Auseinandersetzung bliebe fern und blass. So aber kommen wir ihr so nah, dass es wehtut.

Und zwar vor allem wegen der Antipoden: Anja Tobler als Blanche DuBois und Frederik Rauscher als Stanley Kowalski. Nicht dass die anderen Mitwirkenden nicht auch ihren Teil beitrügen zur eindringlichen Wirkung des Stücks: Anna Blumer als Stella, die immer wieder zwischen die Fronten gerät. Stanleys Freunde Steve (Christian Hettkamp), Pablo (Matthias Albold) – und Mitch (Oliver Losehand), der nicht so recht dazu passen will, weil auch seine Seele verloren in der Welt umherirrt.

Blanche zerbricht an der Wahrheit

Früh ahnt man, dass Mitchs zarte Bindung zu Blanche schon rasch reissen wird. Denn Stanley Kowalski räumt auf, rücksichtslos. Während Blanche auf die Narben in ihrem Innern Schutzschicht um Schutzschicht an erfundenen Geschichten legt wie Schminke auf ihr alterndes Gesicht, demontiert er sie Stück um Stück. Die Leere in ihrem Herzen, sie ist unerträglich. Nicht nur für Blanche selber. Auch für uns.

Das aber ist Anja Toblers Verdienst. Ihr von den Kameras unbarmherzig herangezoomtes Gesicht spricht Bände. Da steht eine Schauspielerin auf der Bühne, die restlos verschmilzt mit ihrer Figur. Die mit ihr unter Stanleys verbalen Hammerschlägen ihre Würde verliert und zugrunde geht an der Wahrheit.

Einmal, gegen Ende hin, verkriecht Blanche sich unter einen Tisch, verfolgt von den Kameras. Es ist eine Schlüsselszene dieser eindrucksvollen Inszenierung.

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